Katharina Cloos – ein Leben für den deutschsprachigen Unterricht

Die beliebte Lehrerin wurde für ihr 40-jähriges Wirken gewürdigt

Sonntag, 16. Oktober 2016

Prof. Dr. Wolfgang Breckner: „Auf weitere Wiedersehen mit ihr können Sie sich schon im Voraus unbesorgt freuen, denn Katharina Cloos ist alterslos.“
Foto: Nicolae-Eugen Mezei

Während der Tage der deutschen Minderheit in Klausenburg am vergangenen Wochenende wurde die Lehrerin Katharina Cloos gewürdigt und mit einem Diplom ausgezeichnet. Diese Ehrung war eine Anerkennung ihrer hervorragenden pädagogischen Karriere im Dienste der deutschsprachigen Bildung und Kultur in Rumänien, ein Zeugnis der Wertschätzung für ihren persönlichen Einsatz für die jüngeren Generationen und den Erhalt der deutschen Gemeinschaft. Im Folgenden veröffentlichen wir leicht gekürzt die Laudatio von Prof. Dr. Wolfgang Breckner, ehemaliger Vizerektor der Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg.

Die diesjährigen Tage der deutschen Minderheit in Klausenburg sind ein willkommener Anlass nicht nur die vor 700 Jahren erfolgte Erhebung Klausenburgs in den Rang einer Stadt (civitas) zu feiern, sondern auch den viel näher an der Gegenwart liegenden, beispielhaften Beitrag zu würdigen, den Frau Katharina Cloos, als Lehrerin, jahrzehntelang mit Elan in unserer Stadt zur Pflege und Verbreitung der deutschen Sprache und Kultur geleistet hat.

Frau Cloos kam im Herbst 1956, also vor genau 60 Jahren, mit dem festen Vorsatz nach Klausenburg, in dieser oft als siebenbürgisches Heidelberg bezeichneten Stadt der Bildung und Forschung den Lehrerberuf zu erlernen. Mit 154.752 Einwohnern war Klausenburg damals die zweitgrößte Stadt Rumäniens.

Frau Cloos entstammt einer sächsischen Familie aus Nussbach (rum. Măieruş), einer Gemeinde, die im Burzenland, rund 30 km nördlich von Kronstadt, am Nussbach liegt. Die Ortschaft wurde während der Herrschaft des Deutschen Ritterordens im Burzenland gegründet, also zwischen den Jahren 1211 und 1225. Der Familienname Cloos soll, den Namensforschern nach, eine Kurzform von Nicolaus sein. Die erste bekannte Bezeugung dieses Namens stammt aus dem Jahr 1353. Er wird oft mit K anstelle von C geschrieben. Frau Cloos hat das C beibehalten, weil dieser Großbuchstabe, der auch in der Musik benutzt wird, sie stets an ihren Urgroßvater erinnerte, der in Nussbach als Organist gewirkt hat. Als Kind bekam Katharina Cloos den im Burzenland gebräuchlichen Kosenamen Tenny.

Wohlbehütet von ihren beiden älteren Brüdern, verlebte das Nesthäckchen Tenny der Familie Cloos eine unbeschwerte Kindheit in einer Landschaft mit Wasser, Wiesen und Wald, von der Stadtkinder nur träumen können. Die Schulzeit hingegen verlief, bedauerlicherweise, nicht problemlos, weil sich nach dem 23. August 1944 die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Land radikal änderten. Der an jenem Sommertag von Rumänien vollzogene Wechsel zu den Alliierten und die darauffolgende als Befreiung vom Faschismus gepriesene Besetzung des Landes durch sowjetische Truppen hatten sehr bald verhängnisvolle Folgen für die deutsche Bevölkerung. Im Januar 1945 wurden rund 75.000 deutsche Frauen und Männer im arbeitsfähigen Alter ausgehoben, in Sammellagern zusammengefasst und danach in Viehwaggons zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Dieser von der Roten Armee in Zusammenarbeit mit den rumänischen Behörden schlagartig ausgeführten Aktion fielen auch Nussbacher Sachsen zum Opfer. Einer der Verschleppten war Martin Cloos, der Vater von Frau Cloos. (...)

