In Rom lachen die Möwen (3)

Impressionen einer Reise der Kronstädter Drei Grazien

Samstag, 29. Oktober 2016

Unterwegs zur Engelsburg

Vor den Caracalla-Thermen
Foto: die Verfasserin

Die Villa Borghese selbst ist eine große Kunstgalerie, sie hortet Schätze der bildenden Kunst von der Renaissance herwärts: Bilder von Raffaelo, Titian, Perugino und Caravaggio aber auch niederländische und deutsche Meister sind hier zu sehen, ebenso Skulpturen von Bernini und anderen, weniger bekannten Bildhauern, ganz zu schweigen von den Räumen an sich, die ihrerseits regelrechte Kunstobjekte darstellen. Hier herrscht nicht mehr die leidvoll spektakuläre Last der Geschichte, sondern die lustvolle Verspieltheit der Kunst. Und auch sie macht nachdenklich und…hungrig, natürlich. Auf Pasta, was sonst, Bucatini all’amatricia-na, Penne all’arrabbiata, Spaghetti carbonara.
In der Kirche Santa Maria del Popolo sind Caravaggio Bilder zu sehen, und nebenan steht das Leonardo-Da-Vinci-Museum. Es bleibt dieses Mal nur bei der Kirche, in der Caravaggios Petrus kopfüber seinen Henkern und allen Zuschauern seines Martyriums furios von unten herauf entgegenblickt. Danach bleibt nur noch so viel Kraft, um das Hotel zu erreichen, sich etwas frisch zu machen und irgendwo in der Nähe  zu Abend zu essen und etwas zu trinken.

Der Donnerstag ist dem Vatikan gewidmet. Die Onlinebuchung gilt für den 22. September ab 10 Uhr. Bereits 9:30 Uhr kann man damit rechnen, in die Musei Vaticani eingelassen zu werden, nachdem das Ticket auf seine Gültigkeit geprüft worden ist und man selbst durch die Sicherheitsschleuse gehen darf. Am Anfang der Museumstour steht eine Kopie der Pieta von Michelangelo, das Original sieht man dann ein paar Stunden später im Petersdom. Die Kunstsammlung des Vatikans ist über mehrere Stockwerke wie in einem überdimensionalen Schneckenhaus angeordnet. Man folgt einem spiralenförmig angelegten Kunstweg, der einem antike, vor- und frühchristliche sowie Renaissance- und neuzeitliche Werke vor Augen führt, die man in Kunstalben als Fotoreproduktionen sowie in Filmen oft gesehen, über die man viel gelesen und von denen man immer wieder davon geträumt hat, sie wenigstens ein Mal  „in Wirklichkeit“ zu sehen. Nun nehmen sie tatsächlich Gestalt an vor unsern Augen: Die Athenische Schule von Raffaelo zum Beispiel, darin der Maler alle großen Geister seiner Zeit und nicht zuletzt sich selbst in Form einer antiken Allegorie inszeniert und sozusagen neu verkörpert hat als grandiose Kunstscharade, eine geniale Performance!

 Die Besichtigungstour ist so angelegt, dass sie in der Sixtinischen Kapelle endet. Man erklimmt die letzten Stufen zum Eingang in die Kapelle mit vor Erregung heftig pochendem Herz, als stehe einem eine lang ersehnte Liebesbegegnung bevor, und dann ist es so weit. Man steht mitten in dem Kapellraum, der viel höher und geräumiger ist, als man es erwartet hatte, umgeben von der zügellos schöpferischen Kraft und gewagt künstlerischen Vision des Michelangelo Buonarroti: In weltliche Körperlichkeit umgesetzt, beherrschen der biblische Gott und sein eingeborener Sohn die Szene mit lebendig rührender Präsenz und gewaltiger Geste, dass es einem nicht nur die Sprache verschlägt, sondern einem auch Tränen in die Augen treibt. Man kann nur nach Atem ringen und  den Blick gleichsam nach oben und in sich kehren und im Stillen betend danken. Es ist dies ein Moment der Katharsis, ein einmalig sinnlicher und geistiger Augenblick des Berührt-Seins und der Rührung, darin Leib und Seele zu verschmelzen und sich gegenseitig aufzuheben scheinen. Danach kann man nur sterben… oder lustvoll weiterleben.

