„In einem Land, wo eine massive Dekulturalisierung stattfindet, müsste sich jemand dieses Problems annehmen!“

Interview mit der Schriftstellerin und Publizistin Gabriela Adameşteanu

Mittwoch, 15. November 2017

Gabriela Adameşteanu war Ende Oktober zu Gast in Temeswar.
Foto: Zoltán Pázmány

Das Internationale Literaturfestival in Temeswar hat auch in diesem Jahr viele bekannte Schriftsteller aus dem In- und Ausland zusammengebracht. Mit Gabriela Adameşteanu, die dem Publikum in Rumänien als Journalistin (bei der Zeitschrift „22“) und Schriftstellerin bekannt ist, führte Ștefana Ciortea-Neamțiu ein Interview.


Wie sieht der Status der Schriftstellerin heute in Rumänien aus?

Im Kommunismus war das Image der Schriftstellerin prägnanter als heute, vielleicht auch weil bis 2000 noch keine neue Generation an Schriftstellern und Schriftstellerinnen sichtbar wurde. Diese ist auch nicht erschienen, weil das Verlagssystem noch prekär war. Die ersten Jahre nach der Wende gab es eine prioritäre Aufmerksamkeit der Presse gegenüber, die alten Verlage sind verfallen, es sind neue private Verlage erschienen. Es war eine Zeit, in der die Buchindustrie zerfallen ist und dann neu aufgebaut wurde. Es war eine Zeit, in der sich die neuen Schriftsteller herausbildeten. Ich werde mich jetzt nicht auf die Schriftstellerinnen vor der Wende beziehen. Diese haben ihren Platz, es gibt darunter auch große Namen, aber es werden auch Änderungen in der Hierarchie vorgenommen. Bei einigen von ihnen kommt der Wert besser zum Vorschein oder sie werden auch besser rezipiert, wie Nora Iuga und Angela Marinescu, aber niemand bestreitet die Position von Ana Blandiana oder Ileana Mălăncioiu. Ich werde mich auf die jüngeren Schriftstellerinnen und Dichterinnen beziehen, die nach 2003 aufgetreten sind. Wenn wir uns strikt auf das Image beziehen, so ist das noch nicht genug individualisiert, so dass sich die Leser unsicher sind, Ana Maria Sandu oder Lavinia Branişte oder eine andere Schriftstellerin ihrer Generation herauszugreifen. Aber das ist auch wegen der Kritik, die selbst wenig sichtbar ist, zwar gut gemacht, aber auch in diesem Fall spielen die Medien eine Rolle. Diese müssten die Literaturkritik fördern, leiden aber selbst.

Somit sind die größten Probleme mit denen sich die Schriftstellerinnen in Rumänien konfrontieren mit den Medienkanälen in Verbindung zu bringen?

Ich würde das bejahen, es handelt sich um eine Interessenlosigkeit gegenüber der Literatur, und auch um die Reduzierung der Anzahl der Leser, worüber sich alle beschweren und das Publikum orientiert sich, so wie das hierzulande Tradition ist, nach den Übersetzungen.

Welches ist der Grund dafür?

