Julbock - Capra - Habergeiß

Heidnische Winterbräuche aus grauen Urzeiten

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Ein anderer beliebter rumänischer Winterbrauch, der lustige Umzug mit dem Bären: Hier auf einem Temeswarer Marktplatz
Foto: Zoltán Pázmány

Früher zogen am Neujahrstag rumänische Burschen mit der „capra" durch unsere Dörfer. Ein vermummter Bursche trug an einer Stange den hölzernen Bockkopf, mit einer beweglichen Kinnlade, die mit einer Schnur zum Klappern gebracht werden konnte. Unter Musikbegleitung zogen sie von Haus zu Haus, der Bockträger stampfte mit seiner Stange und klapperte mit der Kinnlade im Takte der Melodie. Zumeist war die Gestalt mit kleinen Glöckchen behangen. Nachdem die Burschen bewirtet worden waren und kleine Geschenke bekommen hatten, zogen sie ins nächste Haus.

Die Figur dieses Neujahrsbrauches ist unter verschiedenen Namen landesbekannt: als capra oder ]urca im Banat, als brezaia in Muntenien, als cerbul in der Gegend von Hunedoara, als bouri]a im Norden des Landes. Dimitrie Cantemir beschreibt den Brauch in seiner „Descriptio Moldaviae".

Als agro-pastoraler Fruchtbarkeitskult gedeutet, reicht er in graue Urzeiten zurück. Die symbolische Opferung eines Bockes in einigen Gegenden der Moldau bestätigt diese Deutung. Nach der Meinung einheimischer Volkskundler ist dieser Brauch thrakogetischen Ursprungs.  Untersucht man seinen Namen und Inhalt nach geografischen Gesichtspunkten, so ergeben sich überraschende Gemeinsamkeiten mit dem skandinavischen Julbock und der Habergeiß'des Alpenraumes.

Als Fest der wiederkehrenden Sonne und der erwachenden Fruchtbarkeit wurde das alte nordgermanische Mittwinterfest, das Julfest, gefeiert. Dem nordischen Fruchtbarkeitsgott Thor war der Ziegenbock heilig, sein Gespann wurde von Ziegenböcken gezogen. Als vermummte Gestalt, wohl als Schreckmaske gegen böse Geister, tritt der Julbock um die Weihnachtszeit in Schweden auf und wirft unter lautem Rufen Geschenke in die Zimmer. Dieses Weihnachtsgeschenk heißt „Julklapp". Heimisch ist dieser Brauch in Skandinavien, in einigen Gegenden Norddeutschlands wurde er erst spät, durch die Schwedenherrschaft nach 1648, eingeführt.

In der Steiermark wird bei Fruchtbarkeitsumzügen der Schimmel und die Habergeiß mitgeführt. Leintuchverhüllte Burschen tragen einen Pferde- oder Geißbockschädel mit einer beweglichen Kinnlade.  Die Figur entspricht genau dem nordischen Jul- oder Klapperbock und der rumänischen Capra. Eindeutig ist auch die Gemeinsamkeit des Namens. Das erste Wortglied des Namens „Habergeiß" enthält das altnordische hafr (Ziegenbock), identisch mit dem angelsächsischen Namen haefer und dem lateinischen caper für Ziegenbock.

Neben der Gemeinsamkeit des Namens Klapperbock - Capra - Habergeiß ist die Gleichartigkeit der Maske (ein gehörnter Bockkopf mit einer Klapperkinnlade), das gemeinsame Auftreten zur Mittwinterszeit und der identische Inhalt als Fruchtbarkeitskult festzustellen. Es ist demnach nahliegend, einen Wanderweg für diesen Brauch von Skandinavien über den Karpatenbogen in die Alpengegend anzunehmen. Ostgermanen, Goten und Gepiden dürften den Brauch nach Dazien und Ostgoten in die Alpenländer gebracht haben.

Sprachliche Elemente im Dakoromanischen, die für ein Zusammenleben von Ostgermanen und Dakoromanen zeugen würden, fehlen nach Ansicht der modernen Sprachforscher. Sie lehnen die linguistischen Argumente der Hypothesen von Diculescu, Giuglea, Puscariu, Gamillscheg u. a. ab, halten doch diese einer Kritik moderner Linguisten nicht stand. Nach Rosetti können ostgermanische (gotische, wandalische, gepidische) Elemente im Wortgut der Dakoromanen nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden. Dagegen können volkskundliche Elemente die historische Tatsache einer gleichzeitigen und gleichräumigen Koexistenz erhärten. Schon vor Jahren machte der Medizinhistoriker Valerius Bologa auf die frappante Ähnlichkeit eines Heilsegens aus der Kreisch-Marosch-Gegend mit dem zweiten Merseburger Zauberspruch aufmerksam. Der Merseburger Zauberspruch, im Fränkischen des 10. Jahrhunderts überliefert, hat als Auftakt eine heidnische Anekdote:

 

Phol und Wodan fuhren zu Holze,

da ward dem Fohlen Baldurs sein Fuß verrenkt.

Da besprachen ihn Sinthgunt, Sünna ihre Schwester,

da besprach ihn Frija, Volla ihre Schwester,

da besprach ihn Wodan, so er wohl konnte:

So Beinverrenkung, so Blutverrenkung, so Gliedverrenkung:

ben zi bena, bluot zi bluoda,

lid zi geliden, sose gelimida sin.

(... Bein zu Bein, Blut zu Blut,

Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt wären).

 

Harald Krasser wies auf den Zusammenhang einer rumänischen Begräbnissitte, der „pas²rea suflet“ (Seelenvogel) mit einem langobardischen Brauch hin.  In einigen Dörfern Siebenbürgens werden an der Grabstätte unverheiratet Gestorbener eckig behauene Pfähle, die mit einer Vogelfigur gekrönt sind, aufgestellt. Nach einem Bericht des Paulos Diaconus ließ die langobardische Königin Rodelinde bei der Stadt Ticinus eine Kirche „zu den Stangen" (ad perticas) genannt, errichten. „Zu den Stangen" hieß diese Kirche deshalb, weil die Langobarden ihren fern der Heimat gefallenen Verwandten als Grabdenkmal eine Stange setzten, auf deren Spitze sie eine hölzerne Taube befestigten. Die Taube schaute in jene Himmelsrichtung, wo der Tote vermutlich gestorben war. Besonderheiten des Totenkults besaßen die Langobarden schon in ihren älteren Sitzen im östlichen Mitteldeutschland, wo erstmalig getrennte Männer- und Frauenfriedhöfe festgestellt werden konnten.

In Thüringen und im Bardengau lagen die Männerfriedhöfe auf Anhöhen, die Frauenfriedhöfe im Tal. Man deutete dies mit dem Vorhandensein kriegerischer Männerbünde. Auch dieser Brauch wanderte von Mitteldeutschland über die Donau in die Lombardei.  Der sprachgeschichtliche Hiatus in der Beweisführung für das Zusammenleben ostgermanischer Völker mit den Dakoromanen wird durch volkskundliche Elemente ausgefüllt. Auch der Julbock-Capra-Habergeiß-Brauch bekräftigt das geschichtlich sichergestellte Zusammenleben dieser Völker.

 

Aus Erich Lammert „Banater deutsche Lebensformen“, Banat Verlag Erding 2012

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