Kampfansage an das Binnen-I

800 Sprachkritiker schreiben offenen Brief gegen sprachliche Verunstaltung

Sonntag, 27. Juli 2014

Es ist ja nichts Neues, dass Sprachwissenschaftler, Philosophen, Soziologen, Lehrer, Journalisten, Schriftsteller und Juristen gegen den Gebrauch des Binnen-I zu Felde ziehen, bzw. dessen Abschaffung fordern. Nun haben sich 800 Sprachkritiker öffentlich in einem Brief an die österreichische Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek und den Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Dr. Reinhold Mitterlehner gegen die Zerstörung der Sprache durch den Gebrauch des Binnen-I sowie anderer „von oben“ angeordneten sprachlicher Verunstaltungen gewandt. Anlass war einmal mehr die zur Zeit geführte Debatte um den Frauenförderungsplan bzw. den konsequenten Gebrauch der getrenntgeschlechtlichen Formulierung, die zur Zerstörung der gewachsenen Struktur der deutschen Sprache beiträgt. Mitunter führen diese überspitzten Formulierungen zur Unlesbarkeit und zur Unverständlichkeit sprachlichen Ausdrucks. Diesbezüglich findet sich beispielsweise unter § 2 des Bundesgleichbehandlungsgesetzes die Verpflichtung zur generellen getrenntgeschlechtlichen Formulierung. Dementsprechend können manche Aussagen nicht mehr „politisch korrekt“ formuliert werden, wie etwa „Frauen sind eben doch die besseren Zuhörer“. Laut von oben verordneten Vorschriften widersprechen diese den Grundregeln der Sprache, die in ihrer schriftlichen und mündlichen Form der problemlosen Verständigung zwischen den Menschen dient, nicht aber der Durchsetzung partikulärer Interessen gewisser gesellschaftlicher Gruppen.

Jüngsten Umfragen zufolge lehnen 85 bis 90 Prozent der österreichischen Bevölkerung die im öffentlichen Bereich gebrauchte Textgestaltung ab, und gemäß einer im vergangenen Jahr durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchung wurden in Printmedien lediglich bei 0,5 Prozent von auf beide Geschlechter bezogene Aussagen getrenntgeschlechtlich formuliert.
Die feministisch motivierten Tendenzen, die der sprachlichen Gleichbehandlung zugrunde liegen, fußen auf einer einseitigen und falschen Einschätzung der Gegebenheiten im österreichischen (und nicht nur in diesem) Gegenwartsdeutsch. Das generische Maskulinum (wie z. B. der Bösewicht, der Mensch ) und das generische Femininum (die Persönlichkeit, die Leute, die Wache) sowie das generische Neutrum (das Paar, das Quintett, das Volk) sind grundlegende Bestandteile der deutschen Sprache. Diese Beispiele zeugen davon, dass die als Verallgemeinerungen gebrauchten Ausdrücke beide Geschlechter – ohne Unterschied – einschließen. So gesehen, ist die Annahme unzulässig, dass das jeweils andere Geschlecht nur „mitgemeint“ ist, noch dass das generische Maskulinum als Unterdrückung der Frau in der Sprache steht.

Seit Jahrhunderten ist der Gebrauch unterschiedlicher Genera ein wesentlicher Bestandteil der deutschen Sprache; warum sollen nun auf Betreiben gewisser Interessengruppen die Grammatik und die sprachgeschichtlich gewachsenen Formen gesprengt werden? Natürlich ist Sprache im Lauf der Zeit einer ständigen Anpassung und Veränderung ausgesetzt, doch auch diese „wachsen“ und sind nicht als Produkt von Verordnungen „von oben“ zu betrachten. Daher sind Formulierungen, die zur Verunstaltungen des Schriftbildes führen, wie z. B. BesucherInnen, KollegInnen, usw. aus sprachlogischer Sicht NICHT akzeptabel und müssen aus Schulbüchern – und nicht NUR aus diesen – verschwinden, zumal Texte mit solchen Formulierungen eine sprachzerstörerische Wirkung ausüben: auf Kinder, die das sinnerfassende Lesen erlernen sollen, auf Menschen, die Deutsch als Fremdsprache erwerben, sowie Menschen mit besonderen Bedürfnissen (z. B. sehbehinderte, und gehörlose Menschen) usw.
Die Rückkehr zur sprachlichen Normalität muss also gang und gäbe bzw. Regel sein und keinesfalls irgendwelchen Gruppeninteressen unterworfen werden, denn Sprache ist Allgemeingut und das war sie immer schon im Laufe der Geschichte. Außerdem haben diesbezügliche Zwangsmaßnahmen keinen Platz in einer demokratischen Gesellschaftsordnung – schon gar nicht, wenn eine sprachfeministische Minderheit von circa 10 Prozent der überwiegenden Mehrheit der Sprecher ihren Willen aufoktroyieren will, indem man sich fälschlicherweise auf das Gleichheitsprinzip zu berufen bemüßigt fühlt.
Die öffentliche Debatte zu diesem Thema hat in Österreich den Entwurf der ÖNORM 1080 ausgelöst, demgemäß die feministischen Anliegen „maximal“ berücksichtigt, aber anderer-seits eine Rückkehr zur sprachlichen Normalität ermöglicht werden sollten.

