„In Europa ist seit eh und je das Nationale die Quelle des Unheils und des Unglücks“

ADZ-Gespräch mit dem französischen Germanisten und Historiker Jacques Le Rider

Mittwoch, 23. November 2016

Jacques Le Rider ist einer der bekanntesten Universitätsprofessoren Europas.
Foto: Zoltán Pázmány

Der französische Germanist und Historiker Jacques Le Rider, der an der renommierten „École Pratique des Hautes Études“ tätig ist, war vor Kurzem zu Besuch in Temeswar anlässlich des Internationalen Literaturfestivals FILTM. Viele seiner Bücher, in denen er sich mit der österreichischen und deutschen Literatur und Kultur der Jahrhundertwende befasst, sind ins Rumänische übersetzt worden. Zu den Titeln gehören: „Mitteleuropa“ und „Das Ende der Illusion. Zur Kritik der Moderne. Die Wiener Moderne und die Krisen der Identität“. Über Europa und Literatur sprach der Universitätsprofessor Jacques Le Rider mit der ADZ-Redakteurin Ştefana Ciortea-Neamţiu.

Sie sind dieser Tage zu Gast beim FILTM. Fühlen Sie sich in Temeswar in Mitteleuropa?

Ja, sicher, denn Temeswar hat diese multikulturelle, multiethnische Tradition und das ist ein Kerngebiet Zentraleuropas. Ich sage inzwischen lieber Zentral-europa als Mitteleuropa, weil Mitteleuropa auf Deutsch den deutschen Imperialismus der Wilhelminischen Zeit ein wenig mitklingen lässt, während Zentraleuropa neutraler ist und weniger germanozentrisch.

Die Stadt hat in diesem Herbst 300 Jahre seit dem Einzug des Prinzen Eugen von Savoyen und der Befreiung von den Osmanen gefeiert. Die Feierlichkeiten fanden unter dem Motto „300 Jahre Licht, 300 Jahre europäische Stadt“ statt. Wie finden Sie dieses Motto im Hinblick auf Zentraleuropa?

Das ist einerseits ein schönes Motto, wenn man Europa als supranationales, auch kulturelles Ideal der demokratischen Kultur und Gesellschaft auffasst, andererseits ist vielleicht die Ausgrenzung gegenüber den Türken ein Problem, denn Europa hat es schwer, sich gegen andere Kulturen und Völker zu definieren, Europa ist integrativ. Ich bin heute durch Timişoara spaziert, es gibt zwischen den beiden großen Plätzen in der Innenstadt einen Stein, auf der Straße, wo zu lesen ist: Hier stand eine Moschee in der türkischen Zeit. Heute ist die Türkei, vielleicht auch selbst verschuldet, sehr weit entfernt von der Europäischen Union, aber im Prinzip sehe ich keinen Grund, die europäische Geschichte Timi{oaras mit dem Sieg über die Türken beginnen zu lassen. Im Grunde genommen ist sogar dieses osmanische Gepräge auch ein Stück europäischer Geschichte, problematisch natürlich, aber immerhin europäisch.

Wie aktuell ist der Zentral-europa-Begriff im heutigen Kontext?

Da wird meine Antwort sehr pessimistisch sein: Heute ist nichts aktuell, was mit Europa zu tun hat. Europa und Mitteleuropa oder Zentraleuropa sind Ideen und Begriffe, die nicht ewig und konstant sind, sondern Höhen und Tiefen durchmachen. Zurzeit ist Europa in einem abgrundtiefen Tief und Zentraleuropa ist vielleicht der letzte Ort, wo man noch Hoffnungen und sogar Utopien verbindet mit Europa.

Gibt es einen Weg hinaus aus diesem Abgrund?

Ich kann die Zukunft nicht voraussehen, aber auffällig ist, dass die europäische Integration schon auf eine alte Geschichte zurückblickt. Diese begann Ende der 1950er Jahre mit den Römischen Verträgen. Es ist meine eigene Lebensperiode, denn ich bin 1954 geboren. Damals machte Europa eine erste schwere Krise durch und rettete sich dann vier Jahre später mit der Wirtschafts- und Handelsunion und Euratom über Kernenergie und mit anderen Sonderverträgen. Das war der Ausgangspunkt für eine beinahe 60-jährige Erfolgsgeschichte. Diese Erfolgsgeschichte hat sich in eine Folge von Krisen und Problemen gewandelt und die Perspektiven sind echt düster.