Fünf Jahre lang war die Familie Cloos vaterlos. Sie ließ sich aber nicht unterkriegen und überstand sowohl die lokalen Schikanen, als auch die auf Landesebene gegen die deutsche Bevölkerung gerichteten Repressalien: entschädigungslose Enteignung des Grund- und Hausbesitzes, Ansiedlung von Rumänen in rumäniendeutschen Siedlungsgebieten, Aberkennung des Wahlrechts. Tenny hatte die ganze Zeit über große Sehnsucht nach ihrem Vater. Jeden Abend vor dem Einschlafen bat sie Gott inbrünstig um seine Rückkehr. Ihr banges Warten auf den innig geliebten Tati hatte erst im Oktober 1949 ein Ende.

Im Jahr 1952 traf die Familie Cloos ein weiterer Schicksalsschlag. Sie wurde in die Kategorie der kriegsverbrecherischen und politisch unzuverlässigen Elemente eingereiht und zwangsevakuiert. Neuer Wohnort war Oderhellen (rum. Odorheiu Secuiesc). Im Jahr 1954 durften sie ihn verlassen und nach Nussbach zurückkehren.

Die hier angeführten Maßnahmen des rumänischen Staates, denen die Familie Cloos zum Opfer fiel, hatten auch auf den Bildungsgang von Frau Cloos Auswirkungen. Ihnen ist es zuzuschreiben, dass Frau Cloos in drei Orten in die Schule gegangen ist. Die 7 Klassen der Elementarschule besuchte sie in Nussbach, die 3 Klassen der Mittelschule in Oderhellen (die VIII. Klasse) und in der Bergschule von Schäßburg (die IX. und X. Klasse). Mit Ausnahme der VIII. Klasse, die sie an einer rumänischen Schule absolvierte, war sie in deutschsprachigen Klassen Schülerin. Von ihren Lehrern beeindruckte sie ihre Grundschullehrerin Hermine Schullerus (geb. Kolassovits) derart, dass sie den Entschluss fasste, unbedingt Lehrerin zu werden. Von diesem Entschluss ließ sie sich nicht abbringen und kam, wie schon am Anfang erwähnt, im Jahr 1956 nach Klausenburg, um ihn zu verwirklichen. Ihre Ausbildung zur Lehrerin erfolgte am Pädagogischen Institut und dauerte zwei Jahre. Nach dem Absolvieren des Pädagogischen Instituts wurde sie der im Jahr 1957 in Klausenburg gegründeten deutschen Schule zugeteilt, die es, erfreulicherweise, auch heute noch gibt.

40 Jahre lang, von 1958 bis 1998, übte sie ihren Traumberuf an dieser Schule aus und unterrichtete die Klassen I-IV. Diese Klassen waren anfangs im Nicolae-B²lcescu-Lyzeum, danach im Brassai-Sámuel-Lyzeum (heute János-Zsigmond-Lyzeum) und zuletzt im George-Coşbuc-Lyzeum untergebracht. Die erhaltene Lehrerausbildung vervollständigte Frau Cloos im Zeitraum 1962-1968 durch das Studium der Rumänischen Sprache und Literatur an der Babeş-Bolyai-Universität. Im Jahr 1998 trat sie in den Ruhestand, gab jedoch das Lehren nicht gänzlich auf. Sechs Jahre lang erteilte sie Sprachunterricht im Rahmen der vom Klausenburger Deutschen Kulturzentrum angebotenen Deutschkurse für Erwachsene.

Katharina Cloos ist eine gefühlsvolle Frau, die Wohlgefallen an Musik findet und in ihrer Freizeit am liebsten Bücher liest. Im Jahr 1966 heiratete sie Ferenc Szöllösi, einen Fachlehrer für Geschichte. Zwei Jahre später wurde ihre Tochter Ingeborg geboren.