Er liegt darin, dass die übersetzten Schriftsteller im Allgemeinen große Namen sind; es sind Schriftsteller, die auf dem internationalen Markt anerkannt sind. Es gibt also triftige Gründe und es geht nicht um eine Art Snobismus der rumänischen Leser. Der Leser hat die Gewissheit, dass er das Buch eines Schriftstellers kauft, der die Kunst des Schreibens so weit geführt hat, dass er auch übersetzt wurde. Ich muss sagen, dass die Übersetzung oft sehr schnell erscheint. Ein Paradoxon ist, dass der rumänische Schriftsteller dem Verleger oftmals mehr Profit einbringt als der ausländische, weil der rumänische Schriftsteller fast gar nicht bezahlt wird. Diese Sache betrifft Männer wie Frauen. Für den ausländischen Schriftsteller muss man das Copyright bezahlen, es gibt auch andere Kosten: Wenn eine Buchvorstellung organisiert wird, muss der Schriftsteller eingeladen werden, man muss ihm Transport- und Logistikkosten zahlen, während man dem rumänischen Schriftsteller eine nicht gerade hohe Summe auszahlt. Manchmal bekommt er auch nur Bücher für seine Leistung. Dazu kommt ein neueres Phänomen: Neben den großen Verlagen, die wir kennen, wie „Humanitas“ oder „Polirom“, sind auch kleine erschienen, die gewöhnlich von Schriftstellern geleitet werden, die mit einer großen Sorgfalt gegenüber ihren Kollegen arbeiten. Oder Kollektionen wie zum Beispiel bei „Nemira“, wo es eine Lyrik-Kollektion gibt, die von der Dichterin Svetlana Cârstea gepflegt wird. Es gibt das Blecher-Institut (in Bukarest – N. Red.), das auch Lektüresaal hat und Bücher herausbringt. Die prägnante Persönlichkeit dort ist Claudiu Komartin, ein sehr guter Dichter. Man bemerkt eine Diversifizierung der Publikationsorte und das Phänomen ist nicht deprimierend, aber es kann nicht zum großen Publikum gelangen. Wartet das breite Publikum auf den rumänischen Autor? Ich würde sagen, dass die Männer besser angekommen sind, vielleicht auch weil die angeschnittene Thematik viel anziehender ist, das offensichtlichste Beispiel ist Dan Lungu. Er hat kurz vor 2000 begonnen zu veröffentlichen und hat einige Themen aufgegriffen, die die rumänische Gesellschaft interessiert hat; ich beziehe mich hier nicht nur auf (den Roman – N. Red.) „Sunt o babă comunistă“ („Die rote Babuschka“). Das Thema wird hier nicht von einer Frau, sondern von einem Mann besprochen, wir sollten nicht zu viele sexistische Vorurteile haben. Ein anderes Thema, das die rumänische Gesellschaft interessiert, und von großer Aktualität ist, wird im Buch „Fetița care se juca de-a Dumnezeu“ („Das Mädchen, das Gott spielte“) angeschnitten. Es ist das Thema des Kindes, das im Land verlassen wurde, während die Mutter im Ausland arbeitet, erneut ein Thema, an das nicht eine Frau herangegangen ist, sondern ein Mann, eben Dan Lungu, ein sehr interessanter Schriftsteller, der wahrscheinlich auch wegen seiner Ausbildung als Soziologe wusste, welche aktuellen Themen er anpacken sollte.

Welche Meinung haben Sie über das Publikum? Ist es noch gewillt, sich Zeit fürs Lesen zu nehmen, oder Geld für die Bücher auszugeben, die ständig teurer werden?

Die Buchpreise sind noch weit entfernt von den Preisen im Ausland. Klar ist mir die Tatsache, dass das Interesse des Publikums besteht. Das wird von den Buchmessen bestätigt, vor allem in Bukarest, aber auch in Jassy, und auch von den Literaturfestivals, die die Menschen zusammenbringen. Die Buchmessen bringen Preisreduzierungen mit sich und auch Events und sie hinterlassen den Eindruck, dass wir mitten im Literaturleben stehen und so sind sie auch erwartet und werden immer an der vorangehenden Auflage gemessen. Aber für den Zustrom des Publikums unternehmen die Institutionen nichts. Es ist ganz anders im Ausland. Das habe ich zum Beispiel in Leipzig erlebt. Die Buchmesse, die im Frühjahr stattfindet und sehr groß ist, nutzt man, um Jugendliche und Kinder heranzuziehen. Es ist ein sehr buntes Schauspiel und vor allem die Zone für Kinderliteratur ist sehr, sehr voll. Bei uns wird reichlich wenig diesbezüglich gemacht. Die Kinder kommen seltener mit der Schule, eher mit den Eltern zu einer Buchmesse. Es werden wenige Treffen mit den Schriftstellern organisiert. Wie soll der Schriftsteller dann ans Publikum kommen? Wir leben in einer Zeit der Werbung und der Unterhaltung. Ich würde sogar behaupten: Weniger der Wert des Buches kommt in Frage und mehr das Marketing, das hineingesteckt wird. Die Verlage machen ein bisschen Marketing, aber auch hier gibt es Unterschiede: Das ist der Autor, der sich besser verkaufen lässt, diesen vermarkten wir auch besser und je jünger man ist, umso weniger Marketing wird für den betreffenden Autor gemacht.

