Kaiserstadt in Weihnachtsstimmung

Ein eisiger und herzerwärmender Tag in Goslar

Freitag, 13. Dezember 2013

Einige Verkaufsstände des Weihnachtsmarktes vor dem Goslarer Gildenhaus.

Im Hof des stolzen Siemenshauses

Die Kaiserpfalz von Goslar

Das „Brusttuch“, heute Hotel und Restaurant.
Fotos: Christine Chiriac

Laut einer Umfrage, auf die ich neulich im Internet gestoßen bin, soll der Weihnachtsmarkt in Goslar einer der schönsten Deutschlands sein – sogar „der schönste“, wie „12,67 Prozent der 8613 abgegebenen Stimmen“ vergangenen Winter votierten. Außerdem sind das Erzbergwerk Rammelsberg und die Altstadt von Goslar seit zwei Jahrzehnen UNESCO-Weltkulturerbe –  Grund genug, um mich auf den Markt und die Stadt neugierig zu machen.

Am zweiten Adventswochenende, als ich mit heißem Tee und Fotokamera gewappnet aus der Regionalbahn am Goslarer Bahnhof aussteige, ist in den Nachrichten ausschließlich vom Sturmtief „Xaver“ die Rede, das Norddeutschland mit „extremen Orkanböen“, „eiskalter Polarluft“ und „heftigen Schneefällen“ quält und heute ausgerechnet im Harz wüten soll. Vielleicht hätte man sich doch noch die Wollsocken anziehen müssen…

Ich fasse Mut und mache mich auf den Weg in die Altstadt. Unweit vom Bahnhof, in der Rosentorstraße, vorbei am historischen Hotel „Der Achtermann“, begegnen mir neben den ersten Schneeflocken auch schon die zarten Klänge eines Choralvorspiels von Bach, die mich zu einer geräumigen romanischen Basilika locken. Aus einer Reisebroschüre erfahre ich, dass die Neuwerkkirche eine ehemalige Klosterkirche aus dem 12. Jahrhundert ist. Ich lasse hier einige Minuten die ruhige Umgebung, die wunderbare Orgelmusik und die wertvollen Wandmalereien in der Hauptapsis auf mich wirken.

Einige Straßen weiter besuche ich noch die St.-Jakobi-Kirche, die älteste erhaltene Kirche Goslars (Baubeginn im 11. Jahrhundert). Rundherum sind einige Marktbuden und Verkaufsanhänger aufgestellt, die den Passanten frische Käse- und Wurstsorten, Fisch, Gemüse und Kuchen anbieten. Heute ist nicht nur Weihnachtsmarkt in Goslar, sondern auch Wochenmarkttag. Ein Spaziergang weiter durch die Einkaufsstraßen, in denen es etwas künstlich, aber doch recht stimmungsvoll weihnachtet, und wo es geradezu mit Angeboten regnet (schneit?!), mache ich Halt in einem Café, um mich mit ein wenig Koffein aufzumuntern. Zwei Tische weiter fällt mir ein Statuen-Ensemble auf, das genüsslich aus Cappuccino-Tassen schlürft. Es handelt sich um zwei Männer, die von Kopf bis Fuß mit Silberbronze bemalt sind und wahrscheinlich später im Laufe des Tages als „lebende Statuen“ mit ihrer Kunst des Stillstands ein paar Euro in der Fußgängerzone verdienen werden. Sie lächeln mich silbern an. 

Lebkuchen- und Glühweinduft

Nach dem willkommenen Milchkaffee und der pfiffigen Begegnung gelange ich schnell zum Marktplatz, wo sich an den Verkaufsständen des Weihnachtsmarktes schon Menschentrauben bilden. Es riecht nach gebrannten Mandeln und Waffeln und es sieht aus, als betreibe der Weihnachtsmann ausgerechnet in Goslar seine größte Vorratskammer. Es gibt hier nichts, was es nicht gibt: Adventskränze, Töpferwaren, Stickereien, Bernsteinschmuck, sogar Wärmestoffpantoffeln, Holzspielzeug, handbemalte Weihnachtsbaumkugeln, Ornamente, Wollsachen. Für Feinschmecker halten die Marktbuden französische Crêpes, Lakritz aus Holland, belgische Pralinen, Lebkuchen, Bratäpfel und Honigprodukte bereit - für die hungrigen unter den Gourmets gibt es auch Herzhaftes: Spanferkel, Wildmettwurst, oder mit lokalem Flair die „Harzer Bratwurst“ und die „Goslarer Pfefferrolle“. Dazu selbstverständlich Glühwein – auch in der „Bio“-Variante. Mir fehlt noch der Vergleich zu anderen Weihnachtsmärkten, aber dem Ergebnis der erwähnten Umfrage stimme ich zu. Der Goslarer Weihnachtsmarkt ist ein Genuss für alle Sinne. (Weihnachtsmarkt und Weihnachtswald in Goslar vom 27. November bis 30. Dezember, www.weihnachtswald.de)