Denken Sie jetzt an die Nationalismen in Europa, an die Immigrantenkrise, an die Wirtschaftskrise oder alles zusammen?

Aus Paris gesehen, ist der neue Ausbruch des Nationalismus oder des Regionalchauvinismus – denn die Nationen sind sowieso abhanden gekommen, sie sind eine altmodische Kategorie, die in der heutigen Lage der Welt nicht mehr relevant ist – das Ergebnis einer politischen und wirtschaftlichen Krise. Der Regionalchauvinismus ist verbunden mit einem Rückzug auf Identitätsgefühle, kulturelle, sprachliche, konfessionelle soziale Identitätsgefühle. Die politische Krise ist sozusagen eine selbst verschuldete Krise der Politiker, die die Politik in allen Ländern so hässlich gemacht haben, dass die Demokratie überall in Gefahr ist, selbst in den alten westeuropäischen Ländern, wo die extreme Rechte und Linke inzwischen ein gutes Drittel der politischen Landschaft ausmachen. Und die sind extrem rechts und links, antidemokratisch oder radikal-demokratisch, was das Gleiche bedeutet. Denn die Revolution ist wenigstens in ihrer akuten Phase antidemokratisch, hat mehr mit Diktatur und mit Terror zu tun als mit Demokratie.

Also hat man dieses Problem und die wirtschaftliche Krise ergibt sich daraus, dass der europäische Wirtschaftsraum, obwohl er zu den wichtigsten der Welt gehört, an und für sich nicht wichtig und stark genug ist, um gegenüber Phänomenen wie der Finanzkrise von 2008 standzuhalten. Man hatte vor 60 Jahren eingesehen, dass Europa die Rettung ist für die kleinen Nationalstaaten. Jetzt sucht man eine Rettung für Europa, weil Europa selbst zu klein geworden ist in dieser Welt der Globalisierung und der globalen Krisen. Die Eurowährung hat sich gegenüber dem Dollar, dem Yen oder dem Sterling Pound nicht durchgesetzt. Da gibt es immer noch ein großes strukturelles Problem, weil Europa keine europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik entwickelt hat. Paradoxerweise ist Europa am wenigsten dort integriert, wo es institutionell am stärksten ist, das heißt im wirtschaftlichen Bereich. Man hat eine freie Handelszone und eine gemeinsame Währung wenigstens in der Eurozone, aber zugleich führen die Nationalregierungen getrennte wirtschaftliche Politiken und das kann nicht gelingen.

Worin sehen Sie doch eine Chance für Europa?

Die einzige Lösung ist, nach meiner Auffassung, ein entschiedener postnationaler Föderalismus. Die Vereinigten Staaten Europa – das ist die einzige Lösung, aber dagegen sind zwei große Probleme aufgerichtet. Das erste Problem ist der Widerstand der politischen Eliten, die eigentlich nur in den alten Nationalstaaten Karriere machen können, die deshalb ungern den altgewohnten Sandkasten ihrer Spiele und Streite verlassen. Das andere Problem ist das Opium „Nation“, diese große Lüge und Illusion, dass das Glück eines Volkes in seiner nationalen Autonomie zu finden sei. Das Gegenteil ist richtig. In Europa ist seit eh und je, seit dem 19. Jahrhundert auf alle Fälle, das Nationale immer die Quelle des Unheils und des Unglücks und der Gewalt und des Todes und der Zerstörung. Und trotzdem gibt es mehr oder weniger eine Hälfte oder vielleicht auch zwei Drittel der öffentlichen Meinungen in West- und Mitteleuropa, die davon überzeugt sind, dass das Übel vom Supranationalen kommt und dass das einzige Glücksversprechen vom Nationalen kommt, und das ist eine fatale Illusion, eine absolut irrsinnige und bestürzende Illusion.

Es wird in diesen Tagen viel diskutiert, ob nach dem Brexit die englische Sprache in der EU noch als offizielle Sprache bleiben soll oder nicht das Deutsche oder Französische in den Vordergrund treten werden. Wie stehen Sie dazu?

