Ja nicht ja (II)

Dienstag, 08. Mai 2018

Der Pfarrer i. R. und Autor humoristischer Lyrik und Prosa Walther Gottfried Seidner feierte am 15. März dieses Jahres seinen 80. Geburtstag.
Foto: Hannelore Baier

(Fortsetzung vom 4. Mai)

Ich habe das mit unserer Tochter geübt, ein Szenario, das sich genau so abgespielt hat: Deine Klassenlehrerin ruft dich aus der Stunde: zum Direktor. Der Direktor sagt kurz und bündig: Jemand will dich sprechen. Im Nebenraum zwei Herren, unauffällig, aber teuer gekleidet, Anzüge, Hemd, Krawatte. Sieh ihnen auf die Schuhe. Romarta-Schuhe. Ein Schuh, so viel wert wie das Monatsgehalt deiner Mutter. Die Herren:

Numero 1: Niemand darf von diesem Gespräch erfahren.
Numero 2: Zuckerbrot!
Numero 3: Peitsche.
Das Procedere eventuell mehrmals.

Du antwortest stereotyp und stoisch: Nein! Nein! Nein! Wenn es dir zu dumm wird, sagst du dann dieses: Ich werde alles meinem Vater berichten, der Pfarrer ist. Und der wird es dem Bischof weitermelden. Dann hörst du nur noch eines: Hier, unsere Telefonnummer, wenn dir etwas einfällt. Du lehnst ab. Statt la revedere heißt es zum Abschied für immer: Auf das nächste Mal!

Genauso geschehen.
Somit gibt es weder von mir, noch von meiner Frau, noch von unserer Tochter, die, wenn auch milde, hergenommen worden sind, sogenannte ‘note informative’. Man kann alle Dossiers der rumänischen ‘Gauck’-Behörde öffnen. Von uns, von mir liegt nichts über andere vor.

Der Dechant hieß die… – noch hatten wir keinen Namen für diese Amtsbrüder parat – hieß diejenigen aufstehen, die für die Securitate „hauptamtlich“ gearbeitet hatten. Er kannte sie mit Namen. Jetzt blickten wir uns um, ließen scheu die Augen schweifen. Und waren erstaunt, wie viele es an der Zahl waren: Einer erhob sich, ein einziger stand auf!

Es war ein junger Kollege, hatte Frau und Kind, der Vater und die Schwiegermutter bereits in Deutschland, so hieß es, ein lieber Kerl, den wir gerne hatten, mit dem wir scherzten und beteten. Und sagte, sagte, was wir hörten. Er sagte es ganz ruhig, ohne der Stimme einen Klang zu geben: Er habe diesen Dienst von seinem Vater übernommen, nachdem der nach Deutschland übergesiedelt sei! Übergesiedelt: Als wechsele man die Straßenseite, wo man jahrelang auf den Ausreisepass warten musste. Und sagte: Einer musste es ja sein. Und sagte: „Ihr könnt froh sein und könnt mir dankbar sein, dass ich es war. Sonst hätte es einer von euch sein müssen!“ Seine umfassende Handbewegung streifte jeden von uns, die wir uns duckten. „Ich habe euch geschont, soweit Ihr nicht selbst zu vorwitzig in eurem Gerede gewesen seid“. „Vorwitzig“, sagte er, „und ihr euch in eurer Nörgelei nicht übernommen habt. Und, erinnert euch, Ihr Brüder, im Kränzchen, wenn eure Frauen über das Regime herfielen, bin ich hinausgegangen und habe eine Zigarette geraucht!“ Kein Wort fiel. Was sagen? Sagt an! Was sagen? Bedanken! Wir sagten nichts.

Zwei waren es im Ganzen gewesen. Doch der andere war bereits in der Bundesrepublik. Was für einen Gewinn konnte die Securitate von diesem haben, mit einer Kirchengemeinde am äußersten Rande des Bezirks? Wunderten wir uns. Voltaire brachte es auf den Punkt: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott sieht das Herz an!“ Geblieben war bis zuletzt einer. Vor dem blutigen Ende gab die Securitate sich genügsam.