Im Erdgeschoss der Vatikan-Museen kann man Alben, Bücher, Marienbilder, Rosenkränze und Kruzifixe, Ansichtskarten und Magnetbildchen erwerben und nicht zuletzt in der Cafeteria essen. Draußen im kleinen Innenhof wird Espresso, Marocchino und Cappuccino getrunken, bevor sich die Kronstädter Drei Grazien auf den Weg zum Petersplatz machen. In der immer noch heißen Frühnachmittagssonne scheint der Platz noch größer und strahlender als am Abend der Ankunft. Jetzt kann man die Säulenanlagen rund um den Petersplatz deutlich sehen, sie erinnern an zwei Hände, die den Platz schützend umschließen. Man hat Stuhlreihen dort aufgestellt, so dass die Besucher nur am Rand des Platzes herumgehen können. Der Eintritt in den Dom ist unentgeltlich. Man steht an, wartet geduldig und lässt sich durch die Sicherheitsschleuse winken. Es geht recht zügig und ohne viel Geschubse und Gezerre. Der Petersdom empfängt einen gnädig in seiner ganzen Majestät. Der Anblick von Michelangelos Pietŕ rührt einen in der Tiefe der nüchternen evangelischen Seele. Der Dom mutet einen zwar grandios, aber nicht pompös oder überladen an. Dezente Zurückhaltung lässt das Bauwerk seelenverwandt erscheinen.

Es wird Zeit in die Weltlichkeit zurückzukehren. Es ist heiß, man ist müde und möchte sich ausruhen. Am Ufer des Tibers, unmittelbar neben der Engelsbrücke und der Engelsburg findet sich eine leere Bank im Schatten einer mächtigen Platane. M. und P. richten sich auf der Bank zum längeren Verweilen ein. Meine Wenigkeit zieht es vor, die Zinnen der Engelsburg zu erklimmen und in die Weiten Roms zu schauen. Ganz oben auf der kleinen Plattform der Burg, wo eine Glocke und eine Engelsfigur aus Bronze das ehemalige Mausoleum Hadrians zum christlichen Burgwerk krönen, ist der Ausblick einzigartig, und der Wind weht einem intensiven Meeresduft um die Nase. Zum Abendessen gibt es an diesem Tag Kürbisblüten im Schinkenmantel als Vorspeise, danach verspeist M. ein  Ossobuco vom Rind, P. ein Saltimbocca aus Kalbsfleisch mit Salbeiblättern und meine Wenigkeit einen delikaten Lammbraten, alles alla romana, natürlich. P. gibt danach einen Prosecco aus, man stößt auf das gemeinsame runde Wiegenfest und die gemeinsame Reise an.

Der vorletzte Tag bricht etwas wolkig an. Man will trotzdem ans Meer an den Strand von Ostia fahren. Das ist keine lange Bahnfahrt, eine knappe halbe Stunde dauert sie und sie kostet genau so viel wie die übliche Metro- oder Busfahrt: 1,50 Euro. Die Strände von  Ostia sind Ende September recht verlassen und die meisten – es sind Privatstrände - sind geschlossen. Der Zutritt zum öffentlichen Strand kostet 6 Euro pro Person, man kann den ganzen Tag dort bleiben und man bekommt einen bequemen Liegestuhl gerade ein paar Schritte vom Meeresufer entfernt aufgestellt. Der Sand ist fein und frei von jeglichen menschlichen Verunreinigungen. Nur ein anderthalb Meter breiter schwarzer Streifen, der sich etwa einen knappen Meter vor der Wasserlinie den Strand entlang ausbreitet, soweit das Auge nach rechts und links reicht, wirft Fragen auf und bereitet einige Sorge. Es stellt sich bald heraus, dass es sich um Ablagerungen von Eisen handelt. Und tatsächlich sind, sobald die Sonne  hinter der Wolkenschicht hervorbricht, winzige funkelnde Späne im schwarzen Sand auszumachen. Einen Magneten müsste man haben… Das Wasser des Mittelmeeres ist angenehm warm um diese Jahreszeit und verlockt zum Schwimmen. Es ist, wie man auf der Landkarte lesen konnte, das Tyrrhenische Meer, in dem man schwimmt. M. und meine Wenigkeit haben es sozusagen ganz für uns allein. Ein Rettungsschwimmer in roter Windjacke, ebensolchen kurzen Hosen und Schwimmschuhen geht das Ufer auf und ab und beobachtet aus den Augenwinkeln die beiden verwegenen Schwimmerinnen, die die Sicherheitszone längst überschritten haben. In der Umarmung des Meeres fühlt man sich gut aufgehoben.