In einem Leserbrief von Dr. Werner Braun/Eisenstadt in „Die Presse“ vom 17. Juli auf Seite 27 wird unter dem Titel „Kämpferische Sprachfeministinnen“ folgendes festgehalten: „…dass das österreichische Bildungssystem offensichtlich sogar bei der Schulung der politischen Eliten nicht sonderlich effizient zu sein scheint. Warum ist es eigentlich für Frau Minister Heinisch-Hosek und ihre Mitstreiterinnen so schwer zu begreifen, dass zwischen dem grammatischen Genus (vox populi: ‘männliches/weibliches/sächliches Geschlecht‘) und dem biologischen Geschlecht schlicht und einfach keinerlei Zusammenhang besteht. Und schon gar nicht repräsentiert das eine das andere. Wäre es anders, so dürften z.B. Gegenstände (‚Sachen‘) kein maskulines oder feminines Genus aufweisen (der Tisch, die Kommode etc.), und Lebewesen kein sächliches Genus (das Mädchen).“ Das unerschöpflich scheinende Thema bzw. die Diskussion um dieses geht durch fast alle österreichischen Medien unter Beteiligung namhafter Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen aus Wissenschaft und Forschung.
In einem Gastkommentar schreibt die Ethnologin Ingrid Thurner in „Die Presse“ vom 17. Juli auf Seite 26 unter dem Titel „Wider den Sex im Satzbau“ unter anderem: „Die feministische Forderung nach Reduzierung des Maskulinen bedeutet schon deswegen keine Gefahr, weil Männer ja weiterhin die wichtigen Positionen in Wirtschaft und Staat bekleiden werden. Aber nicht bloß an den oberen Rändern der Gesellschaft, bei Führungskräften und Entscheidungsbefugten tummeln sich zahlenmäßig mehr Männer als Frauen. Auch an den unteren Ausläufern, bei Obdachlosen und Kriminellen, bilden sie die größeren Prozentsätze.

Und sie werden auch künftig die meisten Baggerfahrer, Maurer, Schweißer, Schlächter, Soldaten, Söldner, Mörder, Räuber und Diktatoren stellen, Arbeitsfelder, bei denen auch Hardcore-Feministinnen eine Gleichstellung meist kein besonderes Anliegen ist – nicht in der Berufsausübung und nicht in der Sprache. (…) Es bedarf der Übung und der Überlegung und manchmal vieler Worte, dass die Geschlechtslosigkeit nicht auf Kosten des Inhalts erfolgt. Im Übrigen können viele Sätze ohne Bedeutungsverlust in den Plural verlegt werden, dort gibt es nur den Artikel ‘die’. Selbst wenn eine Million Männer etwas tun, dann tun sie es. In der Mehrzahl herrscht seit jeher das Weibliche.
Sollte es eines Tages soweit kommen, dass Männer eine Geschlechtersymmetrie im Plural fordern, dann sind sie wohl von jenem Untergang bedroht, der ihnen schon heute prophezeit wird. (…) Dann wären Männer tatsächlich eine bedrohte Spezies, die zu schützen, zu fördern und sprachlich gleichzubehandeln ist.“ Wer unbedingt dem Gebrauch des Binnen-I entgehen bzw. dieses meiden möchte, kann auf Formulierungen wie „Studentenschaft“ anstatt StudentInnen, „Kollegenschaft“ anstatt KollegInnen, „Arbeiterschaft“ anstatt ArbeiterInnen u. a. m. zurückgreifen.
FAZIT: Im Spracherwerb und Sprachgebrauch müssen den traditionsgemäßen verallgemeinernden Wortformen (der Mensch, die Leute, das Volk) zwecks Verständlichkeit von Texten Vorrang vor den feministischen Anliegen eingeräumt werden, denn Sprache ist Allgemeingut und kein probates Mittel für die Durchsetzung von wie auch immer gearteten Gruppeninteressen.

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