In der unendlichen Schleife des Vergessens

Mit der Alzheimer-Krankheit leben

Sonntag, 09. Februar 2014

Der 79-jährige Ilie Guzgan leidet seit vier Jahren an Alzheimer, gepflegt wird er von seiner Ehefrau Lucica.

Lucica Guzgan zeigt, wie sie die Medikamente ihres Mannes in einer Plastik-Schachtel sortiert hat.
Fotos: Aida Ivan

„Wie heißt du denn?“, fragt die alte, am Tisch sitzende Frau den heiteren Mann im Sessel, der sich in Ruhe eine Fernsehdoku über Raubtiere ansieht. „Ilie“, antwortet der Mann und lächelt sorglos. „Er weiß, wie er heißt“, sagt die Frau. Es ist wohl nicht das erste Mal, dass sie diese Frage stellt und diese Antwort erhält. Die Krankheit des Mannes gehört zu ihrem Alltagsleben. Lucica Guzgan erzählt, wie ihr Ehemann vor vier Jahren mit Alzheimer diagnostiziert wurde. Die Situation hat sich seitdem völlig verändert, erklärt die kleine Frau mit gütiger Miene. Ihr ganzes Leben hat sie als Krankenschwester gearbeitet, seit einer Weile hat sie diese Rolle wieder übernommen, diesmal für einen ganz besonderen Patienten – den Mann, mit dem sie fünfzig Jahre zusammen verbracht hat.

Ilie zeigt anfangs Interesse am Gespräch und stellt Fragen: Wer ich sei, woher ich komme, ob ich in Bukarest wohne. Der höfliche Mann mit den blauen Augen möchte wissen, wer diese Person ist, die ihm und seiner Frau einen Besuch erstattet. Über ihren Ehemann spricht Lucica, als ob er nicht anwesend sei. Und geistig ist es so. Eine Viertelstunde später stellt er dieselben Fragen und bekommt dieselben Antworten. Der schlanke Mann, der jetzt brav in der Ecke sitzt, hatte 2008 einen Schlaganfall. Doch schon davor wusste seine Frau, dass etwas mit ihm nicht stimmt - er ärgerte sich schnell und glaubte, die ganze Welt schmiede ständig neue Pläne gegen ihn. Das war nicht sein Charakter, erklärt sie. Lucica brachte ihren Mann ins Krankenhaus, die Ärzte stellten fest, dass er Alzheimer-Symptome hat, die im Test bestätigt wurden. Seitdem muss er täglich Medikamente einnehmen. Doch die Krankheit war schon damals sehr fortgeschritten...

Auch wenn das Haus brechend voll mit Büchern ist, liest Ilie Guzgan nichts mehr. Nur Animal Planet oder National Geographic sieht er gern. „Die Nachrichten gefallen Puiu nicht“, sagt seine Frau liebevoll, während sie den Ordner mit seinen Analysen durchsucht. Sogar seine Schrift hat sich verändert. „Vorher hatte er eine sehr schöne Schrift“, fügt sie hinzu. Die Test-Ergebnisse wurden im Laufe der Zeit immer schlechter, am Anfang erzielte er von insgesamt 30 Punkten 22, danach wurden es 15, beim letzten Test waren es 9. Lucica Guzgan muss sich allein zurechtfinden und die ganze Arbeit machen. Ihren Mann kann sie nur dann allein im Haus lassen, wenn er schläft. Dann beeilt sie sich zum kleinen Laden im Erdgeschoss des Wohnblocks, in die Klinik oder in die Apotheke und kommt möglichst schnell zurück. Auch wenn sie selbst drei Herzoperationen überstehen musste, hat sie seit zwei Jahren keine Zeit, zum Arzt zu gehen. Nur sie kann sich um ihren Ehemann kümmern, denn Ilie akzeptiert keine andere Frau im Haus. Sogar seine eigene Schwester erkennt er nicht mehr, sagt Lucica.

Inzwischen schaut sich Ilie Guzgan eine Sendung mit Eisbären an. Und möchte erneut erfahren, wer die junge Frau im Wohnzimmer ist. Er bekommt dieselben Antworten, nickt zustimmend und richtet seinen Blick zum Fernseher. Der Mann, der sich früher intensiv sportlich betätigte und Wanderungen ins Gebirge unternahm, sitzt seit Jahren im Sessel und sieht fern. Lucica selbst war auch sehr sportlich, Athletik und rhythmische Gymnastik zählten zu ihren alltäglichen Aktivitäten. Die schönen Erinnerungen mit ihrem Ehemann helfen ihr dabei, weiterzumachen: „Wir hatten einen sehr schönen Freundeskreis, wir fuhren oft ins Ausland zusammen und machten da Urlaub“, erklärt Lucica. Seit gut vier Jahren führen die beiden ihr Leben im geschlossenen Kreis. Früher fuhren sie aufs Land, wo sie sich ein Haus gekauft hatten, um die Natur zu genießen. Diese Reisen sind nun nicht mehr möglich.

Freunde rufen manchmal an. Ilie spricht mit ihnen und behauptet, er erkenne sie. Doch nach jedem Anruf fragt er Lucica, mit wem er gesprochen habe. Nur gelegentlich kommuniziert er mit seiner Ehefrau. „Ihm zu widersprechen hat keinen Sinn, wenn er seine eigenen Ideen hat. Dann sage ich ihm, dass er recht hat“, erklärt die Frau. Die mangelnde Kommunikation mit ihrem Ehemann empfindet sie als bedrückend. Als ehemalige Krankenschwester kann sich Lucica mit ihrem kranken Ehemann zurechtfinden. „Aber die anderen?“, fragt sie sich.