Nach einem Gottesdienst, ich sehe die Szene vor mir, stürzte ein Major der Securitate auf mich zu, händeringend, der ich, wie es das „Recht“ erheischt, als letzter aus der Kirche gekommen war, hinter dem letzten Kindergartenbuben. „Wie, nur so wenige in der Kirche?“ Dabei waren es viele. „Trommelt sie alle zusammen. Wir sind nicht mehr imstande, das Volk im Zaum zu halten!“ Frei heraus gesagt, und nicht einmal sah er sich um. Und noch selbstgenügsamer war die Securitate, als der Volkszorn die hohen Militärs vor das Freie Fernsehen zerrte: Keiner wollte es gewesen sein. Alle hatten nur als Installateure die geheimen Klos im sinistren Gebäude der politischen Polizei instandgehalten.

Der Dechant ging zum nächsten Punkt über.
„Und nun heraus, was jeder von der Securitate hat schlucken müssen! Es hört uns kein verborgenes Ohr zu!“ Er wusste in allem Bescheid.
Wir begriffen: Die Zeit der Furchtsamkeit ist vorbei, wo man nach jedem lautem Satz prüfen musste, ob man nicht zu vorlaut gewesen sei. Nun kam es zu einem vulkanischen Wortgewitter, wo einer und jeder sich zu Wort meldete, dem anderen ins Wort fiel, ihm das Wort entriss. Ich selbst hielt mich mit meiner Geschichte zurück, von der nur meine Frau wusste. Keiner, den die Securitate nicht berannt hatte. Und schändlich bedroht, weil er sich verweigerte, nein sagte, nein und nein: und ja nicht ja!

Rettung war für viele der Pfarrer unser Bischof gewesen. Dem sie sich, in die Ecke getrieben, anvertraut hatten. Und der es vermochte, unser Bischof, den armen, gestoßenen Seelen Ruhe zu schaffen. So, dass man weiterhin im Gemüt unbehelligt zum Herbst seine Nüsse klauben konnte und am Sonntag wacker das Wort Gottes verkündigen. Man wusste etwa, bitte, über so etwas redete man nicht, ja man flüsterte kaum, aber man wusste es trotzdem, dass einmal im Monat der „schöne Manfred“ im Bischofshaus vorstellig wurde, ein junger Major der Securitate, der fließend Deutsch sprach, hatte er doch das Brukenthallyzeum besucht. Die Vorzimmerdame des Bischofs hatte Order, niemanden im Mantel in das Kabinett hereinzulassen. Wollte man zum Bischof, musste man die Überkleidung ablegen. Als der Major Manfred sich lächelnd weigerte abzulegen, entsteißte die energische Sekretärin dem Besucher den Uniformmantel. Wobei, wie dann doch ausgeplaudert wurde, dem Securitate-Offizier die Pistole entglitt und zu Boden fiel. Die Dame im Amt hob sie mit spitzen Fingern auf und er verwahrte sie, verwahrte sie im Mantel, der in der Garderobe blieb. Dem Besucher aus der unsichtbaren Unterwelt bedeutete der Bischof, man möge ihn in Kenntnis setzen, wenn ein Pfarrer über die Stränge schlüge, ehe man ihm zu Leibe rückte. Man möge ihn benachrichtigen, was der Securitate so zum Ärgernis gereiche.

Merkt an, die Rollen sind vertauscht. Der Hohe Herr (einer seiner Titel) werde die Sache mit dem ins Visier genommenen Pfarrer bereinigen. Der Bischof hat in jenen beschädigten Zeiten über uns alle und über jeden von uns schützend die Hand gehalten.