Dieses Problem der dominierenden Sprache hat sich immer wieder gestellt, seitdem das Lateinische als lingua franca verschwunden ist. Eine Zeit lang war das Französische die führende Weltsprache, in der Zeit von Voltaire bis Napoleon und noch im 19. Jahrhundert. Dann kam das Englische. Das Deutsche hat eigentlich eben nur Mitteleuropa beherrscht, obwohl das Deutsche im 19. Jahrhundert durch die große Ausstrahlung der deutschen Forschung und Technologie und durch die deutsche Philosophie zu einer wissenschaftlichen und intellektuellen Weltsprache wurde. Im 19. Jahrhundert, sagen wir bis zu den 1920er Jahren, wäre ein Gelehrter in Paris oder London, der kein Wort Deutsch gesprochen und gelesen hätte, im internationalen Gespräch beschränkt gewesen.

Aber das war nur eine, sagen wir, Regionalsprache für die mitteleuropäische Region und eben für diesen Sonderbereich der naturwissenschaftlichen und technologischen Forschung und der Kulturwissenschaften, angefangen mit der Philosophie. Dann kam aus diesem großen Wettbewerb der Möchtegernweltsprachen das Englische mit dem Zweiten Weltkrieg als absoluter Sieger hervor und es ist schwer, jetzt diese Lage rückgängig zu machen. Und es ist auch zurzeit die geringste Sorge für Europa. Man hat vielleicht in anderen Zeiten diese Sorge gehabt, welche Sprache spricht man in Brüssel, und man hat sich für eine fast absolute Vielsprachigkeit entschieden, wo jede Sprache als Arbeitssprache anerkannt wird, was auch sinnvoll ist. Ich glaube, zurzeit haben wirtschaftliche und politische Fragen Vorrang und wenn die europäische Rettung auf Englisch kommt, dann ist es mir auch so sehr angenehm.

Sie haben zum Thema Zensur referiert. Glauben Sie, dass es heute in Europa im Bereich der Literatur irgendwelche Schranken oder Barrieren gibt?

Das ist eben die allgemeine Ansicht, dass die Zensur abgeschafft worden ist. Sie wurde abgeschafft durch die Demokratien im Westen und sie wurde abgeschafft mit dem Ende der stalinistischen und poststalinistischen Diktaturen in Zentraleuropa und in Osteuropa, das ist so die allgemeine Ansicht. Man kann aber auch etwas anderes über die Zensur sagen, da ist eine sichtbare, staatsgelenkte Zensur, die zwar zum größten Teil verschwunden ist, dass aber auch eine neue unsichtbare Zensur anstelle der alten gekommen ist, und das ist zum Beispiel die Zensur der Wirtschaft und Finanzen über die Presse oder es ist die Formatierung der öffentlichen Meinungen durch eine Medienlandschaft, die die Welt auf eine bestimmte Weise interpretiert und keine andere Interpretation möglich macht. Dadurch dass sie einem Massenpublikum ein einziges Weltbild und eine einzige Interpretation dieses Weltbildes zulässt und verbreitet, gibt es eine unsichtbare Zensur, die darin besteht, eine allgemeine Formatierung zu bewirken. Und da sind wir mit diesem Stichwort bei der Computersprache angelangt und es gibt keinen mächtigeren Zwang als die Computersprache.

Das sind bestimmte Aspekte der unsichtbaren Zensur, in der wir leben. Wir leben in einem gläsernen Gefängnis, wo wir glauben, wir denken und sprechen und meinen frei, wo wir aber unter dem mächtigen Einfluss und sogar Zwang der Medien, der Print- und der audiovisuellen Medien leben. Mein Fazit ist: Der Kampf gegen die Zensur im 19. Jahrhundert und noch im 20. Jahrhundert hat nur die Presse- und die Medienindustrie befreit, aber nicht die Presse und die Medien selbst. Wenn man sieht, wie heute in fast allen Ländern, im Westen so gut wie im Osten Europas, ich vermute auch in den USA, alle Print- und sonstigen Medien in den Händen des Kapitals sind, der Wirtschaft, dann hat man alle Gründe, große Zweifel zu hegen an der vermeintlichen Freiheit dieser Medien, und provokativ nenne ich diese unsichtbaren aber mächtigen Interessen, die das Ganze lenken, einfach Profit, Kommerz, wirtschaftliche Erträge, Gewinne. Das kann man auch Zensur nennen und das ist eine sogar gefährlichere Zensur als die alte, denn die alte hat man gesehen, hat man leicht als Feind identifiziert, als zu bekämpfendes Hindernis. Die heutige Zensur sieht man nicht, erkennt man nicht, bekämpft man nicht, wo sie doch allmächtig ist.

