„In der Auseinandersetzung mit diesen Menschen habe ich gemerkt, wie viel ein gutes Wort wert ist“

Interview mit der Autorin und Sprachaktivistin Daniela Boltres

Sonntag, 04. März 2018

Die Lyrikerin und Sprachaktivistin Daniela Boltres

In Temeswar als Kuratorin der Ausstellung „Wer versteht das schon?“
Fotos: Zoltán Pázmány

Autorin, Sprachaktivistin, interkulturelle Trainerin, Moderatorin von Erzählcafés – dies alles und viel mehr steht in der Vita von Daniela Boltres, die kürzlich ein mehrsprachiges und partizipatives Lyrik-Projekt in Temeswar/Timişoara geleitet hat, mit Lyrik-Ausstellung und begleitenden Workshops in Form von Erzählcafés. Die Gedichte stammen von Migranten, denn Daniela Boltres leitet unter anderem das Café International und die AG Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit im EXIL – Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge. Das Projekt wurde in Temeswar vom Deutschen Kulturzentrum mit Unterstützung des Goethe-Instituts durchgeführt. Über Sprache, Migration, Fremdsein und Daheimsein sprach mit ihr ADZ-Redakteurin Ştefana Ciortea-Neamţiu.
 

Sie sind Autorin, aber auch Sprachaktivistin. Was versteht man denn darunter?

Ich beschäftige mich sehr viel mit Sprache, und zwar nicht nur im Sinne des Nachdenkens darüber, welche Wirkungen ich mit einer bestimmten stilistischen Form erzielen kann – ich schreibe vorwiegend Lyrik – sondern auch, welche Bedeutung bestimmte Sprachmuster haben, die wir als junge Menschen erlernen, oder auch als Erwachsene, und was das mit uns macht. Sprache „verrät“ uns. Nicht nur unsere soziale oder Milieu-Herkunft, sondern auch viel über unser Denken. Wenn ich einen eher aggressiven, stakkatoartigen Redefluss habe, nehme ich anderen Leuten den Raum weg. Wenn ich behutsam bin, werden andere eher eingeladen, auch ihre Meinung zu sagen.

Sprache ist auch eine Form der Mitteilung, die uns hilft, uns in der Welt zurechtzufinden. Wenn ich kommuniziere, dann verrate ich etwas über mich, andere können mich einschätzen, können entscheiden, ob sie mit mir zu tun haben wollen oder nicht, was eine große Chance bereithält, denn allein sein ist schwer. Als Menschen sind wir stark aufeinander angewiesen. Andererseits kann uns Sprache auch schützen. Es hat mich stark beeinflusst, was Nicolae Steinhardt in seinem Buch „Jurnalul fericirii“ ausgesagt hat. Da ging es um die Ethik der Lüge, nach dem Motto „Christus hat von uns nie und nirgends verlangt, dumm zu sein“. Das hat mich überzeugt, dass das Sprechen sehr viel mit Ethik zu tun hat. Ich versuche in meiner Arbeit, unter anderem in den Erzählcafés, ein Bewusstsein für den Gebrauch von Sprache mit den Teilnehmern zu erarbeiten.
 

Weil Sie auf die Erzählcafés zu sprechen gekommen sind, die Sie in Deutschland und nun auch in Temeswar angeboten haben: Viele hatten mit Fremdsein, Daheimsein, mit Krieg und Frieden zu tun. Welche der Lebensgeschichten, die Sie im Rahmen solcher Erzählcafés gehört haben, hat Sie am meisten bewegt?

Das ist sehr schwer! Ich werde zwei Fälle herausnehmen; der erste: Er war Künstler und er hatte in seinem Rucksack – das einzige Gepäckstück, das er mitgenommen hatte übers Meer – unter anderem ein Handy, das Aufladegerät und einen USB-Stick. Alles fiel ins Wasser, weil das Boot kenterte. Er hat überlebt und kam ohne seine Kunstwerke in Europa an, was für ihn als bildenden Künstler sehr schwer war. Er sagte zu mir, er beneide die Leute, die schreiben können, da sie das immer bei sich hätten, sie könnten sich also ausdrücken. Ich habe ihn dann darauf verwiesen, dass jemand, der eine sprachliche berufliche Tätigkeit hat wie ein Lyriker, erst die neue Sprache erlernen muss und er auch später Lyrik anders schreiben wird als auf Arabisch. Der Maler im Seminar hat dann auch gesagt, ich kann nichts dazu sagen, außer den Verlust benennen - und dann hat er ein weißes Papier abgegeben.

Im anderen Fall handelt es sich um einen Lyriker. Er hat sich in Damaskus gegen Assad geäußert, er hat zusammen mit seiner Frau und ein paar Freunden Protestzettel verteilt, er war zweimal im Knast, das Kind war gerade geboren und die Bomben fielen schon. Als das Kind sprechen lernte, was das erste Wort, das es gesprochen hat, tatsächlich „bomb“. Das hat er in einem Gedicht verarbeitet, das auch in der Ausstellung vorkommt.
 

