Ja, Mama!

Mittwoch, 12. Februar 2014

Oft staunte ich, wie viele Leute in allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen in Rumänien mit ihrer Mutter telefonieren. Zum Beispiel die bestimmt über 80-Jährige im Bus: „Ja, Mama. Mach das so, Mama.“ Potzblitz, das muss ja eine gesunde Familie sein! Stutzig wurde ich erst, als ich zufällig ein Telefonat von Nutzi mithörte, die, wie ich wusste, weder Mutter noch Großmutter mehr hat. „Ja, Mamaie“ (Oma), flötete sie zuckersüß in den Hörer. „Ich hol dich heut von der Schule ab, Oma!“ „Mit wem haben Sie gesprochen?“, platzte ich verdutzt heraus, alle Höflichkeitsregeln vergessend. Nicht etwa, dass ich neugierig wäre, doch die Oma in der Schule haute mich vom Hocker. „Mit Andreea, meiner Enkelin“, verkündete Nutzi strahlend. Ich hab wohl Bohnen auf den Ohren, dachte ich und zog mich peinlich berührt zurück.

Bis es wieder passierte. Diesmal in unmittelbarer Nähe. „Mama, setz die Mütze auf!“ rief die Schwiegermutter meinem Mann streng hinterher, als wir eilig bei Eiseskälte mit wehenden Haaren aus dem Haus rannten. „Sie denkt, ich bin immer noch ihr Kind“, grinst er auf meinen fragenden Blick. „Aber warum sagt sie Mama zu dir?“ bricht es aus mir heraus. Er zuckt mit den Schultern. Das ist halt so eine Unsitte hier... Erklären kann er es nicht.
Und auf einmal fällt es mir an allen Ecken und Enden auf! „Zieh die Jacke an, Tati“ (Papa), ruft der Mann im Supermarkt seinem zum Ausgang strebenden Töchterchen nach. „Ja, Mama, ich richte es ihnen aus“, beendet unsere Trauzeugin ihr Telefonat und übermittelt uns dann die lieben Grüße ihres Mannes...

Wer in der Kindheit brav seinen Karl May gelesen hat, kann sich das ungefähr so erklären: „Winnetou warnt Old Shatterhand, nicht ohne Mütze aus dem Haus zu gehen. Huk!“ Denn wer ein echter Indianer sein will, der teilt dem anderen mit, wer spricht. Oder aber so: Damit das Kind frühzeitig korrekte Verwandtschaftsbegriffe lernt, kommuniziert man sie ihm in der dritten Person mit der eigentlichen Aussage mit. Also „Mama: Setz die Mütze auf!“ „Oma: Ich hol dich von der Schule ab. Oma!“ Mit einem verstärkenden „Oma“ am Ende, statt des indianerlichen „Huk“. Damit das Kind sicher ist, wer da spricht – nämlich die Oma. Gewöhnt man sich solches Gerede in jungen Jahren an, bleibt es wohl ein Leben lang hängen. In anderen Kulturkreisen gibt’s das nicht. So wäre es vermutlich ein leichtes, einen rumänischen Undercover-Agenten, der sich als Zugehöriger anderer Nationalität ausgibt, eindeutig zu entlarven. Man ruft ihm einfach hinterher: „Mama, setz die Mütze auf!“ Und wartet, was passiert: Instinktive Befehlsausführung – oder abfälliges Tippen an die Stirn?

Kommentare zu diesem Artikel

Name egal!, 12.02 2014, 17:16
diese Kolumne spricht doch bestimmt vielen Lesern aus der Seele, genau so wie die Autorin es schildert!

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