Je suis Charlie...

Mittwoch, 14. Januar 2015

...aber nicht ganz. Und Kurt Tucholsky hat auch nur zum Teil Recht, wenn er fragt und antwortet: „Was darf die Satire?“ – „Alles!“ Die Mordserie im „Charlie Hebdo“ – die Mörder starben mit dem für ihre Beschränktheit beruhigenden Gefühl, „Allah gerächt“ zu haben – hat den 1400jährigen Spalt wieder aufgerissen, den der Harvardprofessor Samuel P. Huntington 1993-96 in seinem „The Clash of Civilisations“ (deutsch: „Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“) analysiert hat. Diese Politikstudie Huntingtons gewog mich, einleitend – für mich persönlich – Einschränkungen der Botschaften zu machen.

Huntington zitiert in der causa „Der Islam und der Westen“ John Esposito bezüglich der „heftigen Rivalität und des heißen Krieges unterschiedlicher Intensität“ zwischen den beiden Weltkulturen und –religionen. Esposito spricht davon, dass deren „historische Dynamik“ die „beiden Gemeinschaften oft in einem Wettstreit“ fand, „manchmal in einem verbissenen Ringen um Macht, Land und Seelen“. Europa war „fast 1000 Jahre lang, von der ersten Landung der Mauren in Spanien bis zur zweiten Belagerung Wiens (1683) durch die Türken, ständig der Bedrohung des Islam ausgesetzt.“ Diese Sicht ist abendlandzentristisch – es werden die Kreuzzüge (das Pendant des Dschihad) einfach übersehen und auch die Kriege Eugens von Savoyen oder die Sezessionskriege in Ex-Jugoslawien – ist aber, vielleicht, durch die Schlussfolgerung begründet: „Der Islam ist die einzige Kultur, die das Überleben des Westens hat fraglich erscheinen lassen.“ Als ob der „Untergang des Abendlandes“ nicht schon lange vorher und ohne Islam philosophisch theoretisiert worden wäre...

Die größte Offensive gegen den Islam gab es am Ende des ersten Weltkriegs, als 1920 nur noch vier islamische Länder (und die von Gnaden Großbritanniens, Frankreichs und Italiens) existierten: Türkei, Saudi-Arabien, Iran und Afganistan. Zwischen 1757 und 1919 waren laut Huntington 92 „muslimische Gebiete“ von „nichtmuslimischen Regierungen erworben“ worden, während 1995 sich „69 dieser muslimischen Territorien wieder unter muslimischer Herrschaft“ befanden und „45 muslimische Staaten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung“ existierten. Parallel dazu entwickelte sich die „friedliche Eroberung des Westens durch die Mohammedaner“, durch Immigration. Gründe dazu gab es ganz verschiedene, wirtschaftliche, demografische, religiöse usw. Es kann kein Zufall sein, dass in den 50 Kriegen zwischen 1820-1929, die zwischen zwei verfeindeten Staaten geführt wurden, die Hälfte Kriege zwischen Muslimen und Christen gewesen sind. Bei Huntington nachzulesen.

Jetzt heißt es, dem Islam stehe die Aufklärung bevor.

Und der Orthodoxie?

Aber wann kommen aus den Reihen unserer türkisch-tatarischen Mitbürger an der Schwarzmeerküste die ersten Gotteskrieger?

Oder gibt es sie bereits und die (geschätzt) 15.000 Mann der (fürstlich bezahlten) rumänischen Geheimdienste haben keine Ahnung?

Letztlich bleiben zwei Fragen Lenins: Kto? Kowo? (Wer?-Wen?)

Kommentare zu diesem Artikel

Theobald, 15.01 2015, 23:26
Es gibt viele, auch geschichtliche Beispiele, dass Muslime und Christen friedlich mit- und nebeneinander leben können. Auseinandersetzungen gab es immer dann, wenn wirtschaftliche Entwicklungen eine Gruppe benachteiligten. Diese Auseinandersetzungen wurden dann mit religiösen Gegensätzen begründet und als Machtfaktor eingesetzt.

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