Joachim

Montag, 25. August 2014

Der Hermannstädter Schriftsteller Joachim Wittstock feiert am kommenden Donnerstag, dem 28. August 2014, seinen 75. Geburtstag
Foto: Frank-Thomas Ziegler

75 ist ein Walzer im Dreivierteltakt, kann aber auch als Dreieck gelten. 75 ist ein gitterloser Londonturm. 75 ist ein gut gespitzter Bleistift, der Gedichte schreibt. 75 ist die unvollendete Sinfonie von Schubert. 75 ist ein Zug mit drei Wagen, der im Keleti-Bahnhof auf den vierten wartet. Ich bitte um Verständnis, Gelegenheitstexte sind nicht mein Steckenpferd. Aber der 28. August kommt mir nicht aus dem Sinn, nicht eines uralten Märchens wegen, sondern weil an diesem Tag der Hermannstädter Schriftsteller Joachim Wittstock 75 wird.

Obwohl er die Einsamkeit dem Applaus und den vollen Sälen vorzieht, ist er einer der bekanntesten und am meisten geehrten deutschen Schriftsteller Rumäniens. Doch leicht ist es nicht, in sein Versteck zu gelangen. Wer würde auf den ersten Blick den Radfahrer, der unermüdlich die vertrauten, alten sächsischen Dörfer um Hermannstadt besucht, mit dem besessenen Historiker, der die geheimen Schatzkammern einer über 800-jährigen Geschichte der Siebenbürger Sachsen (ob deutscher oder flämischer Abstammung) rastlos recherchiert, identifizieren können? Es ist nicht zu bestreiten, dass die Rumänen diesen ordentlichen, ehrlichen, arbeitsamen Menschen, die uns eine große Kultur hinterließen und vor allem die sehenswürdigen mittelalterlichen Burgen Hermannstadt, Kronstadt, Schäßburg, Mediasch gründeten, wodurch wir weltweit bekannt wurden, sehr viel schulden. Zum Glück entschuldigt uns Mark Twain für unsere Gleichgültigkeit in seiner berühmten Definition der Ewigkeit. Der große Schriftsteller und geniale Redner meinte, dass „die Unendlichkeit die nötige Zeit für das Erlernen der deutschen Sprache sei“. Ich muss gestehen, dass mein Talent als Touristenbegleiterin nicht auf der Höhe ist. Es war bloß ein Gedankensprung.

Joachim Wittstock ist ein Schriftsteller, der ein paar Bücher in Deutschland veröffentlichte, doch von den über 15 Prosa- und Gedichtbänden, die er in deutscher Sprache in Rumänien herausbrachte, erfreute sich eines größeren Erfolgs sein erster Roman, „Karussellpolka“, ediert im Dacia Verlag Klausenburg/Cluj-Napoca, 1978, und 2011 neu aufgelegt im hora Verlag Hermannstadt/Sibiu. „Ein bedeutungsvolles Buch für die Siebenbürger, eines ihrer wichtigsten Bücher unserer Tage!“, schreibt Walter Myß (München). Ebenso fand der von mir ins Rumänische übersetzte Kurzprosaband „Dumbrava Morilor“, der 2007 im Verlag des Rumänischen Kulturinstituts ICR erschien, größere Beachtung. Aber die Literatur dieses Schriftstellers verdient einen viel besseren Platz auf der rumänischen Bücherbühne. Der vor einigen Jahren erschienene Roman „Die uns angebotene Welt“ ist, ohne zu übertreiben, eine geniale Schilderung des Niedergangs der siebenbürgisch-sächsischen Intelligenz. Niemand hat in den rumänischen Zeitschriften etwas darüber berichtet! Vielleicht hätte ich das tun sollen, aber damals war ich mehr in Deutschland als in Rumänien. Meine Begeisterung für Joachim Wittstock betrifft nicht nur den ganz besonderen, einzigartigen Menschen, sondern auch – eigentlich, in erster Linie – seine Literatur: Eine völlig ungewöhnliche Schreibweise, nicht nur für die Zeit und den Raum, in denen wir leben, sondern vor allem für die Gesellschaft – die Entourage, wie Joachim mit diskreter Ironie zu sagen pflegt... Für die Kunst ist das, was unterschiedlich ist, was der allgemeinen Rhetorik entkommt, reines Gold. Vielleicht müsste man so auch den Begriff „außergewöhnlich“ außerhalb der Regel erklären. Die Sprache, die das wesentliche Produkt des Volkes ist, bringt des Öfteren ein tieferes Denken als die „Intelligenz“ zur Geltung!

Joachim Wittstock ist ein Mensch, dem es schwer fällt, jemanden zu beschuldigen, ein Mensch, der nicht schimpft, nicht tadelt, der nichts demütigend empfindet, der als erster bereit ist, einen Straßenkehrer zu grüßen und nach einer Lesung, wenn sich das Publikum verlaufen hat, im leeren Saal Ordnung zu machen. Joachim Wittstock ist der Schriftsteller, dem die Studenten Diplomarbeiten widmen, und einer der besten Germanisten nach dem großen Harald Krasser. Er ist der Mann, der genau weiß, wie und wann man die Hand einer Dame küsst, der Mann, dessen vornehmes Auftreten mich gleich an König Michael I. denken lässt. All das hier Gesagte zeugt für einen echten Dichter, der durch seine unerwarteten Visionen manchmal schockiert, wenn z. B. ein Liebesgeflüster durch Zahlen ausgedrückt wird, wenn ein Gymnasiast auf der Schaukel plötzlich den Himmel unter seinen Füßen sieht, wenn die Jahrhunderte nebeneinander laufen wie ein Gespann, das ein Fahrzeug ins Unbekannte fährt. Ich könnte noch so manches über Joachim Wittstock sagen – wenn mir die nötige Zeit „angeboten“ wird, würde ich Mut fassen, seinen Roman „Die uns angebotene Welt“ zu übersetzen.

Das Motto am Anfang des Buches ist ein Auszug aus dem Roman von Hermann Hesse „Peter Camenzind“. Während man diese Zeilen liest, ist man geneigt, sich zu fragen, ob das nicht das Porträt des Hermannstädter Schriftstellers ist: „Lernen, schaffen, schauen, wandern – die ganze Fülle des Lebens glänzte in flüchtigem Silberblick vor meinem Auge auf, und wieder wie in Knabenzeiten zitterte etwas in mir mit unbewusst mächtigem Zwang der großen Weite der Welt entgegen.
... wie ein ahnungsvoller Seher stand ich an dunklen Abgründen, dem Brausen großer Ströme und Stürme lauschend und die Seele gerüstet, den Zusammenklang der Dinge und die Harmonie alles Lebens zu vernehmen. Ich fühlte nur, das Leben müsse mir irgendeinmal ein besonders lachendes Glück vor die Füße spülen, einen Ruhm, eine Liebe vielleicht, eine Befriedigung meiner Sehnsucht und eine Erhöhung meines Wesens. Zwischen mir und den Menschen und dem Leben der Stadt, der Plätze, Häuser und Straßen war fortwährend eine breite Kluft.“ Trotz der breiten Kluft wünschen wir Dir, lieber Joachim, ein besonders lachendes Glück!

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