„Jetzt ist es an den Griechen, ihre Verpflichtungen zu erfüllen!“

Gespräch mit Paschalis M. Kitromilides, Professor für Politikwissenschaften an der Universität in Athen

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Professor Paschalis M.Kitromilides, Professor für Politikwissenschaften an der Universität in Athen, hatte soeben einen stark applaudierten Vortrag vor Historikern gehalten, als ich ihn wegen eines Interviews ansprach. Er war sofort einverstanden, setzt aber gleich hinzu: „Aber bitte nicht zu den Wahlen!“ Worum denn sonst sollte es bei einem Interview, das zwei Tage vor den Wahlen in Griechenland zustande kam, gehen? Normalerweise wären alle Augen am 20. September auf Athen gerichtet gewesen, gäbe es in der Zwischenzeit nicht eine Sintflut an Fotos und Statements über  die sich rapide verschlechternde Lage in Europa und zwischen den europäischen Staaten wegen der Flüchtlingswelle
Griechenland hat aber Anfang des Sommers ganz Europa über Wochen hinweg in Atem gehalten. Und als der plötzlich weltbekannte Ministerpräsident Alexis Tsipras am 20. August nur kurze Zeit nach der Aushandlung eines in Griechenland nicht unumstrittenen Reformpakets sein Amt abgab, um erneut vorgezogene Wahlen auszurufen (in der Hoffnung, seine von innerem Zwist aufgewühlte Partei und seine  eigene Position zu stärken), war es fast ausgemacht, dass man um den 20. September herum wieder Bilder aus menschenüberfüllten Straßen in Athen im Fernsehen sehen würde. Allerdings, wie gesagt, ging das Thema Wahlen in Griechenland – auf dem Hintergrund der Euro-Diskussionen im Juni oder Juli von höchster Brisanz in und für Europa – im Lärm der Stimmen um die Flüchtlingswellen unter.

Welches sollten in Ihren Augen die ersten Schritte sein, die die neue Regierung in Griechenland vornehmen sollte?

Die Regierung sollte sich an den Vertrag mit der Europäischen Union halten und das Spiel nach den Regeln der Europäischen Union spielen, wo Griechenland ein privilegiertes Mitglied ist. Ich glaube, wir müssten alles Mögliche daran setzen, um in der Union zu bleiben und versuchen, die Krise mit Hilfe der europäischen Institutionen zu bewältigen.

Glauben Sie, dass die Flüchtlingswellen jetzt den Fokus der EU auf andere Themen verschieben und dass es schwieriger für Griechenland sein wird, über seine Probleme in Europa zu sprechen?

Die europäischen Repräsentanten haben selber gesagt, dass das Flüchtlingsproblem in Europa jetzt viel ernster ist, nicht nur mittel-, sondern auch langfristig gesehen, als das Problem Griechenlands. Das ist sehr wahr, glaube ich. Deshalb muss sich Europa jetzt um dieses Problem kümmern. Ich glaube, dass das griechische Problem aus europäischer Perspektive gelöst wurde, durch das Übereinkommen, zu dem man gekommen ist. Jetzt ist es an den Griechen, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, die in dieser Vereinbarung festgehalten wurden, auch wenn das schmerzhaft ist für die griechische Gesellschaft, denn es bedeutet mehr Steuern, aber immerhin, man kann es machen. Und wenn man das durchführt, dann wird es auch keine Griechenland-Krise mehr geben.

Also sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Ich bin nicht besonders damit zufrieden, aber ich bin glücklich, dass es überhaupt zu einem Agreement gekommen ist. Ich bin nicht besonders glücklich über den Inhalt der Vereinbarung, die hart sind, aber ich bin glücklich, dass ein Übereinkommen erreicht wurde.

Hätte eine andere Regierung ein anderes Ergebnis ausgehandelt?

Das ist eine hypothetische Frage. Wahrscheinlich, ja. Mit einer anderen Regierung wäre die Vereinbarung früher erreicht worden.

Wie müssten die Beziehungen Griechenlands zu Deutschland sein? Sie waren in letzter Zeit stark unter Druck standen.

Deutschland ist ein wichtiges Land, das, meiner Ansicht nach, Griechenland viel geholfen hat. Und diese Beziehung sollte normalisiert werden und aufgrund der gemeinsamen europäischen Werte ausgebaut werden.

Glauben Sie, dass Deutschland Griechenland während dieser Verhandlungen fair behandelt hat?

Deutschland hat seine eigenen internen Überlegungen. Aber, grundsätzlich, ja.

Kommen wir nun auf die Flüchtlingswelle zu sprechen. Einige griechische Inseln sind völlig überfüllt, wie man das aus dem Fernsehen kennt.

Die Flüchtlinge wollen nicht in Griechenland bleiben, sie wissen dass es wirtschaftlich schwach ist. Sie wollen nach Deutschland. Die griechische Wirtschaft kann ihnen keine Jobwünsche erfüllen. Deshalb wollen sie alle nach Deutschland.

Sind Sie für oder gegen die Aufnahmequoten, die den europäischen Ländern auferlegt werden?

Ich bin dafür. Nicht nur die Mitglieder der EU, sondern auch Staaten außerhalb der EU sollten helfen, weil dies ein humanitäres Problem und Europa ein privilegierter Teil der Welt ist. Deshalb sollte es den Menschen in Not helfen.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 26.10 2015, 20:02
Griechenland soll zu aller erst einmal seine Seegrenze zur Türkei überwachen und die Völkerwanderung aus dem Nahen Osten stoppen.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*