Wie sind Sie auf die Flüchtlingsproblematik gekommen? Warum war sie Ihnen wichtig?

Ich vermute, da ist einerseits ein biographischer Zugang, ich bin vor 30 Jahren aus Rumänien fort und habe eine sehr gastfreundliche Aufnahme erfahren. Schon in der deutschen Schule in Zeiden/Codlea, dann im Honterus-Lyzeum, haben meine Deutschlehrer gesagt, dass ich „Luther-Deutsch“ spreche. Es gab eine gewisse phonetische Distinktion in meinem Singsang, das habe ich beibehalten. Und vielleicht war damals schon das Interesse dafür geweckt, wenn jemand anders klingt. Diese kleinen Abweichungen können die Aufmerksamkeit auf sich lenken, können aber auch abgrenzend wirken. Wie gesagt, ich habe es jedoch selbst nicht erlebt.

Andererseits habe ich über 20 Jahre lang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, schreibe deutsch und rumänisch, merke, dass ich immer nur ein begrenztes Publikum habe, in der einen oder in der anderen Sprache, und das sind Prozesse, die dann anfangen, mich zu interessieren.

Das ist sicherlich auch ein Thema in meiner siebenbürgisch-sächsischen Familie gewesen, da mein Großvater deportiert war, und er hatte über diese Zeit nicht reden können. Also, das Nicht-reden-können, wohin man zwangsweise gelangt ist – vertrieben oder deportiert – das hat mich auch immer beschäftigt. Und dass es eben auch Menschen verändert.

1991 hatte ich dann begonnen, zum ersten Mal geflüchteten Migranten in Freiburg Deutsch beizubringen. Und das hat sich durchgezogen, dreißig Jahre, bis nach Rostock und Berlin, jetzt Osnabrück. Ich habe immer mit Menschen zu tun gehabt, die von anderswo kamen. Sprache war natürlich ein Thema, denn: In welcher Sprache reden wir, damit wir alle verstehen?
Als 2012 der Krieg ausgebrochen war, arbeitete ich im Auslandsamt der Uni Rostock. Die syrischen Promovierenden und Studierenden waren plötzlich mittellos, weil die syrischen Stipendien wegen des Embargos nicht mehr übermittelt werden konnten. Dann hatte ich auf einmal mit dieser krassen Situation zu tun. In der Auseinandersetzung mit diesen Menschen habe ich gemerkt, wie viel ein gutes Wort wert ist.
 

Wie sieht Ihre Arbeit heute am Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge aus?

Ich mache dort die Sprachkurskoordination, das heißt, ich akquiriere ehrenamtliche Lehrkräfte und organisiere sie je nach Level. Bei den Kursteilnehmern handelt es sich vorwiegend um Geflüchtete in der Warteschleife, bis sie ihre Anhörung beim BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) bekommen. Bevor die Verfahren starten, sind sie sechs bis zehn Monate in den Unterkünften. Aber was macht man dort den ganzen Tag? Ein Dorf hat zusammengelegt, damit ein Junge das Mittelmeer überqueren kann, er hatte vorher noch die libysche Wüste überlebt - und dann sitzt er in Norddeutschland in einer ehemaligen britischen Kaserne und wartet. Also Sprache ist wichtig, um an Menschen heranzukommen, die einen schon wegen der Hautfarbe ablehnen, um dann sagen zu können: Ich bin nicht gefährlich, ich bin der Sohn einer Mutter. Das sind so schwere Hürden, die genommen werden müssen, dass ich denke, ein bisschen mehr Barmherzigkeit ist nötig, zu warten, bis jemand diesen Satz sagen kann.
 

Sie haben schon die Hautfarbe angesprochen. In der Ausstellung hängt aber auch das Gedicht einer Engländerin, die sich ebenfalls fremd gefühlt hat, wenn sie auch nicht vom Äußeren her als Fremde angesehen wurde. Welche Vorurteile würden Sie als prägnanter bezeichnen in Deutschland?

Ich bin privilegiert, dass ich in einem Kontext arbeite, in dem die Menschen keine Schwierigkeiten mit zugewanderten Leuten haben. Wenn man nur in diesem Milieu bleibt, hat man das Gefühl, es gibt keinen Rassismus. Es gibt auch keinen AfD-Kandidaten für den Stadtrat in Osnabrück. Trotzdem wurden gleich nach der Wahl, als die AfD in den Bundestag eingezogen ist, unsere Schilder zerstört. Ich finde, das ist schon aussagekräftig. Da sind Schleusen geöffnet worden. Auf einmal ist es legalisiert, eine rechte Position zu vertreten. Das ist auf der politischen Ebene.