In solcher Sache kam der Bischof mit seiner Frau, Doktor Maria, heraus nach Rothberg. Die Herrschaften hatten sich zum Tee angesagt. Nach der Teestunde bat er mich in das Musikzimmer, meine Frau besaß zwei Klaviere, und eröffnete mir, dass die Securitate mit mir höchlich unzufrieden sei! Ich halte mich nicht an das Gesetz, das jedem Einheimischen unter Strafe verbiete, Ausländer zu beherbergen, soweit sie nicht Verwandte ersten Grades seien. Und noch schlimmer: Ich nehme wahllos jeden Ausländer auf, selbst zur Nacht. Aber die Höhe! Ich schreibe keine Berichte über diese Begegnungen, keine Berichte und nie, wie verlangt.

Ich antwortete: „Lassen Sie die Herren von der Securitate wissen, hochwürdiger Herr Bischof, dass ich mich strikt an das Gesetz halte: Ich beherberge nur Schwestern und Brüder.“ Der Hohe Herr hob für einen Augenblick erstaunt das Haupt, als wolle er fragen: „So viele Brüder und Schwestern?“ Und nickte ergeben. „Und mit den Gästen unterhalte ich mich allein über das ewige Leben – verständlich als Pfarrer. Von keinerlei Bedeutung für die irdischen Belange eines atheistischen Landes.“

Ich fuhr im löblichen Werke unverdrossen fort wie bisher, unterstützt und beschirmt von meiner Frau Susanna Dorothea: Alle, die auf dem Pfarrhof anklopften, betrachteten wir als Bruder und Schwester. Und ich verweigerte weiterhin jeglichen Report über Gäste. Ich machte so weiter, obschon ich sicher ging, die Securitate werde mich rufen und mir den Kopf waschen, mir die Leviten lesen; wenn nicht ärger. Nach zwei Jahren und zwei Tagen Zellenhaft im Gewahrsam der Securitate in Stalinstadt ehemals, machte ich mich auf alles gefasst. Nichts geschah, es geschah nichts!

Selbst an die Freiheit muss man sich gewöhnen. Wir gewöhnten uns ruckartig, damals, Mitte Januar 1990, bei der ersten ungehinderten Pfarrerversammlung, ohne Aufpasser von außen und geheimen Spähern in den eigenen Reihen. Plötzlich brach das schwerwiegend Verschwiegene aus jedem heraus. Man konnte kaum mit dem Zuhören folgen. Wenn sich auch bald parallele Muster herausstellten. Zuhören – eine Weise der Zärtlichkeit? Wenn, eher der Barmherzigkeit. Und der Höflichkeit allzumal. Jeder Pfarrer berichtete fieberhaft und ähnlich von der gaunerhaften Aufdringlichkeit, von der Zudringlichkeit der Securitate. Keiner, aber auch keiner, wurde von den Dunkelmännern verschont. Und sie entkamen, entrannen durch das bebende Nein! Je weiter von der Haupt- und Hermannstadt im Amt, umso eher. Am ehesten im Krautwinkel, knapp hinter Gottes Angesicht. Dort war für die Securitate wenig zu holen, weil es dortselbst mehr Kraut als Leute gab. Und Kraut zog nicht.

Es meldete sich zu Wort Walther Gottfried Seidner, bekannt als Voltaire, von eh und je. Bekannter als Wilhelm Busch von Siebenbürgen. Wir erwarteten die Offenbarung eines seiner virtuosen Wortgebilde, ein Wortspiel gewagter Sprachakrobatik. Vielleicht dass er bereits in verwegenen und gewagten Metaphern das neue Statut des Landes besungen hatte. So war es mit ihm: Geriet ihm ein Wort zwischen die Finger, gelangte ein Wort ihm in die Hand, wurde ihm ein Wort auf die Zunge gelegt oder schnappte er es im Fluge auf, es wurde daraus eine Neuschöpfung, sodass sich das ursprüngliche Wort selbst nicht erkannte. Auch in anderem war er begnadet: Er wartete mit Reimgebilden auf von bodenlosen Bildern und Vergleichen, wo in schnurrigster und geistreicher Manier Menschliches und Allzumenschliches aufs Korn genommen wurde. Doch nicht waren die Verrenkungen und Abschweifungen dieser Wortspiele so abseitig, dass sie in völliger Verständnislosigkeit versackten. Sie blieben dem Zuhörer mit offenem Mund zugänglich. Wobei, das sei angemerkt, selbst bei noch so gewürzter Ironie die einfühlsame Güte das so Gesagte umkleidete.

