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Im Studiosaal passiert vieles, auch „Was danach kommt“

Mittwoch, 09. Dezember 2015

Der Uţu-Strugari-Studiosaal vermittelt Nähe zu den Schauspielern und zu dem Geschehen. So rezipiert der Besucher einen geflüsterten Satz anders: „Du bist so schön“ sagt der Mann jedes Mal, nachdem er seine gestörte Ex-Frau aufgesucht hat.

Mihai Ignat ist am Nationaltheater Temeswar beliebt. Nach der Premiere seines bislang bekanntesten Stückes, „Krisen“, das 2004 vom Radiosender BBC ausgestrahlt wurde, kehrt Mihai Ignat am Nationaltheater mit einem Studiostück zurück: „Was danach kommt“ ist ein dramatisches Duett, deren Darsteller über die Komik und Groteske einer Beziehung, die ins Wanken geraten ist, überlegen. Der Seitensprung des Mannes hat einen Schneeballeffekt in eine Beziehung gebracht, die sich als wacklig erweist. Man wirft sich tatsächliche (die Rauchangewohnheit) und unwahrscheinliche Sachen (Pinkeln im Ficus-Topf) vor, die Frau sucht nach der Trennung die Liebe andernorts: Es sind ein Kater, ein Baum und schließlich der Eiffel-Turm, in die sie sich „verliebt“. Sie alle sollen treuere, stabilere Partner sein. Und damit alles auch echt ist, wird jedes Mal ordentlich Hochzeit gefeiert, mit Trauzeugen und Gästen, vor allem mit Presse. Der Kater ist der bessere Ehemann, läuft aber weg, der Baum ist stabiler, erliegt aber einem Wutanfall des geschiedenen Ehemanns, der mit einer Säge auf ihn zugeht, der Eiffelturm ist verlässlich und vor allem immun und fern gegen die Wutanfälle des Ex. Dafür aber bekommt die Frau ein Eintrittsverbot in Frankreich verpasst.

Die Situationskomik entreißt dem Publikum oft ein herzhaftes Lachen; es ist moderner und qualitätsvoller Humor, der hie und da nachdenklich stimmt: über Beziehungen, über Liebe, Vertrauen, Respekt und viele der oft plakativ gebrauchten Konzepte, die diese Beziehungen ausmachen. Es ist Humor, der über Themen wie Alleinsein, Demütigung, Seitensprünge nachdenken lässt, über die Ersetzbarkeit des Anderen (oder auch nicht). Über den Sinn von Beziehungen. Über den Sinn zwischenmenschlicher Beziehungen. Denn liest man sich in Artikeln über künstliche Intelligenz und Roboter, so werden 40 Prozent der Menschen in zwanzig Jahren eine Beziehung mit einem Roboter haben. Dann werden die „Beziehungen“, welche die Frau erlebt, nicht mehr unverständlich sein.

Bis zuletzt geht auch der Mann auf dieses Spiel ein und heiratet sein Spiegelbild. Es ist moderner Humor, denn die Menschen tun diese extremen, grotesken oder skurrilen Gesten, um auf sich aufmerksam zu machen. Und gerade mit solchen Gesten oder Akten überrumpeln uns die Medien heute: Es ist fast wie ein Wettlauf um das Außergewöhnliche, um das, was Tabus bricht, um das Noch-Nie-Dagewesene. Ein wiederholtes Verpönen dessen, was wir als „normal“ und „alltäglich“ bezeichnen.

Ein Mann, eine Frau, heiße Liebe. Eine Beziehung. Eine gescheiterte Beziehung. Humor. Groteske. Tragik. Die Frau: Roberta Popa Ionescu, energiesprühend, kraftvoll als Schauspielerin. Und die auch das Konzept des Stückes vorschlägt. Der Mann: Robert Copoţ. In Sachen Schauspielerei seiner Partnerin etwas unterlegen. Und ein Bühnenbild Marke Geta Medinski.

Ein modernes Stück, nicht nur in Sprache und Thema, sondern – leider – auch in dem Schluss: Die Frau scheint beleidigt, als der Mann sich selbst heiratet, sucht ihn jedoch auf, um ihm vorzuschlagen, doch noch zueinander zu finden. Und das auf eine unerwartete Weise: Die Frau trägt eine Bombe am Leib. Ob sie echt ist oder nicht, kann der inzwischen an der Frau mit Handschellen gefesselte Mann nur erfahren, wenn er an dem Ring zieht. Sollte er es nicht tun, würde seine Geste beweisen, dass er kein Vertrauen zu der Frau hat. Und dann hätten sie keine zweite Chance mehr. Und sie probieren es aus. Ein plötzliches Licht erfüllt die Bühne. Kein Laut.

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