Kammermusik höchster Güte

Die Streichquartette „Voces“ und „Ad Libitum“ in Bukarest

Freitag, 06. Dezember 2013

Wer in Bukarest lebt und Kammermusik liebt, konnte Ende November voll auf seine Kosten und in den Genuss zweier herausragender Konzertabende kommen. Am 20. November gastierte das international geschätzte rumänische Streichquartett „Voces“ im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks in Bukarest mit einem Haydn-Programm und am 26. November war das ebenfalls über die Grenzen Rumäniens hinaus bekannte Streichquartett „Ad Libitum“ mit Werken von Enescu, Beethoven und Ravel im Bukarester Athenäum zu hören.

Beide Quartettformationen wurden in Jassy/Iaşi gegründet und beide Streicherensembles können in diesem Jahr jeweils ein wichtiges Jubiläum feiern: „Voces“ fand sich bereits vor 40 Jahren zusammen und „Ad Libitum“ bildete sich vor 25 Jahren. Beide Streichquartette hatten in der jüngsten Vergangenheit auch jeweils einen schweren Verlust, den Tod eines Ensemblemitgliedes, zu verkraften. Und beide Quartette fanden mittlerweile für den unersetzlichen verstorbenen Quartettpartner, Musikerkollegen und Freund jeweils einen würdigen und kongenialen Ersatz.

Zu den Gründungsmitgliedern von „Voces“ Bujor Prelipcean (1. Violine), Constantin Stanciu (Bratsche) und Dan Prelipcean (Cello) kam Vlad Hrubaru (2. Violine) hinzu, der sich seitdem harmonisch in das Klangbild des berühmten und langlebigsten rumänischen Streichquartettensembles einfügt. Und das Quartett „Ad Libitum“ mit seinen Gründungsmitgliedern Şerban Mereuţă (2. Violine), Bogdan Bişoc (Viola) und Filip Papa (Violoncello) fanden in dem als Konzertsolisten weithin bekannten Violinvirtuosen Alexandru Tomescu einen neuen und wertvollen Primgeiger.

Das Streichquartett „Voces“ hat sich in seinem Jubiläumsjahr nicht von ungefähr Werke von Haydn auf die Notenpulte gelegt. Joseph Haydn gilt als der wahre Schöpfer und als das gültige Muster dieser kammermusikalischen Gattung. Allein 83 Streichquartette hat Haydn im Laufe seines langen Lebens geschaffen, fast so viele wie Sinfonien! Und nicht von ungefähr haben sich die vier Ensemblemitglieder von „Voces“ den frühen Quartetten Haydns zugewandt. Denn bereits in diesen Erstlingswerken hat der österreichische Komponist den Wert und das Potenzial dieser Gattung erkannt und von Anbeginn an permanent fortentwickelt. In verblüffender Weise gelang es den vier Musikern von „Voces“, diese frühen und als einfach geltenden Quartette wie komplexe Spätwerke erscheinen und sie in subtilster Differenziertheit erklingen zu lassen.

Auf dem Programm standen Streichquartette aus op. 1 (Nr. 2 und Nr. 4) und op. 2 (Nr. 1 und 2). Diese frühen Quartettwerke, die Haydn als „Quadri“ bezeichnete, sind noch fünfsätzig, jeweils mit zwei Menuetten, und ähneln Werken, die man in der damaligen Zeit als Kassationen, Divertimenti oder Serenaden bezeichnete. Dennoch gelang es dem „Voces“-Ensemble im Bukarester Mihail-Jora-Saal, in allen diesen Haydn-Quartetten durch die Art ihrer Darbietung den spezifischen Streichquartettklang hörbar und in ihm die große Zukunft dieser Kammermusikgattung wahrnehmbar werden zu lassen.
Das Programm des Konzertabends, den das Ensemble „Ad Libitum“ dann eine Woche später im Bukarester Athenäum gab, vermittelte einen lebendigen Eindruck dieser großen Zukunft der Quartettgattung in ihrer jeweils verschiedenen Ausprägung durch berühmte Komponisten aus Rumänien, Deutschland und Frankreich.

George Enescus zweites Streichquartett in G-Dur (op. 22 Nr. 2) bildete den Auftakt der drei dargebotenen kammermusikalischen Werke, die allesamt viersätzig waren und höchste Anforderungen an die individuelle Technik, das kollektive Zusammenspiel und die musikalische Interpretation durch das Quartettensemble stellten. Tremoli, Flageoletti, am Griffbrett zu spielende Passagen, die den Klang ins Unwirkliche gleiten lassen, virtuose Läufe, subtilste Pianissmi, atonale Sequenzen, impressionistische Klangteppiche und Aufschwünge wie Erinnerungen an vergangene Musikepochen kennzeichnen dieses Spätwerk Enescus, das von horrender Schwierigkeit ist und dessen kammermusikalische Intensität bei gleichzeitigem Schein der Mühelosigkeit, Leichtigkeit und luftigen Schwebens erst schwer und mühevoll zu erarbeiten ist, eine Aufgabe, der sich das Quartettensemble „Ad Libitum“ mit all seinem Können stellte und die es mit allergrößter Souveränität bewältigte.

Auf das Werk des rumänischen Komponisten folgte dann das über 140 Jahre davor entstandene Streichquartett Nr. 11 in f-Moll (op. 95) von Ludwig van Beethoven, das letzte seiner sogenannten „Mittleren Quartette“. Das „Quartetto serioso“, wie Beethoven sein Werk bezeichnete, welches er seinem Freund Nikolaus Zmeskall von Domanovecz gewidmet hatte, dem von Haydn bereits dessen Quartette op. 20, die so genannten „Sonnenquartette“, zugeeignet worden waren, besticht durch seinen unwirschen, gewaltsamen, grimmigen und zuweilen cholerischen Charakter, der aber immer wieder in Passagen reinster Empfindung und purster Seelenfülle Ausgleich und Erlösung findet. Hier konnte das „Ad Libitum“-Quartett klanglich aus dem Vollen schöpfen und sich dennoch zugleich immer wieder ganz zurücknehmen, etwa im zweiten Satz Allegro ma non troppo, der mit einer behutsam absteigenden Tonfolge des solistisch einsetzenden Cellos seinen wunderbar zarten Anfang nimmt.

Das Quartett in F-Dur aus den Jahren 1902 bis 1903 von Maurice Ravel, das einzige Streichquartett des französischen Komponisten, bildete den Abschluss des hochkarätigen Konzertabends, bei dem unter den Zuschauern, von obligaten Störungen und Störern abgesehen, immer wieder gespannt atemlose Stille herrschte. Das in Bezug auf Tonbildung und Tonartenwechsel anspruchsvolle wie in Bezug auf Takt und Rhythmus diffizile Werk des 28-jährigen Komponisten badet geradezu in impressionistischen Klangwelten, ohne jedoch auf musikalische Anleihen bei folkloristischer Rhapsodik, volkstümlicher Tanzrhythmik – die väterliche baskische Herkunft ist insbesondere aus dem zweiten Satz „Assez vif – Très rythmé“ herauszuhören –, pentatonischer Melodik und klassischer Harmonik gänzlich zu verzichten. Insbesondere die Pizzicato-Passagen im zweiten Satz des über eine halbe Stunde dauernden Werkes begeisterten die Zuhörer, die dem Quartettensemble anschließend stehend Applaus zollten und nur durch eine Zugabe, das Moment Musical Nr. 3 aus op. 94 (D. 780) von Franz Schubert in Transkription für Streichquartett, zu beruhigen waren.

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