Frau Cloos ist eine begnadete und allseits hoch geachtete Lehrerin, die Schüler, Eltern und Kollegen durch ihr aufgeschlossenes Wesen und ihre pädagogischen Leistungen tief beeindruckt hat. Von ihrer Tochter, die heute, nach Studium und Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, bei der Deutschen Gesellschaft e.V. in Berlin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, stammen die folgenden treffenden Bemerkungen:
„Meine Mutter war und – man muss vielleicht auch sagen – ist noch immer, die geborene Lehrerin. Nichts war ihr so wichtig wie die Schule. Bei uns im Haus gings’s fast ausschließlich um dieses Thema.”

Für ihre Verdienste erhielt Lehrerin Cloos zwei hohe Auszeichnungen: im Jahr 1981 vom Bildungsministerium den Ehrentitel „Învăţător eviden]iat“; im Jahr 2000 vom Präsidenten Rumäniens, Emil Constantinescu, die Medalia naţională „Pentru Merit“, clasa a III-a.

Frau Cloos habe ich im Jahr 1978 kennengelernt, als meine Tochter Hannelore ihre Schülerin wurde. Damals musste man sie mit „Genosse Lehrerin“ anreden. Unterhielten sich ihre Schüler über sie, so wurde sie im Gespräch kurz „die Genossin“ genannt oder sogar „unsere Genossin“, damit kein Zweifel besteht, um welche Genossin es sich handelt. Erst nach der Wende wurde Katharina Cloos die „Frau Lehrerin“. Mir ist ihre schulische und außerschulische Arbeit nur aus dem Zeitraum von vier Jahren bekannt, in dem Hannelore Schülerin von Frau Cloos war. Da wir aber heute zusammengekommen sind, um ihr Lebenswerk zu ehren, habe ich zwecks Vorbereitung dieser Laudatio in der deutschsprachigen Presse unseres Landes nachgeforscht, was in den letzten Jahren über die ehemalige „Genossin“ und heutige „Frau Lehrerin“ veröffentlicht worden ist. Von den Texten, die ich gefunden habe und die meiner Ansicht nach aufschlussreich sind, möchte ich sechs Ausschnitte wiedergeben. Setzen Sie, wie bei einem Puzzle, das was Sie hören werden mit den Informationen zusammen, die Sie schon besitzen (Frau Lehrerin Cloos ist Ihnen ja mehr oder weniger bekannt), so erzielen Sie ein realistisches Bild der pädagogischen Qualitäten, die diese Person von kleiner Statur zu einer außergewöhnlichen Klausenburger Persönlichkeit gemacht haben. Jeden Ausschnitt habe ich mit einem Titel gekennzeichnet, der hervorhebt, worum es im Text ging, aus dem der betreffende Ausschnitt stammt.

Beschreibung einer Schulstunde

„Katharina Cloos ist sei 23 Jahren im Lehramt tätig. Sie unterrichtet gegenwärtig eine III. Klasse der deutschen Grundschulabteilung des Brassai-Sámuel-Lyzeums. Von ihren 37 Schülern sind zwei Linkshänder, vier Brillenträger, acht besuchen zusätzlich eine Musikschule, die allermeisten pflegen nach dem Mittagessen nicht zu schlafen. Sie hat der Klasse einen dynamischen Arbeitsstil anerzogen; es ist eine Freude zu beobachten, wie die Finger in die Höh fliegen und die Fragen schnell aufeinander folgen, sodass im Laufe der Stunde jeder Schüler einmal oder sogar zweimal an die Reihe kommt. Sie legt enormes Gewicht auf peinlich saubere Hefte und kontrolliert diese täglich. Gleichwohl kennzeichnet sich das Verhältnis durch Herzlichkeit, es wird gesungen, gelacht und gern gezeichnet.“ (Hans Fink, NW, 1980)

