„In der Kunst ist unsere Rettung“

Interview mit dem Dirigenten von internationalem Renommee Cristian Măcelaru

Freitag, 05. Oktober 2018

Cristian Măcelaru: Ein Temeswarer wird Chefdirigent des WDR-Orchesters

Mit 38 Jahren ein weltweit gefragter Dirigent: Ein ehemaliger Geigenschüler von Prof. Johann Fernbach Fotos: privat

Im Frühjahr dieses Jahres stand Ihr Name in den Schlagzeilen der deutschen Kulturpresse und in Rumänien .Auch in Ihrer Heimatstadt Temeswar empfing man die Nachricht mit großer Freude: Tom Buhrow, Intendant des WDR-Sinfonieorchesters, kündigte im Mai an, dass Sie „ ein herausragender und weltweit sehr gefragter Dirigent“, ab der Spielzeit 2019-2020 als neuer Chefdirigent des WDR-Sinfonieorchesters wirken werden.

Ich bin wahrlich glücklich, ein Teil dieser bekannten und schönen musikalischen Familie zu werden. Das WDR-Sinfonieorchester ist in den letzten Jahren zu einem Orchester mit hohem internationalem Niveau gereift. Ich dirigierte das Orchester aus Köln erstmals im Februar 2017, darauf in drei verschiedenen Konzerten u.a. mit Werken von Mozart, Mahler, Strawinsky, und es war von Anfang an eine sehr gute Wechselbeziehung Orchester-Dirigent. Besonders mitreißend für alle, für die Musiker, das Kölner Publikum und auch für mich, war das Konzert mit Tschaikowskys vierter Sinfonie im Dezember des Vorjahrs. Es hat mich aber auch davon überzeugt, dass wir zusammengehören und gemeinsam in Zukunft große Dinge angehen können. Ja, ich übernehme ab dem Sommer 2019 das Amt des Chefdirigenten von Jukka-Pekka Saraste, der die Leitung des Orchesters neun Jahre innehatte. Zunächst für drei Jahre. Derzeit mache ich bis zu meinem Amtsantritt einen Deutschkurs.

Sie sind derzeit, mit 38 Jahren ein sehr junger Dirigent, jedoch schon weltweit anerkannt und am Dirigentenpult sehr gefragt. Sie haben mit den besten amerikanischen Orchestern wie denen aus Chicago, New York, Los Angeles bis zum Philadelphia Orchestra zusammengearbeitet, aber auch in Europa die Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks, der Staatskapelle Dresden und des Gewandhausorchesters Leipzig geleitet. Was führt Sie dann trotzdem jedes Jahr zurück in die Konzertsäle Ihrer alten Heimat, Rumänien?

Ich wurde bekanntlich 1980 in Temeswar geboren, wuchs hier in einer musikalischen Familie auf. Ich werde es auch nicht vergessen: Die Temeswarer Musikschule und ihre guten Lehrer gaben mir die Liebe zur Musik mit auf den Weg. Und der Grundstein zu meiner musikalischen Laufbahn wurde durch das gründliche Studium am hiesigen Musiklyzeum gelegt.  Als Zweitklässler spielte ich schon in einem Orchester, als Schüler der V. Klasse nahm ich schon an internationalen Wettbewerben teil. Bis zum Alte von 17 Jahren, als ich mein Studium mittels eines Stipendiums in den USA fortsetzen und vervollständigen konnte, studierte ich in Temeswar, von der IX. bis zur XI. Klasse, Geige bei Prof. Johann Fernbach. Heute kann ich sagen, dass ich Prof. Fernbach höchst dankbar sein kann: Er hat damals sehr ernsthaft und korrekt darauf bestanden, dass ich in meinem Musikstudium, in allem, auf Detailtreue und auf die Präzision zu achten habe. Meine Beziehung zur rumänischen Musikszene wurde nie abgebrochen. Seit einigen Jahren dirigiere ich bis zu sechs Mal jährlich in Rumänien. Außerdem leite ich das Sinfonische Jugendorchester Rumäniens, dem ich eine großartige Laufbahn voraussage. Das Orchester erreichte heuer sein zehnjähriges Jubiläum, es besteht aus den talentiertesten Musikern meiner Generation aus dem ganzen Land.  Im Juli eröffneten wir gemeinsam in Sinaia die 19. Auflage des internationalen Festivals „Enescu und die Musik der Welt“.

Wie in vielen Bereichen ist auch die sinfonische Musikszene Rumäniens  nach der Wende von dem besorgniserregenden Phänomen der Auswanderung unserer besten Musiktalente gekennzeichnet. Wann wird dieser Aderlass ein Ende finden?

