„In diesem Jahr haben wir den Wasserpreis nicht angehoben und wir werden es auch bis Jahresende nicht tun“

Interview mit Ilie Vlaicu, dem Leiter der Temescher Gesellschaft für Siedlungswasserbewirtschaftung Aquatim

Mittwoch, 09. September 2015

Ilie Vlaicu leitet die Gesellschaft für Siedlungswasserbewirtschaftung „Aquatim“ in Temeswar.
Foto: Zoltán Pázmány

Die Gesellschaft für Siedlungswasserbewirtschaftung in Temeswar, Aquatim, ist seit Jahren bemüht, EU-Mittel für diverse Investitionen im Bereich “Wasser und Kanalisation” heranzuziehen. Diese Investitionen kommen nicht nur der Kreishauptstadt zu Gute, sondern dem gesamten Verwaltungskreis Temesch, für den die Gesellschaft seit 2010 zuständig ist. Wenn in Temeswar und einigen anrainenden Ortschaften das Problem der Kanalisation weitgehend gelöst ist, so gibt es großen Nachholbedarf in der ländlichen Gegend. Wie das Investitionsprogramm aussieht und mit welchen Problemen sich die Gesellschaft auseinandersetzt, das verrät Aquatim-Direktor Ilie Vlaicu in den kommenden Zeilen.


Welche sind die bedeutendsten Investitionen von Aquatim im laufenden Jahr?


Aquatim hat im Jahr 2011 nicht rückzahlpflichtige EU-Fonds für Investitionen angezapft. Dieses Projekt zur Modernisierung des Wasser- und Kanalnetzes läuft zur Zeit in zwölf Ortschaften des Kreises Temesch, in Busiasch, Tschakowa, Detta, Fatschet, Gataja, Hatzfeld, Rekasch, Sackelhausen, Rumänisch Sanktmichael, Großsanktnikolaus, Temeswar und Utwin. Es handelt sich um Investitionen in Höhe von 119 Millionen Euro, wobei 70 Prozent davon nicht rückzahlpflichtige Mittel darstellen. Damit soll das Kanalnetz um 200 Kilometer und das Wasserleitungsnetz um 100 Kilometer erweitert sowie sieben Klärwerke und drei Trinkwasserbehandlungsanlagen gebaut werden. Einige Investitionen wurden bereits durchgeführt, wie zum Beispiel die Kläranlage in Rekasch, die im Oktober 2014 in Betrieb genommen wurde.

Wir richten nun unser Augenmerk auf die kleineren Ortschaften mit mindestens 2.000 Einwohnern. Aquatim bereitet ein neues Investitionsprojekt in Höhe von 150 Millionen Euro für die Zeitspanne 2014-2020 vor. Es handelt sich um unser drittes groß angelegtes Investitionsprojekt, das mit EU-Fonds zustande kommen soll. 2011 wurde über ein ISPA-Programm in Höhe von 45 Millionen Euro  die neue Kläranlage in Temeswar gebaut.

 

Wie sieht die Situation der Kanalisation im Kreis Temesch aus? In welchen Ortschaften gibt es noch Probleme?


In den Ortschaften, für die Aquatim zuständig ist, verwalten wir 827 Kilometer Kanalnetz, mit ungefähr 25.000 Anschlüssen und sieben Kläranlagen. Die Anschlussquote an die Kanalisation beträgt 73 Prozent im Kreis Temesch. Wir haben keine Übersicht der Ortschaften, in denen wir nicht tätig sind, aber es ist bekannt, dass überall in den ländlichen Gegenden in Rumänien die Kanalisation mangelhaft ist. Andererseits sind wir in den Ortschaften, wo wir tätig sind, auf das Problem gestoßen, dass manche Bürger nicht am Anschluss an eine existierende oder neu errichtete Kanalisation interessiert sind.

 

Inwiefern ist Temeswar an das Kanalnetz angeschlossen? Wie sieht es in den anrainenden Ortschaften aus?


