In der Vermarktung liegt die Zukunft

Wohin sich der Literaturkreis Stafette entwickeln möchte

Samstag, 15. November 2014

Symbolgrafik: freeimages.com

Die jungen Mitglieder der Aktionsgruppe Banat sind vergessene Rockstars. Eines der bekanntesten Bilder von der Gruppe könnte genauso Kult sein, wie das Schallplatten-Cover des Rekordalbums “Abbey Road”: Sechs jungen Männern steht das Wasser bis zum Hals, sowohl buchstäblich als auch figurativ. Der Fotograf ist zugleich Freund und Henker. Er arbeitete mit an der Akte, die länger werden sollte, als das Gesamtwerk der sechs Schriftsteller. Den Bekanntheitsgrad der Beatles haben William Totok, Werner Kremm, Richard Wagner, Johann Lippet, Rolf Bossert und Anton Sterbling nie erreicht. Das obwohl ihre Geschichte sagenumwoben klingt: Sie waren im kommunistischen Rumänien junge Rebellen, die das Establishment aufrütteln wollten und dafür mit dem Feuer spielten. Ihre Literatur war politisch, ihre Texte waren Statements. Sie hatten was zu sagen und ließen sich den Mund nicht verbieten. Das hat ihnen einen Platz in der Geschichte gesichert. Nicht unbedingt als Schriftsteller, dafür aber als Dissidenten.
Fragt man heute in der Nikolaus-Lenau-Schule, wer denn diese Aktionsgruppe Banat sei, erhält man als Antwort ein Achselzucken. Vergessene Rockstars eben oder besser gesagt vergessene Schreibstars.

Sie sind besonders für die deutsche Minderheit aus dem Banat echte Celebrities. Weil sie, genau wie die Beatles für die Welt, für die rumäniendeutsche Literatur aus dem Banat richtungsweisend waren. Schließ-lich hat auch die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller oft in Interviews vom Einfluss der Gruppe auf ihren literarischen Werdegang gesprochen. Müller war mit einem der Gründungsmitglieder verheiratet und debütierte als Schriftstellerin in dem deutschsprachigen Literaturkreis Adam-Müller-Guttenbrunn, der Anfang der 1980er Jahre gegründet wurde. Es war der zweite Anlauf für die Banater Literaten, die wie auch andere rumäniendeutsche Autoren ständig von der harschen Zensur und den Schikanen der Geheimpolizei in die Ecke gedrängt wurden.

Würde Hollywood die Geschichte aufgreifen, würde sie daraus einen dreistündigen Politthriller inszenieren, mit Starbesetzung, als Garant für mindestens neun Oscarnominierungen: Vom fast schon enigmatischen Chefredakteur der „Neuen Banater Zeitung“, Nikolaus Berwanger, der den Literaturkreis gründete, bis hin zu Persönlichkeiten wie Richard Wagner, Ex-Aktionsgruppe-Mitglied und wichtige Schlüsselfigur der neuen literarischen Gruppe.
Genauso spannend wie die Texte der Schriftsteller sind ihre Entstehungsgeschichten. Und gute Geschichten verkaufen gute Bücher und manchmal sogar schlechte. Schaut man sich viele Erfolgsromane der jüngsten Geschichte an, wo man sich über die Qualität des Inhalts schon wundern muss, dann erkennt man schnell, dass noch ein weiterer Geschichtenerzähler seine Finger im Spiel haben musste.

Willkommen im 21. Jahrhundert, dem Jahrhundert pompöser Aufmachungen, aufgebauschter Skandale und perfekt inszeniertem Trug.

Kein Wunder also, dass Jugendliche nichts von der Aktionsgruppe Banat oder dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis gehört haben. Umsonst ärgern sich rumänische Schriftsteller wie Radu Aldulescu über die Ahnungslosigkeit von Schülern, schließlich hat er eine wichtige Regel des modernen Büchermarktes in seiner Argumentation vergessen: Vermarktung ist alles.

Und es mögen viele mit den Augen rollen und resigniert seufzen, aber auch Literatur ist eine Image-Sache. Mit 20.000 Publikationen pro Jahr allein in Deutschland kann es auch nicht anders funktionieren. Denn Talent haben viele und Potenzial, sich von der Masse abzuheben, besitzen auch mehr als zwei. Den Unterschied kann dann nur die Vita des Schriftstellers machen. Darum werden Autoren schnell Stempel aufgedrückt. Wenn man kein Schriftsteller mit Migrationshintergrund ist, dann vielleicht ein Skandalautor, der mit Tabus bricht.