Beschreibung einer Adventsfeier

„Das Verdienst für das Zustandekommen dieser Feier gehört Frau Lehrerin Katharina Cloos, welcher es gelang, die Kinder auch in die Geheimnisse der Blockflöte einzuführen. Diese Lehrerin, schon seit 34 Jahren am Katheder tätig, hat dort all die vergangenen, langen und schweren Jahre treu ausgehalten, Hunderten von Schülern das Beste von ihrem Wissen und Können übermittelnd. Wie vielleicht keine andere Lehrerin hat sie während ihres Wirkens am Katheder eine Kulturarbeit geleistet, die ihresgleichen sucht. Außer, dass ihre Schüler von ihr ein korrektes Hochdeutsch erlernten (viele der Schüler stammten im Laufe der Jahre aus anderssprachigen, überwiegend rumänischen Familien und gegenwärtig ist mein Enkel das einzige Kind, in dessen Familie Deutsch die Umgangssprache ist), bemühte sie sich ständig, ihnen die bleibenden Werte der deutschen Literatur und Musik – so wie es das Alter der Kinder erlaubte – bekannt zu machen.“ (Aurelia Ebner-Susan, NW, 1992) (...)

Beschreibung des Abschieds von der Lehrerin

„Ich erinnere mich sehr gut, wie ich in die erste Klasse mit meiner Mutter kam. Mir war es unheimlich zumute. Ich konnte fast kein Wort Deutsch. Doch die Frau Lehrerin lächelte mir zu. Danach fürchtete ich mich nicht mehr. Jetzt kann ich gut Deutsch und auch Flötespielen. Aber es tut mir leid, dass ich mich von Frau Lehrerin verabschieden muss. Ich sage ihr ein großes Dankeschön und Auf Wiedersehen.“ (Christine Fizeşan, ADZ, 1998)

Diesen Zeitungsausschnitten, deren Autoren Erwachsene und Schüler waren, möchte ich eine E-Mail hinzufügen, die mir ein ehemaliger Schüler von Frau Cloos kürzlich schickte. In dieser E-Mail teilte er mir u. a. mit, dass er und seine frühere Lehrerin sich in der vergangenen Woche auf dem Herbstfest begegneten. Mit Einverständnis des Absenders der E-Mail lese ich Ihnen den Teil dieser E-Mail vor, in dem er das Gefühl beschreibt, das ihn bei der Begegnung überkam:

„Ich muss unbedingt sagen, dass ich mich immer wieder freue, mit ihr zu sprechen. Es ist, als wäre sie immer irgendwo neben mir gewesen. Alles vergeht wie von selbst, als wären die 34 Jahre seit unserem «Abschluss der Vierten» gar nicht da. Dasselbe passiert, wenn ich die Blockflöte nehme und, wie von «Geisterhand», die Finger von selbst «unsere» Lieder spielen. Dieser Geist ist es, welcher uns und unsere Sinne in all diesen Jahren geführt und geleitet hat, auch wenn wir ihn manchmal nicht erkennen konnten. Der Abschluss war nicht ein Abschied. Jedes Wiedersehen ist eher eine Bestätigung, ein Bekenntnis. Das Wunderbare ist, dass es nicht nur mir so ergangen war!“

Der Autor dieser Zeilen ist anwesend. Es ist der Vorsitzende unseres Forums: Herr Radu Nebert.

Die aufopfernde Arbeit von Frau Cloos in unserer multikulturellen Stadt kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die 10 Schülergenerationen, die von ihr, in jeweils vier Jahren, den ersten Schliff erhalten haben, werden ihr lebenslang von Herzen dankbar sein. Ich bin überzeugt, dass alle, die zu dieser Ehrung gekommen sind, seit Langem größte Hochachtung vor Frau Cloos haben, egal ob sie Schüler oder nicht Schüler von ihr sind.

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