Kein Ende in Sicht

Prof. Svend Hansen über neuere archäologische Forschungen in Pietrele

Montag, 13. Juni 2016

Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des Archäologischen Instituts Jassy an Prof. Hansen (l.) durch den Direktor Prof. Alexander Rubel

Befund eines verbrannten Hauses

Marmorfigur
Fotos: S. Hansen, Eurasien-Abteilung (2), die Verfasserin (1)

Auf die Frage, in welches Land er denn als nächstes gehen würde nach nunmehr 15 Jahren Forschung auf der Măgura Gorgana bei Pietrele im Landkreis Giurgiu, hätte er wie folgt geantwortet: „Oh, tut mir leid, aber ich bleibe!“ Mit dieser Replik unterstrich Prof. Svend Hansen in seiner Dankesrede zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft des Archäologischen Instituts in Jassy/Iaşi seine Freude am persönlichen Engagement und dem Wirken der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Rumänien. Und in der Tat werden die Arbeiten in Pietrele in diesem Sommer fortgeführt. Prof. Hansen ist seit 2003 der Direktor dieser Abteilung, die als eine der jüngsten des Deutschen Archäologischen Instituts infolge der Auflösung des kommunistischen Blocks 1995 gegründet wurde und die Länder der ehemaligen Sowjetunion, Mittel-Asiens und China umfasst. Als westlichstes Forschungsgebiet gehört Rumänien dazu und liegt mit der Republik Moldau und der Ukraine in einer Übergangszone zwischen den eurasischen Steppenkulturen und den südostbalkanischen Kulturen. So war die Eurasien-Abteilung nicht nur Mitveranstalter der Tagung zur Cucuteni-Kultur und ihren südlichen Nachbarn im 5. Jahrtausend v. Chr. in Jassy (18.- 22. April 2016), sondern auch mit einer ganzen Reihe von Wissenschaftlern vertreten. Die südlichsten Ausläufer dieser Kultur grenzen fast unmittelbar an das Gebiet der ebenfalls kupferzeitlichen Gumelniţa-Kultur.

Einer der bedeutendsten Siedlungsplätze der Gumelniţa-Kultur stellt die Măgura Gorgana bei Pietrele und ihr Umfeld dar. Über die Untersuchungen an diesem Platz referierten Prof. Hansen und Meda Toderaş vom archäologischen Institut „Vasile Pârvan“. Im Laufe der Tagung gab es Gelegenheit, mehr über die neuesten Ergebnisse der Ausgrabungen auf diesem einzigartigen Siedlungsplatz, auf dem sich der Übergang von der rein agrarisch geprägten späten Jungsteinzeit zur innovativen Kupferzeit nachvollziehen lässt, zu erfahren. Mitgereist waren auch aus diesem Grunde Katrin Beutler, die in Zukunft die Keramik der nun in den Fokus getretenen neolithischen Siedlungsschichten bearbeiten wird, und Mehmet Karaucak, der neben grabungstechnischen Aufgaben sich mit den Metallfunden beschäftigt. Die Ausgrabungen in Pietrele an der Unteren Donau waren von Anfang an als Gemeinschaftsunternehmen des archäologischen Vasile-Pârvan-Instituts – über lange Jahre fand dieses Projekt in dem erst kürzlich verstorbenen Direktor Alexandru Vulpe einen großen Unterstützer – mit der Eurasien-Abteilung und dem Institut für Physische Geographie der Goethe-Universität, Frankfurt am Main, angelegt. „Für uns dient diese Ausgrabung auch als Plattform für Wissenschaftler nicht nur aus Rumänien und Deutschland, sondern auch vieler anderer Länder und aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen“, so Prof. Hansen.