Auf den Spuren der Geschichte

Um die Stadt und ihre Geschichte ein wenig näher kennenzulernen, buche ich bei der Touristeninformation schnell noch eine Führung für Einzelreisende. Der anderthalbstündige „Spaziergang am Nachmittag“ beginnt mit einer kurzen historischen Einführung über den Rammelsberg, die „Schatztruhe Goslars“, und die Stadt als „Tochter des Berges“. Ihre Geschichte ist unzertrennlich – sie wurden als Ensemble auf die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Unsere Stadtführerin ist zwar keine Goslarsche, hat aber „lange genug“ in der Stadt gelebt, um uns en détail über die Dynastien, die Brände, die dicken Stadtmauern, die Emanzipation der Bürger, die Machtkämpfe und den Reichtum des Bergwerks zu erzählen. Millionen Tonnen Gold, Silber, Blei, Kupfer und Zink schenkte der Berg den Menschen – „in einem Transportzug reicht das von Goslar bis nach Neuseeland und noch 3000 Kilometer weiter“, sagt unsere Stadtführerin. Seit 1988 ist die Mine stillgelegt – und somit auch der wichtigste Arbeitgeber Goslars. Doch es ist nicht das erste Mal, dass die Bergstadt Schwierigkeiten hat und sie überwindet. In der Nazi-Ära war Goslar „Reichsbauernstadt“ und Schauplatz riesiger propagandistischer Erntedankfeste – Adolf Hitlers und Richard Walther Darrés Ehrenbürgerschaftstitel wurden erst vor wenigen Wochen aberkannt.

Am Marktplatz zeigt uns die Stadtführerin den Goslarer Adler, eine vergoldete Bronzestatue, die den zentralen Brunnen schmückt und das Selbstbewusstsein der Goslarer Kaufleute am Ende der Kaiserzeit symbolisiert – genauso wie das Gildenhaus (heute Hotel „Königsworth“), das 1494 errichtet wurde und als Statussymbol fast noch mehr imponiert als das Rathaus. Letzteres wird zurzeit saniert und hat seine Arkaden mit Schutzfolie bedeckt, dafür kann man den spätgotischen Huldigungssaal besichtigen, der für den Besucher kostbare Tafelmalereien und Schnitzwerk bereithält. Sehens- und hörenswert ist am Markt auch das Glocken- und Figurenspiel (täglich um 9, 12, 15 und 18 Uhr). In der Worthstraße schauen wir uns näher einige Fachwerkhäuser und Steinkemenaten an – die von „steinreichen“ Leuten gebaut wurden, wie unsere Stadtführerin scherzt. Die Spruchbänder geben dem Besucher ein weises Wort mit auf den Weg – etwa „Thue Recht und scheue niemandt“.

Wir lernen dann die Gose kennen, den kleinen Fluss, der Goslar seinen Namen gegeben hat, und wärmen uns kurz in der Eingangshalle der ältesten Einrichtung für Armenfürsorge (1254 gegründet). Das „Große Heilige Kreuz“, wie das Hospital heißt, erfüllt heute noch seine soziale Aufgabe, beherbergt aber auch eine geschmackvolle Werkstätte für Kunsthandwerk – und erstaunliche Ausstattung: Unter den Steinen, die den Boden pflastern, versteckt sich modernste Fußbodenheizung. Unbedingt sehenswert sind auch das Bäckergildehaus mit dem stolzen Erker und auf der anderen Straßenseite das Patrizierhaus „Brusttuch“ – beide wurden im 16. Jahrhundert errichtet – sowie das Stammhaus der Industriellenfamilie Siemens mit Wohnräumen, Speichern und Brauerei. Ein Muss für jeden Gast der Stadt ist die eindrucksvolle Kaiserpfalz, die im 11. Jahrhundert unter Heinrich III. gebaut wurde. Auf dem Areal stehen heute noch das prächtige Kaiserhaus, die Vorhalle der ehemaligen Stiftskirche St. Simon und Judas, die Pfalzkapelle St. Ulrich und die Liebfrauenkirche.  

Flucht ins Kunstmuseum

Nun ist es aber so weit: „Xaver“ ist in Goslar angekommen und wirbelt eisig den Schnee in alle Himmelsrichtungen. Ich suche für ein Stündchen noch einen Unterschlüpf im Warmen und entdecke ein Museum, das man in einer Tausend Jahre alten Stadt (erste urkundliche Erwähnung: 922) nicht unbedingt erwarten würde: Es ist das Mönchehaus-Museum für moderne Kunst, das auf Zeit in einem barocken Fachwerkhaus unweit vom Bahnhof gastiert. Das Stammhaus in der Mönchestraße wird gerade saniert. Im kleinen Museum erfahre ich, dass in Goslar schon seit vier Jahrzehnten internationale zeitgenössische Kunst ausgestellt wird. Und zwar vergibt die Stadt seit 1975 den „Kaiserring“ an prominente bildende Künstler aus aller Welt, mit dem Ziel, eine Brücke über die Geschichte bis hin zur Gegenwart zu schlagen.

Zu den Preisträgern gehören Henry Moore, Max Ernst, Joseph Beuys, Bernd und Hilla Becher, David Lynch oder John Baldessari und, in diesem Jahr, der isländisch-dänische Künstler Olafur Eliasson, dessen Ausstellung „Eine Feier, elf Räume und ein gelber Korridor“ noch bis Ende Januar besichtigt werden kann. Es ist Kunst, die sich an der Grenze zur Forschung bewegt und sich mittels Film, Fotos oder Installationen mit Phänomenen aus dem Labor und aus der Natur ästhetisch auseinandersetzt. Kurz bevor ich wieder in die Regionalbahn steige, treffe ich noch einmal die beiden lebendigen Statuen. Diesmal arbeiten sie: ganz unbeweglich, aber lächelnd.

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