Jazz, der rockt

Das Halle Percussion Ensemble in Kronstadt

Freitag, 23. Mai 2014

Das Halle Percussion Ensemble auf der Bühne der Sala Patria. Von links nach rechts: Philip Andronic (Klavier), Christoper Ballhausen (Schlagzeug), Hannes Malkowski (Pauken), Ruben Klemm (Marimba), Johann Fritsche (hier ausnahmsweise am Vibraphon), Julian Ballhausen (Congas)

Die instrumentale Zusammensetzung des Halle Percussion Ensembles ist einzigartig: Dicht gedrängt sieht man hier Gong, Percussioninstrumente, Marimba, Vibraphon, Pauken. Spektakulär: Philip Andronic spielt Vibraphon mit vier Schlägeln (rechts im Bild).
Fotos: Philipp Mangold

Während der Zugabe zum Konzert passiert es: Alle sechs Musiker des Halle Percussion Ensembles schlagen auf ihre Trommeln, immer schneller, immer lauter. Der Rhythmus schwillt an zu einem so undurchdringlichen wie unwiderstehlichen Wirbel. Selbst die Zuschauer klatschen mit. Es wird noch lauter, noch schneller, noch wilder – als plötzlich ein Kopf durch die Luft fliegt. Es ist der Kopf eines Schlägels, der wohl die Spannung nicht mehr ausgehalten hat und in den Hintergrund der Bühne saust.

Diese Szene repräsentiert das Konzert des Halle Percussion Ensembles in Kronstadt, veranstaltet vom Deutschen Kulturzentrum Kronstadt. So spielfreudig und mit so viel Schmackes trommeln die jungen Musiker in der Sala Patria auf ihre Schlaginstrumente, dass der Bewegungsdrang übergeht auf Zuschauer – und die Stöcke ihrer Schlagzeuge. Fast unangemessen scheint dann der Ort des Geschehens: Die Zuschauer sitzen auf weichen, roten Sitzen, statt dass sie tanzen, klatschen, sich bewegen. Den Musikern ist es recht so: „In Sitzkonzerten haben wir selbst mehr Raum, die Zuschauer sind stiller und konzentrierter“, sagt Bandleader Hannes Malkowski. In Stehkonzerten sei es unruhiger, Leute kämen, gingen, holten sich Bier. „Das hat dann mehr Clubcharakter.“ In der Sala Patria steht die Musik im Mittelpunkt. Eine Musik übrigens, die durchaus nicht nur auf die Percussion fixiert ist. An Piano, Marimba und Vibraphon (beide gehören zur Familie der Xylophone) spielen die Musiker jazzige Melodien, mal mit lateinamerikanischer Färbung, mal mit rockiger, mal erinnert es an Filmmusik. Es ist ein moderner Jazz, der sich offen zeigt für verschiedene Einflüsse und dessen Fundament die Percussioninstrumente sind.

„Jazz à la Halle Percussion Ensemble“, nennt diesen Musikstil Johann Fritsche – der im Ensemble Klavier und Marimba spielt. Das Jazzen beherrschen sie ausgezeichnet: Sie spielen einander zu und erwecken dadurch ihre Instrumente zum Leben: Ein Instrument fragt rhythmisch, ein anderes antwortet im selben Rhythmus. Oder: Ein Instrument fordert ein anderes heraus, indem es immer kompliziertere Rhythmen spielt, die dieses imitieren muss. Dergleichen Spiele bietet das Ensemble einige. Außerdem lässt es den Musikern Freiräume für Soli; das eindrucksvollste an diesem Abend spielt Christopher Ballhausen an seinem Schlagzeug. Grandios nicht nur, wie er die Stöcke wirbeln lässt, sondern vor allem, wie er das Schlagzeug in ein Melodieinstrument verwandelt. Durch geschickte Bearbeitung der Ränder seiner Trommeln spielt er eingängige Melodien und unterlegt sie selbst mit einem wummernden Beat. Ein One-Man-Ensemble. Wie zum Beweis, dass tatsächlich nur er es ist, der diesen vielschichtigen Klang erzeugt, stehen seine Ensemblekollegen während des Solos am Rand der Bühne und verwandeln sich für einen Moment in begeisterte Zuhörer.

„Musik muss Puls haben, Harmonien und Melodien, die tragen. Sie sollte abwechslungsreich sein und dynamisch.“, sagt Hannes Malkowski. Daher folgen auf leise Partien oft laute Unisoni; was manchmal klingt wie Musik mit dem Paukenschlag: So etwa im letzten Stück vor der Zugabe, in dem harmonische, ruhige Stellen von plötzlichen Schlägen auf Gong, Pauke und Schlagzeug durchbrochen werden. Unterhaltsam sein und gleichzeitig komplex, Popmusik mit Anspruch machen, vielleicht auch eine Art E-Musik mit Groove: Mit dieser Musikidee eignet sich das Ensemble für Konzerte in Konzertsälen wie für Konzerte in Hallen. Fast scheint es, als habe es sich nach diesem Musikmix gekleidet: Das schwarze Hemd verspricht seriöse Virtuosen; Jeans und Sneakers lässige Entertainer. Dabei tendieren sie momentan leicht zum seriösen Virtuosentum.

Dies zumindest lassen die zwei neuen Stücke vermuten, die das Ensemble im zweiten Teil des Konzerts spielt. Diese sind düsterer, klavierlastiger, weniger eingängig; sie haben nicht die gleiche gedankenzerfetzende Wucht wie beispielsweise das Stück, das sie als Zugabe spielen: Der Höhepunkt dieses Stückes ist ein Herz, das immer langsamer schlägt. So quälend lang werden die Pausen zwischen den Schlägen, dass das Publikum nervös wird und applaudiert. Doch auf eine Ewigkeit folgt der nächste Schlag, und —— der nächste, und ————— —— der nächste. Und dann geht es los, ohne Vorwarnung, ein Wunder: alle Musiker spielen wieder zusammen, jetzt alle an Rhythmusinstrumenten. Keine Harmonie, keine Melodie, nur reiner, fröhlicher Rhythmus, der einen reißt in eine Art Urzustand, eine Art Ekstase. Rhythmus wirkt auf etwas, das tief im Menschen sitzt - er ist pure Freude, pures Leben, pures Jetzt. Die Ursprache, die alle Menschen verstehen. Und manche exzellent sprechen. Seit vergangenem Samstag ist das Halle Percussion Ensemble auf Rumänien-Tour. Standing Ovations.

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