Die Alternative

Eine große, moderne Villa auf der Gării-Straße in Buftea; das große Tor wird nach einem kurzen metallischen Geräusch elektrisch aufgesperrt. Der Hof ist leer, an den Fenstern im zweiten Stock sind Gitterstäbe zu sehen. Die Tür des Hauses öffnet eine gelassen wirkende Frau. Rechts befindet sich das Wohnzimmer, wo ungefähr 15 alte Leute ihren Alltag verbringen. Sie sitzen schweigsam am Tisch. Die einzige Stimme, die man hört, ist die eines Volksmusik-Sängers im TV. Eine Frau brummt die Melodie. Eine andere Dame geht hin und her und klopft an die Wände, den Tisch und an die Stühle, um zu erfahren, wie es sich anhört. Eine Assistentin rasiert einen alten Mann. Am Ende bedankt sich der Mann und versteht nicht, warum er seinen Pullover ausziehen soll. Er hat einen Fleck, die Assistentin hilft dem folgsamen alten Mann beim Umziehen. Die meisten Menschen bewegen sich nicht und scheinen geistig abwesend. Manche blättern in alten Zeitschriften. Sie haben diese wahrscheinlich auch gestern und vorgestern durchgeblättert.

So lässt sich die Atmosphäre in einem der ersten Alzheimer-Pflegeheime  Rumäniens namens Sfântu Gheorghe in der Kleinstadt in der Nähe Bukarests beschreiben. Elena Matei, die Leiterin des Altenheimes und Psychologin, erklärt, dass dieses speziell für Alzheimer-Betroffene gedacht war, da die Nachfrage immer größer wird. Für einen Monatsbeitrag von 2000 Lei pro Person wohnen im Pflegeheim ungefähr 20 Leute. Die Assistenten kümmern sich um die Patienten rund um die Uhr.

„Morgen besuche ich dich, heute bin ich verreist“

Der Alltag der Alzheimer-Patienten besteht aus Spielen, Zeitschriften lesen, Fernsehen und Spaziergängen, wenn das Wetter es erlaubt. Die jüngste Patientin ist 58 Jahre alt, die älteste 98, erzählt Elena Matei. Ein Patient ist 65 Jahre alt und hat als junger Mann ein Zweitstudium abgeschlossen. Er telefoniert oft mit seinem Sohn. Zehn Minuten nach dem Gespräch fragt er die Assistentin, ob er seinen Sohn anrufen darf. Der Mann glaubt, er arbeite noch und vermutet, dass der Arbeitgeber ihn um den Lohn betrügt. Die Arbeit mit solchen Patienten kann sehr anstrengend sein, erklärt Matei. „Sie können um eine Tablette für Kopfschmerzen bitten, die ihnen gegeben wird. Das vergessen sie natürlich, kommen erneut zur Assistentin und bitten um die Tablette. Es kann sein, dass die Patienten dasselbe 20 Mal pro Tag fragen. Viele Familienmitglieder haben nicht so viel Geduld“, meint die Psychologin.

Meistens versucht die Familie, dem Betroffenen die Wahrheit zu sagen. Das nervt die Patienten und sie können aggressiv werden, erklärt sie. Das Beste ist, wenn man ihnen sagt, was sie hören wollen. „Sie brauchen viel Liebe und es gefällt ihnen, wenn jemand zuhört. Auf keinen Fall sollte man ihnen widersprechen“, verdeutlicht die Psychologin. „Wir haben einen Herrn, der die Assistentin für seine Tochter hält. Er ruft sie mit dem Namen seiner Tochter und die Assistentin nennt ihn ‘Vati’“, verdeutlicht Elena Matei. Wenn einer der Patienten weggehen will, bekommt er immer dieselbe Antwort: „Ja, sicherlich, in einer halben Stunde“. Der Alzheimer-Kranke vergisst in wenigen Minuten, was ihm gesagt wurde. Wenn die Patienten mit Familienmitgliedern telefonieren, passiert es oft, dass sie Fragen, wann jemand zu Besuch kommt. Den Familienmitgliedern wird empfohlen, möglichst frühe Termine zu nennen, sonst ärgern sich die Patienten. „Ich erstatte dir einen Besuch morgen, heute bin ich verreist“ –  so klingt die Standardantwort, auch wenn der nächste Besuch tatsächlich erst nach einem Monat stattfindet.

„Ich kann beweisen...“

Lucica gesteht, dass sie auch mit dem Gedanken gespielt hat, ihren „Puiu“ für eine Weile ins Pflegeheim zu schicken, nur ein paar Monate, damit sie auch mal ins Krankenhaus gehen kann. Aber die Idee, ihn die ganze Zeit  in einem Altenheim zu lassen, lässt sie außer Betracht. „Es ist nicht wie zu Hause. Außerdem gibt es sowieso keine finanzielle Unterstützung für Alzheimer-Patienten“, sagt die 73-jährige Frau, der es in ihrem Alter schon schwer fällt, eine Person zu pflegen. Sie allein muss ihren Ehemann täglich anziehen, waschen und auch nachts über ihn wachen, denn manchmal fällt er aus dem Bett. Der Betroffene legt Einspruch ein: „Ich kann beweisen, dass ich aufstehen kann“, behauptet Ilie. „Ja, mach das“, erwidert seine Ehefrau. Dasselbe hat er schon vor einer halben Stunde bewiesen. Er steht auf, macht ein paar Schritte, dann geht er zurück und setzt sich wieder in den Sessel. „Wissen Sie, er war ein sehr schöner Mann ...“, sagt Lucica und beginnt von ihrem ersten Treffen zu erzählen.

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