Um jetzt auf die Presse zu sprechen kommen: Glauben Sie auch heute noch an Kulturjournalismus in Rumänien?

Ich habe 13 Jahre lang bei der Zeitschrift „22“ gearbeitet, die vorwiegend politisch, aber auch sozial und ein bisschen kulturell war, aber ganz wenig literarisch. Ich habe dort die Literaturrezension eingeführt, weil es mir wichtig schien. Danach habe ich eine Kulturbeilage herausgebracht, die sieben Jahre lang erschienen ist, „Bucureştiul cultural“, die mir sehr wichtig schien, und man hat es gespürt, als ich aufgehört habe. Ich habe das Projekt aufgegeben, weil ich mich meinen Büchern widmen wollte und weil ich schon zu müde war, um Finanzierungen zu suchen. In diesem Moment sind nicht sehr viele Kanäle für Kultur und für den Kulturjournalismus. Ich muss zugeben, auch im Ausland schrumpft die Anzahl dieser Kanäle, aber es ist nicht so schlimm wie hierzulande. Auch was die Anzahl der Sendungen betrifft: Es gibt kaum noch literarische Sendungen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Die privaten Sender haben viel weniger literarische Sendungen und wenn sie diese überhaupt haben, dann sind sie mehr oder minder auf die Interessen des Senders ausgerichtet.

Das Fernsehen ist sowieso auf Unterhaltung ausgerichtet. Wie schaut es aber mit der Presse aus?

Die Presse räumt wenig Platz der Literatur ein oder eben nur dann, wenn es sich um Skandale handelt, oder wenn die Nobelpreise verliehen werden und Diskussionen diesbezüglich beginnen, es werden nur wenige Buchrezensionen geschrieben und gedruckt. Sicherlich, es gibt noch die Interviews, die auch wichtig sind. Vor allem in einem Land, wie unseres, wo eine massive Dekulturalisierung stattfindet, müsste sich jemand dieses Problems annehmen.

Worin liegen die Gründe dafür?

Die oberflächlichste Antwort wäre: Wenn man einen Kulturminister drei Mal pro Jahr wechselt, egal wie gut alle diese wären, könnte dieser seine Vorhaben, seine Pläne nur mit Mühe durchführen. Ich kann ein Beispiel nennen: Nächstes Jahr wird Rumänien das Schwerpunktland auf der Leipziger Buchmesse. Der Direktor der Messe hat seine Skizzen für das Event schon vorbereitet, hat mit dem rumänischen Kulturminister diskutiert, als er sich nach sehr kurzer Zeit wieder an diesen richten wollte, hat er einen anderen Kulturminister vorgefunden. Er war zwar ein bisschen durcheinander, wurde dann aber ermuntert, dass sich nichts geändert hat, dass alles gut laufen wird, er hat alles wieder mit dem neuen Minister besprochen, hat alles wieder auf die richtige Bahn gebracht und einen Besuch hier geplant. Als er gekommen ist, hat er einen dritten Minister vorgefunden. Zweitens sollten wir uns anschauen, wie qualifiziert die Kulturminister sind oder diejenigen, die die Kulturausschüsse im Parlament leiten.

Wird heute noch Qualitätsjournalismus in Rumänien betrieben?

Immer gibt es auch Qualitätsjournalismus, sogar im Kommunismus, als es so viele Regeln und die Zensur gab, konnte man sich Rechenschaft geben, dass manche besser waren als andere. Ich habe großen Respekt vor dem Journalistenberuf und vor allem vor dem des Kulturjournalisten, aber ich muss zugeben, man lebt heute unter viel schwierigen Zuständen. Ich hätte nie gedacht, dass die Printpresse stürzen wird und auch nicht, dass die sozialen Netzwerke einen Teil des Appetits des Kulturpublikums anregen werde, und ich weiß nicht ob es die besten Kanäle sind. Ich zweifle daran.

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