Sie haben gefragt, welche Vorurteile es gibt: Ich glaube, es gibt Ängste. Es gab Ängste, als die ostdeutschen Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg nach Westdeutschland kamen, es gab Ängste vor diesen Leuten. Es gibt aber, denke ich, mehr Ängste, wenn Leute von anderen Kontinenten kommen und das andere Aussehen eine Rolle spielt. Es wäre jetzt vermessen, mich aus dem Fenster zu lehnen, aber es gibt eine Art Ranking, vor wem man mehr Angst hat, oder wen man weniger um sich haben will. Je europäischer die Leute sind, je heller sie sind, desto leichter ist die Kontaktaufnahme.

In Osnabrück ist das aber im Alltag nicht der Fall. Es gibt jedoch eine Zurückhaltung, neben wem sitze ich im Bus? Es gibt ganz subtile Formen, Angst zu haben. Und es gibt natürlich auch strukturelle - dass man sagt, wie behandeln das die Behörden aufgrund ihrer Vorgaben, wer wo in welcher Unterkunft ist, ist sie näher an der Stadt oder weiter weg?
 

Können Sie einen Vergleich ziehen zwischen dem Image der Migranten in Deutschland und in Rumänien? Wie schon eine der Teilnehmerinnen am Erzählcafé gemeint hat, wird das Thema zurzeit wenig besprochen in Rumänien, aber vor ein paar Jahren war in den Medien eine starke Zurückhaltung betreffs Aufnahme von Migranten erkennbar, als von Quoten gesprochen wurde.

In Deutschland kommt immer wieder ein Begriff hoch – ich nenne es ein Gespenst – die deutsche Leitkultur, an der sich neu Zugewanderte orientieren sollen. Das war vor zehn, vor zwanzig Jahren so, das ist ein Reflex, wenn neue Menschen in die Gesellschaft stoßen, ob sie im Zusammenhang mit dem Ex-Jugoslawien-Krieg kamen, oder jetzt mit der sogenannten Flüchtlingswelle. Es gibt Menschen und dann eben Parteien, die das auf den Punkt bringen und sagen, sie müssten sich an unsere Werte halten. Sicherlich haben wir Werte, wir haben Rechtsstaatlichkeit, wir haben lange in Deutschland ein Asylgesetz gehabt, das den Namen verdient hat.

Seit sich die AfD etwas breiter macht mit Pegida, gelangt in die Medien auch ein sehr menschenverachtendes Bild gegenüber Geflüchteten, als ob es DEN Geflüchteten gäbe, den Prototypen, den bösen Menschen, der Deutschland unterwandern wollte. Es gibt diesen Menschen eigentlich nicht, deshalb spreche ich von Gespenst.

Was Rumänien betrifft, zum Vergleich: Wir haben in Osnabrück 4000 Asylsuchende und Rumänien hat insgesamt 4000 Asylsuchende. Das mal so zu den Dimensionen. Zum anderen habe ich gestern erfahren, dass von den 3000 Menschen, die einen Antrag stellen dürfen – also nicht alle dürfen einen Antrag stellen – 1300 Fälle genehmigt wurden, davon 72 in Temeswar. Die Bevölkerung müsste diese Zahlen kennen. Ich weiß auch, dass die Regierung zurückhaltend ist mit Zahlen, weil das leicht missbraucht werden kann. Auf der anderen Seite denke ich, dass diese Zahlen helfen, alles im Verhältnis zu sehen. Ich glaube, wir müssen realistischer werden.

Außerdem: Ich habe mich auch im Internet über ein Foto geärgert und mich dann mit den Leuten angelegt, die es gepostet haben. Es war ein Foto mit Flüchtlingen auf dem Bahnhof und darunter die Behauptung „Muslime, die Rumänien islamisieren wollen“. Ich habe mir das Foto angeschaut und geschrieben: „Das, was man vorläufig sieht, sind sieben Erwachsene und drei Kinder, die schlafen, nichts anderes“. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die ängstlichen Menschen hier gar nicht von den ängstlichen Menschen in Deutschland oder anderswo. Xenophobie ist keine nationale Eigenheit.
 

Wissen Sie, welche Veränderung diese Workshops oder auch die Deutschkurse für die Migranten gebracht haben?

Es ist unterschiedlich. Die Teilnehmer kommen wieder, wenn sich ihr Status geklärt hat. Häufig wissen wir gar nicht, dass sie wegziehen, wenn es biographische oder strukturelle Einbrüche gibt, dass die Leute verschwinden, weil sie verschwinden müssen, also weil sie untertauchen, verschoben werden oder wegziehen, weil sich kurzfristig ein Job ergeben hat. Dann verlieren wir die Kontakte. Also wir verlieren manchmal Leute, weil es ihnen nicht gut geht.

Was die Sprachkurse betrifft, ist es so, sie sind das Ticket zur nächsten Sprachstufe, zum nächsten Praktikum, das ist viel handfester. Das gehört bei vielen Menschen zu einer Überlebensstrategie. Da bekommen wir Rückmeldungen. Manchmal kommen die Leute zurück und zeigen uns das Diplom, das ist toll.

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