Es ist bekannt, dass in allen Orchestern Europas und Amerikas auch rumänische Musiker spielen und allgemein geschätzt werden. Ich bemerke jetzt jedoch, und es ist als ein gutes Zeichen zu werten, dass die Auswanderung unserer Musiktalente in letzter Zeit abgeflaut ist. Das vorgenannte Jugendsinfonieorchester Rumäniens ist der beste Beweis. Nicht nur dafür, dass die rumänische Musikschule zu den Besten der Welt gehörte und weiterhin gehört. Auch dafür, dass junge rumänische Musiker auch im eigenen Land Hervorragendes leisten können. Ich möchte da unsere gemeinsame und auch erste Gasttournee eines rumänischen Orchesters in den USA, in New York, Detroit, New Jersey, in Florida anführen. Ich sage, man hat da in Amerika für die rumänischen Musiker erstmals eine Tür weit aufgestoßen.

Für Sie war das Studium in den USA ein bedeutender Schritt in Ihrer musikalischen Laufbahn, die sich nun weltweit in den größten Konzertsälen entfaltet. Wie kam es, dass Sie in außergewöhnlich kurzer Zeit vom Geiger zum Dirigenten und Komponisten avancierten?

Wie gesagt, kam ich als Minderjähriger an ein Privatlyzeum in Michigan, darauf besuchte ich die Fakultät in Florida, meinen Master habe ich in Houston gemacht. Ich war der jüngste Konzertmeister des Sinfonischen Orchesters von Miami, und mit 19 kam mein Debüt in der Carnegie Hall. 2010 leitete ich das Houston Grand Opera Orchestra, 2012 wurde ich Dirigent des Chicago Symphony Orchestra. 2014 erhielt ich den renommierten SOLTI-Preis für Dirigenten. Meine musikalische Bildung hatte, bestimmt durch mein gründliches in Temeswar gestartetes Geigenstudium, einen glücklichen Lauf: Ich wurde eigentlich nur durch die Geige zum Musiker, zum Komponisten und zum Dirigenten sowieso. Jetzt beginnen Jungmusiker mit 18 ein Dirigentenstudium, was für mich unverständlich und falsch ist. Als ich erst mit 28 in den USA zu dirigieren begann, taten alle erstmal ganz erstaunt. Es zeigte sich jedoch, dass ich Recht hatte.

Beim WDR verspricht man sich sehr viel von einem Dirigenten wie Sie es sind, der sowohl den Geist der europäischen klassischen Musik aber auch die moderne, amerikanische Art und Weise, stets das Publikum im Auge zu behalten, mitbringt. Wie sehen Sie sich selbst als Dirigenten?

Ich hoffe, in den nächsten Jahren beim WDR viele meiner schönen Pläne und Vorsätze gemeinsam mit einem Orchester von hervorragenden und begeisterten Musikern verwirklichen zu können. Gemeinsam werden wir bestimmt etliche neue Wege gehen können. Ein guter Anfang: Wir sind schnell gute Freunde geworden. Ich sehe das so: Ich bin eine Art Coach, ein Trainer wie im Sport, gleichzeitig aber auch ein Mitspieler. Eigentlich dirigiert das Orchester. Die Rolle des Dirigenten ist die, die Musiker bestens zur Geltung zu bringen. In diesem Sinne handhabe ich auch das Repertoire. Es reicht von der klassischen und romantischen bis zur modernen Musik. Ich habe eigentlich keinen Lieblingskomponisten. Ich habe es auch oft wiederholt: Ich möchte als Dirigent nicht unbedingt pädagogisch wirken, also musikalische Erziehung machen, sondern eher das Publikum der Musik nahebringen. Damit haben beide Seiten mehr gewonnen.

Wie sehen Sie aus musikalischer Sicht ihre Heimatstadt Temeswar als europäische Kulturhauptstadt 2021?

Ich kann das aus der Ferne nicht so genau im Detail beurteilen. Temeswar könnte jedoch ohne weiteres, durch seine Tradition und seine guten Musiker, auch zu einer Musikhauptstadt werden. Selbstverständlich mit dem klaren angewandten Willen der Stadt und den heutzutage unbedingt nötigen Investitionen. Man sollte in diesem ganzen Wettbewerb eins, das, was letztlich immer zählte und zählen wird, nicht außer Acht lassen: In der Kunst ist unsere Rettung!

Herzlichen Dank für Ihre Ausführungen.

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