Den Lesern unserer Zeitung ist dieser Fundplatz vielleicht durch die Vorträge der Kronstädterin Dr. Agathe Reingruber ein Begriff. Dr. Reingruber gehörte jahrelang zum Team des Projektes und hat sich u. a. mit der Bearbeitung der mit über 13 Tonnen riesigen Menge an Keramik – sowohl Scherben als auch über 1500 im Ganzen erhaltene Gefäße – beschäftigt. Selbst in der deutschen Presse fand dieser 9 Meter hohe Siedlungshügel unter der Überschrift „High Society“ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-118184433.html) Beachtung. Neben dem außergewöhnlich hohen Fundaufkommen an Keramik, Idolen (kleinen Figürchen) nicht nur aus Ton, sondern auch aus Knochen und sogar Marmor, den besonders langen Feuersteinklingen, zahlreichen Kupfer-, Knochen- und Geweihgeräten, Schmuck aus mediterranen Muscheln, bisweilen Gold, waren vor allem die Art der Besiedlung und die Landschaftsrekonstruktion für die Archäologen von besonderem Interesse.

Denn inzwischen kann für den Tell, der durch Planierungsarbeiten – oft nach einem Brand – bewusst erhöht wurde, festgestellt werden, dass er von einer dreimal so großen Siedlung umgeben und hochwasserfrei war, jedoch in unmittelbarer Nähe eines großen ehemaligen Sees (Lacul Gorgana) lag. Die Ausdehnung dieses von der Donau gespeisten Paläosees, der sowohl als Nahrungsressource (Fischfang) wie auch als Kommunikationsstraße (Bootsverkehr) diente, und die Auswirkungen, die die steigenden und sinkenden Wasserspiegel auf das Leben der Seerandbewohner hatten, werden auch weiterhin ein Bearbeitungsschwerpunkt bleiben. Zunächst eher zufällig durch die Bohr- und Sondagearbeiten zur Erfassung der geomorphologischen Gegebenheiten stieß man auf von mächtigen Bodenablagerungen verdeckte Siedlungsschichten, die sich durch geomagnetische Untersuchungen weiter erfassen ließen. Ein Kreisgrabensystem in ca. 600 m Distanz zur Siedlung konnte zwar untersucht, seine Zeitstellung jedoch nicht eindeutig bestimmt werden. Als gesichert kann jedoch gelten, dass sowohl die Besiedlung auf dem Tell als auch die umgebende Flachsiedlung um 4250 v. Chr. aufgegeben wurden. Bisher reichen die durch C14- Analysen gewonnenen Daten auf dem Tell in das zweite Viertel des 5. Jahrtausends, die der Flachsiedlung bis in das 6. Jahrtausend.

Die nachweisbar zweistöckigen Häuser des Tells – überwiegend aus massiven Lehmziegeln, die nur gelegentlich durch Pfosten stabilisiert wurden – und die der Flachsiedlung waren gleichermaßen in parallelen Reihen Nord/Süd ausgerichtet und bestanden über eine lange Periode gleichzeitig. Ebenso konnten aber in der Fläche ältere Siedlungsschichten der mittelneolithischen Dudeşti- und spätneolithischen Boian-Kultur angetroffen werden. Nach bisherigen Erkenntnissen bestand die Flachsiedlung somit bereits vor der Tellsiedlung, wo der anstehende natürliche Boden jedoch noch nicht erreicht wurde. Gerade hier liegt der Forschungsansatz für die kommenden Kampagnen.
Denn laut Prof. Hansen gilt es, das genaue Verhältnis zwischen Flach- und Tellsiedlung zu erfassen. Wie und wann begann man mit dem Tell? Oder wurde die neolithische Besiedlung aufgegeben und später in der Kupferzeit an derselben Stelle wieder besiedelt?

