Kapellmeister Heinrich Weidt im Banat

Von Mannheim über Kassel und Budapest nach Temeswar (I)

Samstag, 19. Dezember 2015

Heinrich Weidt: „Heimkehr“ (Lied, Titelseite)

Heinrich Weidt (1824-1901), Komponist und Kapellmeister, war Gründungsmitglied des Temeswarer Philharmonischen Vereins und in der Zeitspanne 1867-1872 als Opernkomponist und Theaterkapellmeister in Temeswar tätig. Erst durch die Entdeckung des Archivs des Temeswarer Philharmonischen Vereins im Jahre 1981 wurde dessen Name für die mittel- und südosteuropäische Musikforschung von Bedeutung. Über dessen frühere Tätigkeiten gab es so gut wie keinerlei Informationen, auch zu den letzten Jahren seines Lebens fehlten jede Art von Berichten. Selbst seine Geburts- und Sterbedaten wurden bis dahin in den wenigen lexikalischen Artikeln, wenn überhaupt, nicht genau erfasst.

Da der Name Heinrich Weidts im Gründungsprotokoll des Temeswarer Philharmonischen Vereins vom 21. Oktober 1871 enthalten ist und einige seiner Kompositionen in diesem Bestand 1981 entdeckt werden konnten, fand ich es für wichtig, diesen Spuren europaweit zu folgen. Da aber eine objektive Quellenforschung damals von Rumänien aus nicht möglich war – die meisten dieser Quellen befanden sich im Ausland – konnte erst nach meiner Ausreise 1985 mit dieser Arbeit begonnen werden.

Damit begann sich eine ganze Flut von direkten und indirekten Informationen anzusammeln, die mir die Tore öffneten zu weiteren Forschungen in Deutschland, Tschechien, Slowenien, Kroatien, Ungarn, Serbien, Österreich, Rumänien und in der Schweiz. Es war nicht leicht, den Spuren Heinrich Weidts zu folgen, denn er war – wie Nikolaus Lenau es sagen würde – „stets ein unsteter Geist auf Erden.“
Aus den entdeckten Primärquellen kann man feststellen, dass Heinrich Weidt wenigstens in 24 Orten Europas als Schauspieler, Sänger, Kapellmeister, Chorleiter, Komponist oder Pädagoge tätig war: Mannheim, Wertheim, Hamburg, Amsterdam, Stuttgart, Frankfurt, Rotterdam, Saarbrücken, Berlin, Heidelberg, Düsseldorf, Zürich, Basel, Bern, Kassel, Budapest, Olmütz, Temeswar, Troppau, Cilli, Kubin, Weißkirchen, Werschetz und Graz. Viele dieser späteren Wirkungsstätten gehörten bis 1919 zur Österreich-Ungarischen Monarchie. Heute muss man auf internationalem Terrain, in mehreren südosteuropäischen Staaten seine Spuren verfolgen, wo die meisten deutschen Sammlungen und Dokumentationsquellen noch gar nicht erschlossen, gesichert und erforscht sind.

Selbst in kleineren ehemals deutschsprachigen Ortschaften gab es Tages- oder Wochenzeitungen, in denen man zahlreiche Berichte über sein Wirken finden kann. Darüber hat man damals aber auch in Zeitungen und Musikzeitschriften, die in Leipzig, Mainz oder Wien erschienen sind, berichtet. Man wusste im 19. Jahrhundert in Berlin und Wien vieles über das Musikleben in Budapest, Temeswar, Troppau, Werschetz oder Hermannstadt und das Publikum in den südosteuropäischen Kleinstädten beteiligte sich rege am internationalen Musikleben jener Zeit: Namhafte Theaterdirektoren kamen mit ihren Ensembles aus Dresden oder Wien in Provinzstädte, Musiker aus ganz Europa bewarben sich um Kapellmeister- oder Chorleiterstellen im Banat oder Siebenbürgen, was wieder dazu führte, dass Instrumentenbauer aus Böhmen oder aus Tirol nachgezogen sind.

Wenn man in den Nachschlagewerken auch vergebens nach Heinrich Weidt sucht, so finden wir die Namen seiner beiden Kinder Lucie und Karl Weidt schon öfter darin vertreten. Beide wurden Musiker: Lucie Weidt (1876-1940) kam durch Gustav Mahler an die Wiener Hofoper und wird eine Primadonna ersten Ranges, Karl Weidt (1857-1936) machte sich als Chorleiter, Erzieher und Komponist einen Namen. Sie fanden in erster Linie durch ihren Vater zu diesem Beruf.

Was mit einer Unterschrift Weidts im Gründungsprotokoll des Philharmonischen Vereins und wenigen Liedern 1981 in Temeswar begonnen hat, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer wahren Fundgrube von wertvollen Kompositionen und interessanten kulturwissenschaftlichen Informationsquellen, die einen neuen Blick auf die musikalische Entwicklung südosteuropäischer Provinzen und kleinstädtischer Theater werfen.

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