Die Anschlussquote zum Kanalisationsnetz beträgt in Temeswar 98 Prozent. Auch Ghiroda, Giroc und Neumoschnitza sind an das Temeswarer Kanalisationsnetz angeschlossen. In Kürze werden wir die Kanalnetze in Sackelhausen, Utwin und Rumänisch Sanktmichael in Betrieb nehmen. Unsere kommenden Pläne betreffen die Einrichtung der Kanalisation in Giarmata Vii, Remetea Mare und [ag.

 

Wie lässt sich der niedrige Wasserpreis in Temeswar im Vergleich zu anderen rumänischen Städten erklären?


In Temeswar ist der Wasserpreis tatsächlich sehr gering. Ein Temeswarer zahlt 3,50 Lei für 1.000 Liter Trinkwasser - ein sicheres und stetig überprüftes Wasser. Jeder Vergleich zum Flaschenwasser wäre fehl am Platz.

Jedes Wasserunternehmen setzt sich mit verschiedenen technischen Herausforderungen auseinander. Der Preis des Leitungswassers hängt von der Quelle ab, von der Topografie des Ortes, usw. Entscheidend ist auch, wie das Unternehmen die Investitionen bewältigt, und Aquatim hat das bisher sehr gut gemacht. In Temeswar haben wir die Investitionen in der Wasserbehandlung zum richtigen Moment durchgeführt. Zuerst haben wir in der Stadt Wasserzähler angebracht, in den Jahren 2000-2002, so dass sich der Verbrauch kurze Zeit später halbiert hat. Erst danach, 2003, haben wir moderne Technik zur Wasserbehandlung gekauft. Wenn wir dies vor dem Anbringen der Wasserzähler gemacht hätten, wäre der Wassertarif unnötig gestiegen.

Dass Aquatim effiziente Investitionen getätigt hat, dass wir die Betriebskosten senken konnten, ohne dass unsere Dienstleistungen darunter zu leiden haben, widerspiegelte sich auch in unseren Umsatzzahlen. In den vergangenen zwei Jahren belegten wir den ersten Platz im landesweiten Firmenranking, das die Rumänische Industrie- und Handelskammer aufstellt.

Die Preiserhöhungen bei den Wassertarifen in den vergangenen Jahren wurden durchgeführt, um die Ko-Finanzierung der großen EU-Investitionen in Temeswar und im Kreis Temesch zu sichern. Wir ziehen stets auch die Erschwinglichkeistschwelle in Betracht, d.h. die Ausgaben dürfen nicht 2-2,5 Prozent des Nettoeinkommens eines mittleren Haushalts überschreiten. In diesem Jahr haben wir den Wasserpreis nicht angehoben und wir werden es auch bis Jahresende nicht tun.

 

Viele Temeswarer beklagen sich, dass sie das Leitungswasser nicht gern trinken, denn es riecht stark nach Chlor. Wie kommentieren Sie das?


Es ist eine Sache der Wahrnehmung, des Geschmacks. Ein Amerikaner würde kein Leitungswasser ohne Chlorgeschmack trinken, denn Chlor garantiert die Sauberkeit des Wassers. Das stimmt auch – ein Chlorwasser ist ein desinfiziertes Wasser, es ist sicher für den Verbrauch. Auch in Temeswar ist das Wasser sicher, denn es wird täglich vielfach analysiert. Das Vertriebsnetz wird regelmäßig geprüft.

Das Leitungswasser stammt in Temeswar zum Großteil aus dem Bega-Fluss – das Verhältnis Bega/Bohrungen ist 2:1. Das Wasser aus unterirdischen Quellen hat eine konstante Temperatur, während die Temperatur des Wassers aus Oberflächenquellen schwankt. Im Sommer, wenn das Wasser wärmer ist, spürt man diesen Chlorgeschmack viel stärker. Das im Kühlschrank aufbewahrte Leitungswasser verliert diesen prägnanten Chlorgeschmack.

 

Wir funktioniert die Zusammenarbeit mit den deutschen Partnern? Welche Projekte wurden im Rahmen dieser Partnerschaft umgesetzt?


