In fremden Betten

Ein neuer Trend erreicht auch Rumänien: Privatübernachtungen über das Internet

Sonntag, 12. Januar 2014

Durch die Buchung von Privatunterkünften können Touristen einen Blick hinter Kronstädter Fassaden werfen.
Foto: Anna Brixa

Hurra, es hat geklappt mit dem Praktikum in Rumänien! So freute ich mich diesen Sommer. Noch schienen das mir völlig unbekannte Land, der Job und die ganzen Begleitumstände ganz weit weg zu sein. Gleichzeitig aber doch so nah: Denn im Gegensatz zu meinen vorherigen Auslandsaufenthalten würde ich mich innerhalb der EU bewegen und ausnahmsweise einmal nicht in stickigen Botschaften um ein Visum Schlange stehen. Selbst die Zuganbindung klang vernünftig, und alle Teilabschnitte zwischen den jeweiligen Ländergrenzen wurden mir anstandslos im Paket verkauft. Also diesmal keine nächtlichen Ausstiege auf freier Strecke, kein Umherhasten in marmornen Bahnhofshallen, kein Betteln um den Verkauf nicht existierender Tickets, die es dann urplötzlich doch gibt?

Die Planung dieses Auslandsaufenthaltes schien wirklich wie von selbst zu klappen. Eine Frage aber blieb noch offen: Wo wohnen? Wie eine Bleibe finden, die einem auch ein paar Monate lang gefällt – ohne die noch unbekannten Kollegen vor Ort mit dem üblichen „Kennt ihr vielleicht jemanden, der jemanden kennt...?“ zu belasten? Denn die Geschmäcker sind ja verschieden, was Komfort und Einrichtung betrifft. Nicht unwichtig auch die Lage – man will sich schließlich im Winter nicht länger als nötig durch die zu erwartenden Schneemassen zur Redaktion pflügen – und natürlich der Preis, der in keinem allzu unschönen Verhältnis zum unbezahlten Praktikum stehen sollte.

Eine Luftmatratze mit Frühstück, oder doch lieber die Villa mit eigenem Pool?

Beim Stichwort „Miete sparen“ fiel mir ein, dass ich den Sommer über das Wohnzimmer unserer Berliner Wohngemeinschaft ab und zu tageweise an Touristen vermietet hatte. Wieso sollte das nicht auch andersherum funktionieren? Denn das Buchen von Privatübernachtungen in unbekannten Städten und Ländern wird international zu einem immer beliebteren Trend: Nicht nur kann man (im Vergleich zum anonymen Hotel) viel Geld sparen, sondern gleichzeitig auch eintauchen in das Alltagsleben vor Ort. Also einen Blick hinter jene Fassaden zu werfen, die man sonst als Tourist eher nur von außen, oder durch das Objektiv der Fotokamera, betrachtet. Eine solche Privatunterkunft bedeutet gelebten Kulturaustausch, interessante Begegnungen, flexible Check-in- und Check-out-Zeiten... und natürlich auch ein bisschen Abenteuer. Denn wenn einmal etwas nicht so läuft wie geplant, kann man sich schwerlich unten an der Rezeption beklagen – wohl aber bei dem Portal, das diese internationalen Privatübernachtungen vermittelt: Airbnb.com. Der verkürzte Name des 2008 in San Francisco gegründeten Online-Marktplatzes setzt sich aus den englischen Begriffen „airbed“ (Luftmatratze) und „Bed and Breakfast“ (Unterkunft mit Frühstück) zusammen.

Auf der Website des Unternehmens erlauben es eine Reihe von Suchfiltern, passende Anzeigen aus der großen Zahl nicht nur spartanischer Angebote herauszufischen: Wo genau möchte man übernachten, mit wie vielen Personen, im eigenen Zimmer einer Gemeinschaftswohnung oder gleich in einer Villa mit eigenem Pool? Im Boot, auf einem Baumhaus oder vielleicht sogar im Bierfass?! – der Phantasie und internationalen Reisezielen sind keine Grenzen gesetzt. Oft bekommt man von den Gastgebern, denn so nennt Airbnb seine Vermieter, zusätzlich noch ein paar wertvolle Insider-Tipps über das gastronomische und kulturelle Leben der Stadt, sodass man „typische Touristenfallen“ umgeht.

Ein bis fünf Sterne für Mieter und Vermieter

Viele Gastgeber lassen sich einiges einfallen, um die Aufmerksamkeit der Suchenden gerade auf ihr Inserat zu ziehen: so gibt es mancherorts ein Leih-Handy mit örtlicher Sim-Karte, kostenlose Fahrradnutzung, ein Bio-Frühstück oder Konzertkarten mit dazu, und einige vermieten sogar ihre Haustiere mit. Besonders abgefahrene Locations werden wegen ihres Exotik-Faktors gerade von Touristen gerne gebucht, wie z.B. ein Künstleratelier in einem Fabrikloft über den Dächern New Yorks. Auf diese Weise können auch weniger gut betuchte Leute, die ansonsten vor den steigenden Mieten in weniger beliebte Wohnregionen fliehen müssten, ihr Quartier im Zentrum halten.