Zurück in Rom ist ein kurzer Einkaufsbummel im EATALY angesagt, dem essbaren Italien, einem übergroßen Viktualienmarkt in echtem Cäsarenstil. Es wäre müßig über die Vielfalt italienischer Käse- und Salamisorten, Pasta, Süßigkeiten und anderer Delikatessen hier zu berichten, man muss dies und das ausprobiert oder wenig-stens mit den Augen verschlungen haben um zu wissen, dass sich auch darin viel von der römischen Lust am Spektakel wiederentdecken lässt. Abends wird das Trastevere-Viertel mit seinen schmalen Gässchen und den zahlreichen Läden, Piazzettas, Kneipen und Cafés aufgesucht. Und auch hier wird zu Abend gut gespeist, während eine ältliche rumänische Straßenmusikantin ihre Weisen krächzt.

Der Tag der Abreise verspricht seinerseits ein Sonnentag zu werden. Man hat noch Zeit genug, um den Circo Massimo, die Bocca della Veritŕ und die Thermen des Caracalla zu besichtigen. Die Thermen vor allem überwältigen durch ihre unvorstellbaren Ausmaße, durch das erstaunliche technische Konzept, das jede Mall, jeden Vergnügungspark, jedes Schwimm- oder Wasserparadies unserer Tage vollkommen in den Schatten stellt. Als Ort der körperlichen Ertüchtigung und Entspannung müssen die Thermen ebenso als Ort der Geselligkeit, des mondänen wie politischen Zusammentreffens gegolten haben. Ein Ort der Spiele und des Austauschs und nicht zuletzt ein Ort, der Prestige und Status seines Begründers versinnbildlicht. Seine kolossalen Überreste erzählen überzeugend davon. Was sonst noch Rom ausmacht? Seine zahllosen Straßenmusikanten, die mit mehr oder weniger Begabung ihre Harmonikas, Gitarren und Geigen von mittags bis mitternachts spielen und meistens auch gesanglich begleiten, die Straßenkünstler, Feuer speiende Artistinnen und Artisten, Komiker, die im Stil der Commedia dell’arte die Gaffer zum Lachen bringen, und Mimen, die stundenlang zum Standbild erstarrt als kopflose Figuren auf ihren Stühlen sitzen oder mitten auf den Piazzas stehen und sich geduldig fotografieren lassen, die afrikanischen Straßenhändler, die aus Holz geschnitzte Kunstobjekte – kleine Tierfiguren und Zierteller, die man in eine Obstschale umwandeln kann – Schals, Tücher und billigen Muschel- und Glasschmuck feilbieten und oft aufdringlich darauf bestehen, dass man ihnen etwas abkauft.

Bettler gehören ebenso zum Stadtbild, es sind meist Frauen, die völlig vermummt auf dem Boden hocken oder auf den Knien, auf dem Bauch liegen mit über dem Kopf ausgestreckten Armen und Händen, in denen sie meist einen Pappbecher halten und Unverständliches murmeln. Hin und wieder ist ein Obdachloser auf den Stufen der einen oder anderen Basilika zu sehen. Carabinieri, beritten oder zu Fuß, sorgen diskret für Ruhe und Ordnung und weisen einem auch mal den Weg, wenn man selber nicht mehr weiter weiß, weil man den Stadtplan falsch gelesen hat. Zum Straßenbild Roms gehören unweigerlich die Vespa-Motorroller, die von Frauen und Männern gleichermaßen mit kultischer Begeisterung gefahren werden, die schillernden Nobelboutiquen der Via Nazionale, die Gelaterias und die streunenden Katzen, die Gatti di Roma, die wir allerdings nur in Kalendern zu sehen bekommen. Und nicht zu vergessen die Möwen! Die Möwen, die in Rom ebenso zahlreich sind wie die Tauben in Venedig. In Rom lachen die Möwen aus vollem Hals und wenn man ihnen nur richtig zuhört, erzählen sie einem Geschichten aus vergangener Zeit, Geschichten vom Tod und vom Leben.



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