Die Aquademica-Stiftung, die von Aquatim und der Stadtentwässerung in München im Jahr 2009 gegründet wurde, organisiert regelmäßig technische Kurse für das Personal aus den Bereichen „Wasser“ und „Kanalisation“, die von deutschen und rumänischen Lektoren gehalten werden. Das Hauptereignis des vergangenen Jahres war die internationale Konferenz „Eco-Impuls“, die im Oktober 2014 lief und rund 200 Experten in Temeswar zusammenbrachte.

Im Rahmen unserer EU-Projekte hatten wir Verträge mit mehreren deutschen Firmen, die per Ausschreibung bestimmt wurden. Die Firma Bioworks Verfahrenstechnik GmbH hat das Klärwerk in Hatzfeld gebaut, und Ludwig Pfeiffer Hoch- und Tiefbau GmbH & Co KG ist für den Bau des Wasser- und Kanalisationsnetzes in Gataja und Tschakowa zuständig.

 

Wie beeinflusst der Klimawandel die Tätigkeit Ihres Unternehmens? Mit welchen Problemen haben Sie sich in diesem Sommer auseinandergesetzt und wie konnten Sie diese bewältigen?


In Temeswar und in den anrainenden Ortschaften haben wir keine Probleme, das Trinkwasser sicherzustellen. Auf den Dörfern und in den Gemeinden im Kreis Temesch passiert es hingegen oft, dass der Wasserdruck sinkt oder sogar das Wasser mal ausbleibt, wenn die Leute ihre Gärten mit Leitungswasser bewässern. Aquatim macht die Bürger jedes Jahr auf dieses Problem aufmerksam. Wir erklären ihnen, dass sie die Wasserversorgung der gesamten Gemeinde gefährden, wenn sie das tun.

Es gibt auch Ortschaften, wo die Bohrungen und Wasserleitungen unterdimensioniert sind und nicht dem Bedarf der Verbraucher gerecht werden. Dieses Problem werden wir schrittweise lösen, durch die geplanten Investitionen. In Sackelhausen melden die Bürger jeden Sommer niedrigen Wasserdruck, aber diese Probleme werden bald beseitigt. Noch in diesem Jahr soll die Ortschaft an das Wassernetz von Temeswar angeschlossen werden.

Was den Klimawandel angeht, so bereiten uns auch die heftigen Regenfälle Sorgen, die  das Kanalnetz überlasten. Wir berufen uns auf die deutsche Erfahrung diesbezüglich. Seit 2006 pflegen wir eine Partnerschaft mit der Münchner Stadtentwässerung. Im Rahmen dieser Partnerschaft versuchen wir, nationale Strategien zum Regenwassermanagement zu erarbeiten. Eine Studie zur Verminderung des negativen Einflusses der Regenfälle auf die Kanalisation, für die wir EU-Fonds anzapfen wollen, ist geplant. Wir wollen auch ein hydraulisches Modell der Kanalisation erstellen, das die Aufnahme von großen Regenwassermengen simulieren kann.

 

Was könnten die Bürger tun, um Wasser zu sparen?


Temeswar hat genügend Wasserressourcen – der Konsum muss nicht limitiert werden. Es ist aber schade, unnötig Wasser zu verbrauchen, für das Wasser, das wir nicht verwenden, zu bezahlen. Wir empfehlen den Bürgern, die Wasserleitungen in den Wohnungen regelmäßig zu überprüfen und die tropfenden Wasserhähne zu reparieren.

Wir müssen uns auf eine geringere Umweltbelastung konzentrieren, um in Zukunft von qualitativen Wasserressourcen profitieren zu können. Die Wasserqualität hängt nämlich von der Lage der Oberflächengewässer und des Bodens ab.

Und wenn wir vom Verhalten der Menschen sprechen, so sollten wir die Kanalisation nicht vergessen! Wir werfen Schutt in die Kanalisation, leeren die Ölpfanne in die Toilette, usw. Beim ersten stärkeren Regen verstopft sich die Kanalisation und überschwemmt Keller und Straßen. Wir könnten alle umweltbewusster sein und dieses Umweltbewusstsein beginnt im eigenen Haushalt.

 

Das Interview lief per E-Mail.

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