Andererseits gibt es bei diesen traditionellen Medien, die, wie Sie gesagt haben, von der wirtschaftlichen Rationalität her gelenkt werden, doch den Sponsor, den man identifizieren kann. Wiederum gibt es im Onlineangebot Stimmen, die sehr viele Followers haben, aber bei denen unklar ist, wer dahinter steckt.

Ja, das ist auch ein Problem, die Namen, für die niemand verantwortet, und die gesichtslose Meinungsfreiheit ist keine befriedigende Form der Meinungsfreiheit, denn Meinungsfreiheit bedeutet auch Verantwortung. Deshalb ist diese gesichtslose öffentliche Meinung, die sich über das Internet verbreitet, zugleich eine verführerische Alternative und etwas Unheimliches. Auch kaum kontrollierbar, kaum regulierbar. Kein einziges Land, selbst der mächtigste Staat der Welt, die USA, ist imstande, dieses World Wide Web zu regulieren, das entzieht sich jeder Kontrolle und das ist gut, aber auch jeder Regulation. An wen kann man sich im Falle von Verleumdung, von falschen Nachrichten, öffentlichen Beleidigungen, rassistischen Aussagen wenden? Antisemitismus im Internet ist nicht rückgängig zu machen. Zurzeit ist das Internet eine der besten Waffen von Daesh, dem islamistischen Terror, deshalb ist das Internet etwas sehr Ambivalentes.

Meine letzte Frage bezieht sich auf die Erteilung des Literaturnobelpreises in diesem Jahr an Bob Dylan. Wie stehen Sie dieser Ernennung gegenüber?

Das ist bestimmt ein Traditionsbruch in der Geschichte der Nobelpreise seit der Gründung dieses Nobelpreises für Literatur.

Ist dieser Bruch etwas Positives oder nicht?

Ich muss sagen, ich habe in diesem Jahr sowohl mit dem Literaturnobelpreis als auch mit dem Friedensnobelpreis Probleme gehabt. Man hat den Nobelpreis für Literatur einem Sänger verliehen – man kann Bob Dylan sehr verehren und sehr mögen und das tu ich auch –, der doch kein Mann der Schrift ist. Selbst wenn er gute Texte für seine Songs zusammenstellt, ist er doch kein Mann der Schrift, der écriture, des Buches. In diesem Sinne ist es doch eine große Überraschung, die mich etwas ratlos gemacht hat, obwohl ich wirklich nichts gegen Bob Dylan insinuieren möchte, im Gegenteil. Aber es ist rückblickend ungerecht für große Volkssänger unserer europäischen Tradition, die den Nobelpreis nie bekommen haben, ich denke da an Georges Brassens, Jacques Brel oder Edith Piaf. Sie hätten bestimmt auch den Nobelpreis verdient.

Und auch der Friedensnobelpreis hat mich etwas frustriert, denn er kam wenige Tage,nachdem man wusste, dass die Volksabstimmung in Kolumbien mit diesem überraschenden oder nicht überraschenden Nein kam, dass also dieser historische Kompromiss zwischen der Regierung und der Guerilla gescheitert war, also krönt man mit dem Nobelpreis einen Frieden, der nicht gelungen ist, der nicht geschlossen wurde. Das ist auch eine Frage. Ich wünsche den Kolumbianern und der ganzen Welt, dass dieser blutige Zivilkrieg endlich einen befriedigenden Ausgang und ein gutes Ende findet, aber den Friedensnobelpreis für einen Frieden verleihen, der gar nicht eingetreten ist, das ist doch überraschend.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*