Sollte Gott am „Tage des Gerichts“ ernst damit machen, dass „die Menschen Rechenschaft geben müssen über jedes nichtsnutzige Wort, das sie geredet haben“, so warnte ich: Dann bleibe Gott allein, allein mit meiner lieben Großmutter. Doch meine ich, dass in Walther Gottfried Seidner ein Christenmensch hinzutritt, ein Spielmann Gottes, dem nie ein nichtsnutziges Wort entkam. Was wir in einer nahezu enttäuschend nüchternen Sprache zu hören bekamen, stach ab von den Berichten der anderen in ihrer normierten Drangsalierung durch die Securitate, „parallele Lebensläufe“. Es ließ uns die Haare zu Berge stehen. Ich habe es mir als Einzelfall gemerkt. So gnadenlos krass, das hatte man nicht einmal der Securitate zugetraut.

Gewiss, Pfarrer Seidner war für den Geheimdienst ein gefundenes Fressen. Durch dessen Domestizierung als Informant hätte die Securitate vieles an Wissen über Land und Leute eingeheimst: Er war Ortspfarrer einer stattlichen Kirchengemeinde, dazu über seine poetischen Erzeugnisse vernetzt mit einer weiten Welt. Das wollten sich die regimehörigen Proletarier in den diskreten Maßanzügen keineswegs entgehen lassen.

Als der Pfarrer von Stolzenburg sich weigerte und weigerte – ja nicht ja! – und er die Dunkelmänner immer wieder mit einem Nein abspeiste, ließen sie den Knüppel aus dem Sack. Und sie sagten das Ihre brutal heraus, auf Deutsch, sie redeten deutsch. Nicht entblödeten sie sich, Goethe in ihren grässlichen Mund zu nehmen. Goethe, damit die tückische Androhung schmackhaft verpackt sei: „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!“ Die Männer ergänzten lächelnd – solch Gelichter sollte nicht, sollte nie lächeln, geschweige lachen: „Nimm deinen Verstand zusammen! Deine zwei Töchter kommen aus der Schule, überqueren die Chaussee und werden totgefahren. Deine zwei kleinen Mädchen, tot, mausetot. Und niemand wird je erfahren, wer der Fahrer gewesen ist!“

Was in ihm vorging, wissen wir nicht.
Pfarrer Walther Gottfried Seidner sagte eines und sprach es aus als sein letztes Wort, für immer, schlicht und einfach so: „Nein! Niemals.“ Und wiederholte es rumänisch, um ganz sicher zu gehen: „Nu, niciodată!“
Pfarrer Seidner entließ die gottlosen Männer mit einem Bibelspruch, wie jedes andere Menschenkind unter Gottes Sonne: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“.

Ja, er erlaubte sich eine winzige Wortverschiebung, wechselte ein Wort aus, nein: er tauschte zwei Buchstaben in demselben Wort um – und die Zusage Gottes bekam ein sehr anderes Gesicht: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott liebt, alle Dinge zum Besten dienen!“

Kommentare zu diesem Artikel

w, 09.05 2018, 08:27
Geschichte kann man wohl nur im Nachhinein aufarbeiten
Erni, 08.05 2018, 23:39
vielen Dank! Im Nachhinein zu sagen dass man Mut hatte, Genial!!!
Wolfgang, 08.05 2018, 08:55
Danke für diesen aufschlussreichen Artikel aus den finsteren Zeiten
Grüße aus Nürnberg
Dr. Wolfgang Knopp

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*