Impressionen von der diesjährigen Frankfurter Buchmesse

Donnerstag, 10. November 2016

Ein Feld, fast so groß wie ein Fußballplatz. Die Besucher spazieren auf einer weiten Fläche, die nur hie und da gebrochen wird, wie von den Strandkörben am Nordseestrand. Dort sitzt oder liegt man, wenn man müde oder nur neugierig ist; aus dem Halbschatten kommen weibliche Gestalten und beteuern, sie seien „Gedichteflüsterinnen“ und würden einem gerne was vorlesen. Ich liege zwischen Prousts Balbec und meinen schönen Erinnerungen von der Nordsee, stotterte nur, ich würde gerade selbst dichten. Es ist nicht gelogen. Die künstliche Fläche hat die Weite belebt. Die Seitenfronten sind bedeckt von einer Marinelandschaft, Lichtwirkungen schwanken unbemerkt, man ist mal bei Ebbe und dann bei Flut, morgens, mittags oder abends, ohne genau den Wandel merken zu können. Es sind technische Projektionen, die auf etwas Gestricktem erscheinen, dahinter ahnt man ab und zu Bücherregale. Lesen oder spazieren gehen. Lesen und laufen. Anschauen und entdecken. Gehen und denken.

In den Achtzigern war ich über die Weihnachtsferien auf der Insel Texel. Stundenlang gingen wir am Strand spazieren, Treibholz aus der Nähe der Ferienwohnung brachten wir mit und fütterten abends damit den Kamin. Der Wind sang die ganze Nacht durch die Schornsteine, sehr laut und irgendwie bedrohlich. Noch schlimmer waren aber die Düsenjets, die sehr tief zwischen Meer und Küste sausten. In Frankfurt ist alles friedlich. Sucht man hinter den hängenden, wechselnden Bildern, sieht es aus wie in einem Verlagslager. Junge Menschen kommen ab und zu und richten die Bücher zurecht, gehen wie auf  Katzenpfoten, um das Wunder nicht zu entzaubern. Dahinter, ab und zu erkennbar, die Lichtquellen, die technische Reproduzierbarkeit der Kunst, in ihrer profanen Nacktheit. Auf der so immens weiten Fläche, zwischen den Sitz- und Liegeplätzen, sieht man einzelne beleuchtete Fundorte, die archäologischen Ausgrabungen ähneln. Die Besucher gehen von da nach dort, betrachten zugleich die sich wandelnde Meereskulisse, die Liegenden oder die Sitzenden, die Welt im Kleinen, wie an einem Wochenende. All dies weist auf einen Raum hin, den die Sprachwissenschaft, wie bei Wikipedia, (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Verbreitungs gebiet_des_Niederländischen.PNG) so bestimmt:
Die Karte kann dem Leser in Kronstadt verdeutlichen, wie eine Sprach- und Kulturregion, die geographisch klein ist, von großer Bedeutung sein kann.

Der Autor hat sehr schöne Jahre in Münster in Westfalen verbracht. Radio Hilversum war Hauptsender im Studentenheim, Kommilitonen „mit Geld“ fuhren oft nach Holland, um legal Haschisch zu rauchen. Die Luft am Aasee roch oft bei Westwind nach Nordsee. Nordsee war Mordsee, Romantik und Freiheit. Ein Feld, fast so groß wie ein Fußballplatz, war die Idee der Darstellung bei der diesjährigen Buchmesse. Die Bukarester Germanisten werden den Komparatisten Val. Munteanu nie vergessen, der durch alle Varianten der germanischen Sprachen jonglierte. Hier werden zwei vorgestellt, gesprochen nordwestlich vom deutschen Sprachraum, dem literarisch interessierten Publikum. Hier erlebte man zwei Randvarianten. Der Autor denkt plötzlich an die deutsche Literatur in der Bukowina, im Banat und im Burzenland, er staunt und freut sich, dass diesmal die eine die andere mitzieht; wie die beiden zusammen mit Erfolg ihre einende Identität selbstbewusst artikulieren. 

Flandern & die Niederlande waren Gastland der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt am Main. Motto: „Dies ist, Bücher sind, was wir teilen“. Was sie vereint, war allen bisherigen Schwerpunkten ebenbürtig - die Präsentation überwältigend.
Der Auftritt „Flandern & die Niederlande“ wurde von zwei Literaturstiftungen organisiert: der Flämischen Literaturstiftung (Vlaams Fonds voor de Letteren) und der Niederländischen Stiftung für Literatur (Nederlands Letterenfonds). Zur Messe waren gekommen u. a. Stefan Hertmans, Herman Koch, Margriet de Moor, Cess Nooteboom, Connie Palmen, Tommy Wieringa, Leon de Winter.