Auf jeden Fall muss der Schriftsteller inzwischen genauso spannend sein, wie seine Literatur selbst. Weil man sonst nicht bemerkt wird. Chancen hat man vielleicht noch, wenn jemand aus dem Buch einen Film machen möchte. Das zieht dann neue Leser an und startet Bestsellerkarrieren.

Der Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis löste sich Ende der 1980er Jahre auf. Viele der rumäniendeutschen Autoren, die dort debütierten, wanderten nach Deutschland aus. Man fürchtete eine Zäsur.

Die Zukunft ist die Stafette

Als der Literaturkreis Stafette 1993 gegründet wurde, war die Zukunft der deutschen Minderheit in Rumänien ungewiss. Der Großteil der Banater Schwaben war nach Deutschland ausgewandert. Wenige blieben zurück.
Annemarie Podlipny-Hehn ließ sich davon nicht beirren: Sie glaubte an den Fortbestand einer deutschsprachigen Literatur im Banat.

20 Jahre lang leitete sie die Stafette und trug maßgeblich zur Entstehung einer neuen Generation von Schriftstellern bei. Durch die Veröffentlichung von Sammelbänden ermöglichte sie es jungen Schreibenden, erste Texte zu veröffentlichen.

Diese neue Generation unterscheidet sich von der alten, der sie nacheifert. Herrschten in den Literaturgruppen vor der Wende politische Texte vor, ist die Politik fast gänzlich aus den Texten der Stafette-Mitglieder verschwunden. Die Senioren, die bei der Stafette mitmachen, schreiben entweder Mundart- oder Heimatliteratur. Es wird oft der Vergangenheit nachgeschmachtet.

Die jungen Schreibenden greifen dagegen Alltagsthemen auf. Manche werden auch stilistisch von den modernen Medien beeinflusst, ein Grund weshalb viele Texte entweder Bezug auf Fernsehen in den 1990er jahren und auf das Internet in den 2000ern nehmen.

Manche Schreibenden dieser Generation haben es schwer, eine eigene Identität zu finden. Ein Problem, das auch rumänische Nachwuchsautoren belastet. Die eigene erzählerische Stimme fehlt. Doch so sehr moderne Medien manchen Nachwuchsautoren zum Verhängnis werden, sie sind auch die einzige Chance, die der Literaturkreis hat, um mit der Zeit zu gehen.

Um neue Mitglieder zu gewinnen, müssen auch neue Angebote her. Darum bemüht sich die neue Vorsitzende des Literaturkreises, Henrike Brădiceanu-Persem, eine neue Plattform zu schaffen und die Stafette auch im Internet präsenter zu machen. Denn gerade dort spielt sich eine Revolution ab.

Stichwort: Self Publishing. Mit dem wachsenden Interesse an E-Books, also digital veröffentlichten Büchern, verlieren Verlage an Bedeutung. Wenn Druckkosten wegfallen und die Veröffentlichung des eigenen Romans nur einen Klick entfernt ist, dann gehen immer mehr Leute den Weg der Eigenpublikation mittels Onlinebörsen. Videoportale wie  Youtube haben es vorgemacht: Über den Erfolg entscheidet letztlich der Leser.
Es klingt auf den ersten Blick nach einer Lösung gegen Übervermarktung. Doch durch Self Publishing wächst auch die Zahl der Veröffentlichungen. Der Markt wird noch einmal unübersichtlicher.

Um die Image-Frage kommt man einfach nicht herum. Denn ehe sich ein Leser von der Qualität eines literarischen Textes überzeugen kann, muss er von dem Autor oder der Autorin irgendwie hören.

Darum setzt die Stafette ihre Internetseite neu auf.

Im Vordergrund sollen künftig die aktiven Mitglieder stehen sowie ihre Publikationen. Zudem soll ein moderner Online-Auftritt auch neue Wege öffnen. 

Auch jene vergessenen Rockstars, die die Literatur des Banats geprägt haben und eigentlich Vorbilder für eine junge Generation sein können, sollen auf der neuen Seite vorgestellt werden. Das Gleiche trifft auch auf Mitglieder des Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreises zu.

Die Stafette sollte 1993 eine Brücke schlagen. Sie sollte die Arbeit der Vorwendegruppen wieder aufnehmen. Im Jahr 2014 stellt man sich die Frage: Wie?  Im Internet könnten zwei Welten zusammenkommen. Dort könnte die Zukunft der deutschsprachigen Literatur aus dem Banat entschieden werden. Denn es geht um die Faustregel des 21. Jahrhunderts: Vermarktung ist alles.

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