Manchen mag der Gedanke, in einem unbekannten Land privat bei völlig Fremden abzusteigen, seltsam oder auch gefährlich erscheinen. Und natürlich ist eine völlige Sicherheit nicht garantiert; man sollte sich in Ruhe das Profil des potenziellen Gastgebers und dessen Fotos ansehen, aber natürlich immer auf das eigene Bauchgefühl hören. Ein nur lückenhaft ausgefülltes oder erst vor Kurzem angelegtes Profil ist weniger aufschlussreich als das eines erfahrenen Vermieters, denn hier vermittelt das Bewertungssystem der Website einen zusätzlichen Eindruck: Nach jeder Übernachtung werden Gäste und Gastgeber voneinander bewertet, und es werden 0-5 Sterne für Sauberkeit, Kommunikation, Lage, Richtigkeit der Angaben, Check-in und Preis-Leistungs-Verhältnis vergeben. Da schlechte Bewertungen sich fatal auf die Buchungsrate auswirken, geben sich die Gastgeber in der Regel große Mühe, um Bestnoten zu erreichen.

Die Kommunikation läuft meist auf Englisch ab; einige Anbieter sprechen aber auch weitere Sprachen. Und wie in offiziellen Unterkünften muss man auch bei der Absteige in Privatquartieren vorab festgelegte Hausregeln einhalten: zum Beispiel die Schuhe im Flur ausziehen, nur auf dem Balkon rauchen oder nach 22 Uhr leise sein, um die Nachbarn nicht zu stören. Selbst für den Fall, dass etwas Größeres in der Wohnung kaputt gehen sollte, ist man als Vermieter durch eine Kaution oder sogar Entschädigung und das Führen eines Rechtsstreits über das Portal versichert.

Suchbegriff: Ein Zimmer in Kronstadt, Rumänien
 
Auch bei der Suche nach Privatübernachtungen in Kronstadt und Umgebung wird man schnell fündig. Elf Angebote im Stadtzentrum sowie ca. 50 in der Nähe sind natürlich wesentlich weniger Treffer, als man in der Regel in Großstädten bekommt – doch die Auswahl ist absolut ausreichend. Ich schreibe einige Adressen wegen einer Langzeitnutzung an und werde mir schnell mit meiner neuen Vermieterin einig. Die Miete zahle ich mit meiner deutschen Kreditkarte, und Airbnb.com überweist sie auf das rumänische Konto der Vermieterin. Hiermit verdient nun auch das Portal selbst: als Vermieter zahlt man nur eine sehr geringe Servicegebühr, doch dem Mieter wird eine Beitrag von etwa 12 Prozent berechnet, der sich aus der Höhe des Mietpreises ergibt.

Der Blick durchs Schlüsselloch: Rumänien „von innen“

Als ich endlich in Kronstadt eintreffe, klappt die Schlüsselübergabe problemlos, und die Wohnung ist noch schöner als auf den Bildern. Liebevoll eingerichtet, und eben ganz anders als ein Standard-Hotelzimmer: nämlich individuell. Ein rotes Teeservice mit weißen Punkten, blühende Orchideen auf der Fensterbank, praktische Stadtpläne und Reiseführer und sogar ein paar Restvorräte im Vorratsschrank sorgen für Gemütlichkeit und einen perfekten Start in der fremden Stadt. Meine Kronstädter Vermieterin, Raluca S., möchte nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden, da auch sie nur Mieterin der besagten Wohnung ist und der Besitzer nichts von ihrer Nebennutzung erfahren soll. Die Erlaubnis zur kommerziellen Untervermietung ist auch im deutschen Mietrecht ein großes Thema; wer eine solche Nutzung der Wohnung nicht anmeldet, macht sich strafbar und riskiert eine Kündigung. Auch müssen die daraus entstehenden Einnahmen am Jahresende ganz regulär versteuert werden.

Raluca ist erst seit ein paar Monaten als Gastgeberin bei Airbnb.com gelistet, hat in ihrer Wohnung aber schon Touristen aus der ganzen Welt beherbergt. Mit manchen haben sich längere Kontakte und sogar Freundschaften ergeben. Einige Besucher seien ganz unkompliziert, erzählt sie – andere dagegen hätten sich ständig gemeldet und um Kleinigkeiten wie ein zweites Küchenhandtuch oder ein dickeres Kopfkissen gebeten. Das Reinigen der Wohnung übernimmt die junge Frau immer selbst, um möglichst viel von ihren Einnahmen zu haben. „Manchmal ist es unglaublich: da sind Leute für zwei Tage da und haben mehrmals gekocht! Und das, obwohl das Essen draußen doch so billig ist! Dann habe ich schon einiges zu schrubben“, seufzt Raluca. Aber das seien eher die Ausnahmen; in der Regel klappe die Vermietung ganz problemlos. Vertrauen auf beiden Seiten sei bei diesem Deal das Wichtigste.

Auch Raluca selbst hat schon in fernen Ländern per Airbnb übernachtet. Während eines Kurzausflugs nach Bukarest probiere ich ebenfalls mein Glück und mache eine, sagen wir mal, authentische Erfahrung: Denn der Vermieter betreibt dort eine Bar und hatte leider keine Zeit mehr gehabt, aufzuräumen oder die Betten zu beziehen. Ansonsten aber ist die Unterkunft praktisch gelegen, und für drei Personen sogar noch billiger als ein Hostel.

In der Kronstädter Wohnung geht es ebenfalls nicht ohne Alltagsprobleme ab; der romantische Altbau fordert seinen Tribut, und ständig ist irgendetwas kaputt. Das intensiviert wiederum den Austausch mit den rumänischen Gastgebern: sie kommen regelmäßig zum Reparieren vorbei, und ich besuche sie zum Wäsche waschen und Katze streicheln. Insgesamt gesehen kann ich die Option, ein gemütliches Zuhause auf Zeit über das Internet zu suchen, wirklich nur empfehlen – sowohl Vermietern, die auf diese Weise in ein paar Tagen schnell die Monatsmiete verdienen können, als auch experimentierfreudigen und abenteuerlustigen Touristen, die ein Land buchstäblich „von innen“ kennenlernen wollen.

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