Die genaue Analyse der Keramik, sowohl der Stilelemente als auch der Materialzusammensetzung, ist aber nicht nur für die Datierung wichtig, sondern auch um die Beziehungen zu anderen Kulturen zu identifizieren. So scheint die ältere Keramik einen höheren Anteil organischen Materials aufzuweisen als die jüngere, einige ältere Keramiken zeigen Stilelemente der weiter nördlich verbreiteten Präcucuteni-Kultur. In den verbrannten Häusern gelang es, fast ganze Hausinventare sicherzustellen, auffällig häufig fanden sich zum Teil vollständige Gefäße in der Nähe der Öfen, entlang der Wände, auf künstlichen Tonbänken oder neben massiven Mühlsteinen. Besonders große Vorratsgefäße, die nicht von einer Person bewegt werden konnten, wurden „in situ“, also an Ort und Stelle in der Flachsiedlung entdeckt. Festgestellt werden konnte, dass einige Idoltypen und Kupferwerkzeuge nur auf dem Hügel anzutreffen waren, ebenso viele Geräte zum Fischfang wie Harpunen aus Geweih. Überhaupt zeichnen sich die Stufen der Gumelniţa-Kultur sowohl auf dem Hügel als auch in der Flachsiedlung durch einen signifikant höheren Anteil an Wildtierknochen und Fischresten gegenüber den neolithischen Fundschichten aus. Einzelne Hausinventare innerhalb der Tellsiedlung legen spezialisierte Tätigkeiten wie Weben oder auch intensive Jagdaktivitäten nahe. Allerdings fand sich bisher kein Inventar bzw. keine Hausstelle, die sich durch besondere Größe oder besonders kostbare Funde von den anderen so weit abhebt, dass hieraus Schlüsse gezogen werden könnten.

Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob der offensichtliche Unterschied, der zwischen der repräsentativen Tellsiedlung und der insgesamt bescheidener auftretenden Flachsiedlung bestand, einen Niederschlag in der Bestattung gefunden hat. In ähnlich strukturierten Siedlungen in Ungarn deutet sich dergleichen an. In dem berühmten kupferzeitlichen Gräberfeld von Warna (Bulgarien) existierten reich ausgestattete Gräber, die für die Herausbildung einer Elite sprechen.
Dazu erläuterte Prof. Hansen, dass die bisher 45 Bestattungen sowohl der jüngeren Stein- als auch der Kupferzeit im Bereich der Flachsiedlung entdeckt wurden. Auf dem Tell gab es zwar Streufunde, und in einem Fall innerhalb des verbrannten zweistöckigen Hauses kamen Skelettteile von mindestens 9 Individuen zutage, die nach entsprechenden anthropologischen Untersuchungen wohl einer Familie zugeordnet werden konnten. Bei den Bestattungen innerhalb der Flachsiedlung handelt es sich im Wesentlichen um eher beigabenarme Hockerbestattungen nach dem Schema der Gumelniţa-Kultur, mal mit einer langen Feuersteinklinge, mal mit einem Eberzahnanhänger oder einem Gefäß. Außergewöhnliches erbrachte eine Grube, die ein Massengrab mit fünf Individuen enthielt, die sich „in einem jämmerlichen körperlichen Zustand befanden“, so Hansen.

Anders als das dem Siedlungshügel von Sultana-Malu Roşu (Tell der Gumelniţa-Kultur, ca. 90 km von Pietrele entfernt und ebenfalls an einem See gelegen, in ADZ 27. Juni 2015) zugerechnete Gräberfeld lagen die Gräber hier jedoch entweder in der Nähe der Häuser oder wurden nach deren Aufgabe hier angelegt. Ein eigenes Areal scheint bisher nicht vorhanden zu sein. Für eine relative Homogenität der Bevölkerung spricht, dass sich unter den ca. 30 mittels Strontium-Isotopen-Analyse untersuchten Individuen nur bei dreien Anzeichen fanden, die dafür sprechen, dass sie nicht aus der gleichen Bevölkerungsgruppe stammen wie die übrigen. Aber welches Verhältnis bestand zu den Bewohnern des Tells? Der Beantwortung dieser Fragen, wie der zur Umweltentwicklung und zu den Anfängen der Siedlung insgesamt, können die zukünftigen Grabungskampagnen ein Stück näher kommen.

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