Auf www.frankfurt2016.com finden sich interessante Essays zur niederländischen und flämischen Literaturszene. Die meisten deutschen Medien haben ihre Beiträge zur Buchmesse ins Netz gestellt, wo sie noch eine Zeit lang zu sehen sind.
Am Strand gehend, ist jeder Schritt eine andere Welterfahrung als etwa eine Bergwanderung, wie man sie im Burzenland kennt. Die Besucher kommen zur Buchmesse und laufen plötzlich am Watt. Der Wechsel von Bergspitzen und Täler wird ersetzt vom Rhythmus von Ebbe und Flut. Das Spazieren im Zeichen der räumlichen Unendlichkeit, nichts steht der freien Sicht im Weg, keine Trennung von Land und Wasser ist wahrnehmbar. Die Erinnerungen streifen auch das Gehen und Denken, nicht allein durch den Begriff der Freiheit sind sie sehr eng verwoben. Der Heidelberger Philosoph Ludwig Giesz („Philosophische Spaziergänge“) hatte seine Studien in Rumänien begonnen und bis zur Pensionierung darüber gearbeitet und gelehrt; er war ein Generationskollege und alter Freund des in Kronstadt geborenen Walter Biemel, inzwischen Emeritus in Aachen.

Kein Feld, auch groß wie ein Sportplatz, kann dem „Homo ludens“ (Ein markantes und wegweisendes Buch des holländischen Sprachphilosophen Johan Huizinga von 1939) so anheben, wie die Buchkunst. Das Buch, von der handwerklichen Produktion im späten Mittelalter, bis hin zur digitalen Zeit. Auch dies wird direkt gezeigt. Hinzu kommt eine Wahrnehmung dieser Kunst in der Stille. In dem vorhin beschriebenen Raum war es zwar nicht still, weil viele Menschen gekommen waren und miteinander sprachen. Es war aber still, anders als in einer Kirche. Die Stille hinter dem Alltags-Lärm. Gehen und Denken. Es war das Spielen der Gedanken, die aus den Büchern atmeten. Jocul ielelor.

Zwei Momentaufnahmen als Abschluss:

Geert Mak erzählt, während der Autor liegend, ohne Gedichteflüsterinnen, hinter dem Horizont späht, über neueste Erkenntnis über die Menschen in Osteuropa. Im Heidelberger Amerikahaus hatte er vor Jahren einen Text über Holländer, die sich in Ungarn nach 1990 in einem Dorf sehr billig Häuser gekauft und dort nieder gelassen hatten, gelesen.
Leon de Winter weiß Besseres über Osama Bin Ladens wahrem Tod. Darüber hat er einen Roman geschrieben, für den er wirbt. Der Autor erlebte ihn eine Etage tiefer, unter dem Landpavillon des Gastlandes, wo die ARD für das breite Publikum das literarische Geschehen bekannt macht. Auch er ist in Heidelberg kein Unbekannter, dank der Literaturtage, die seit 1994 bisher jährlich hier stattgefunden haben, wahrscheinlich aber erstmals ab 2017 unterbrochen werden sollen. Der Autor hat dies gestern der Lokalpresse entnommen, er lebt hier seit 41 Jahren.

Gheorghe Stanomir

P.S.

1. Der Stand Rumäniens hatte hohe, spitze Büchertürme, wohl in Erinnerung an Ţepeş. Der moldauische Messestand war wieder da, nachdem man jahrelang umsonst nach ihm Ausschau gehalten hatte. Ein junger, freundlicher Konsul vertrat die Literatur, von Nachteil war nur, dass er auf Anfrage nicht wusste, ob I.L.Caragiale ausgestellt sei oder nicht. Wir schauten zusammen nach: es gibt auch in Chişinău seit 2015 eine Werkausgabe des Klassikers in drei Bänden, herausgegeben von Stancu Ilin, Nicolae Bârnă und Constantin Hârlan.
2. Die am meisten besprochenen deutschsprachigen Autoren waren Bodo Kirchhoff, Daniel Kehlmann, Sibylle Lewitscharoff und Christian Kracht.
3. Die nächste Buchmesse startet am 17. Oktober 2017. Ehrengast wird Frankreich sein.

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