Kein Land für „Instant-Touristen“

Der Reisebuchautor und Schriftsteller Joscha Remus erkundet Rumänien

Sonntag, 26. August 2012

Reisejournalist Joscha Remus bietet auf www.romtour.eu weitere Infos und Bilder zu Rumänien. Foto: der Verfasser

Rumänien und Osteuropa überhaupt werden zunehmend interessanter für westeuropäische Touristen. Dabei muss man aber über die notwendige Zeit verfügen, dieses Land kennenzulernen, es richtig zu „erwandern“. Auf einer schnellen Durchreise, also als „Instant-Tourist“ oder „Express-Tourist“ wird einem das nicht gelingen denn vieles von dem was Rumänien zu bieten hat und von dem, was charakteristisch für die hiesige Lebensweise ist, muss man selbst erleben. Dabei helfen einem sehr viel die Infos die die klassischen Reiseführer bieten.

Wer darüber hinaus mehr wissen will und über Hintergründe und Entwicklungen informiert werden will, der kann in der „KulturSchock“-Reihe  vom Bielefelder „Reise Know-How Verlag“ das finden, was bei üblichen Reiseführern weggelassen wird oder eben zu kurz kommt. Joscha Remus (Jahrgang 1958) ist der Autor sowohl eines Reiseführers für Rumänien als auch des Rumänien-Bandes der „KulturSchocks“-Reihe. Da sein Vater Bukowinadeutscher ist, kann man in seinem Fall auch von einer familiären Bindung zu Rumänien sprechen. Während seines Aufenthalts bei der „Villa Hermani“ in Măgura konnten wir auch etwas über diesen Band und die damit verbundene Recherchearbeit erfahren.

Das Buch ist für jene geschrieben, die ein Plus an Interesse für Rumänien aufweisen. Es gibt da  Kapitel wie zum Beispiel „Rumänisches Selbstverständnis“ „Der rumänische Alltag“ oder „Zu Gast in Rumänien“, die einen Ausländer über Besonderheiten in Kenntnis setzen und die ihm eventuelle Missverständnisse ersparen oder Erklärungen bieten für Details, die auf den ersten Blick überraschend und vielleicht auch sonderbar erscheinen. Einige Beispiele: In einem Blumenstrauß sollte nicht eine gerade Anzahl von Blumen geschenkt werden (außer als Trauer-Bekundung); „Prost!“ kommt als Trinkzuspruch nicht gut an; eine Frau erwartet, dass der Mann beim Betreten einer  Gaststätte vorangeht.

All dies und Vieles andere wird mit der notwendigen Dosis an Humor dargestellt und erklärt. Es gibt kurze Exkurse in die Geografie und Geschichte des Landes, einen Überblick des sozialen, religiösen und kulturellen Lebens, über die Minderheiten in Rumänien, wobei diese Kapitel nicht als wissenschaftliche Beiträge gedacht sind aber auch nicht in eine simple Vereinfachung abrutschen. Eingebaut werden Rückblenden eines Zeitzeugen (Nicu – ein Bukarester Lehrer im Ruhestand), die  so manche skurrile Seiten des kommunistischen Alltags aufleuchten lassen. So erfahren die Leser über manipulierte Wetterberichte, über die „Kent“-Zigaretten als inoffizielle Währung oder so manchen Witz aus der Ceaușescu-Zeit der die damaligen Zustände besser auf den Punkt bringt, als schwierige politische Diskurse oder soziologische Betrachtungen.

Interviews mit Persönlichkeiten wie Mircea Cărtărescu oder das orthodoxe Kirchenoberhaupt Patriarch Daniel sind ebenfalls zu finden, wie auch Schlussfolgerungen der Treffen, die der Autor mit ganz verschiedenen Leuten (Bürgermeister, Journalisten, Roma, Models, Künstler und viele andere) hatte. Das ist auch eine der Stärken dieses Bandes (Taschenbuchformat, 312 Seiten) das mit vielen gut gewählten Fotos illustriert wird. Die meisten hat Joscha Remus selber auf seinen zahlreichen Fahrten und Aufenthalten im Land geschossen, wobei ihm sicherlich auch sein passables Rumänisch von großem Nutzen war. Wie auch im Falle des Reiseführers, so werden auch beim Kulturführer jedes zweite Jahr für Neuauflagen Aktualisierungen vorgenommen – „eine Sysiphus-Arbeit“ denn ständig ändern sich Kontaktadressen und andere kleine, aber wichtige Infos.

Die Verkaufszahlen und Feedback sprechen für ein konstantes Interesse für die Reisedestination Rumänien. Dass auch kritische Ansätze nicht fehlen, ist ein Beleg für den unabhängigen und nicht bestellten Charakter dieses Führers, entstanden aus der Sicht eines Rumänien-Kenners, der sich aber keinem übertriebenen Lokalpatriotismus verpflichtet fühlt. Sicher gibt es bei der Vielfalt und der großen Menge von Informationen auch Details die „hiesige“ Leser in Frage stellen könnten. So z. B. wird Elias Canetti zu den „bedeutenden Vertretern des rumänischen künstlerischen Judentums“ hinzugefügt oder der „Deutsche Wirtschaftsclub Siebenbürgen“ gilt als Teil des Deutschen Forums. Interessant ist auch die Sichtweise des Autors der den Begriff „Rumäniendeutsche“ vermeidet und über „Die deutschen und österreichischen Minderheiten“ in Rumänien spricht.

„Kulturschock Rumänien“ gehört nicht zu den pathetischen, an zu viel Nostalgie leidenden Heimatpublikationen, ist auch nicht Teil irgendeiner Werbekampagne. Anderseits ist der etwas reißerisch klingende Begriff „Kulturschock“ der Bücherreihe nicht wort-wörtlich zu nehmen. Rumänien ist ein EU-Staat und kein exotisches Land, wo westeuropäische Besucher mit Anpassungsproblemen zu rechnen haben. Aber Stereotype und Klischees gibt es noch zu viele, wie auch Imageprobleme im Ausland. Joscha Remus hat jedoch die unmittelbare, unvoreingenommene Annäherung an Land, Leute und ihr Leben gesucht, ist viel herumgereist und tut es weiterhin, sucht den Kontakt zu verschiedenen Gesellschaftskategorien, dokumentiert sich eingehend in den unterschiedlichsten Themenbereichen: von Politik bis Alltagssprache, von Kultur bis ungeschriebenen Verhaltensregeln . Was dabei entstand, liest sich leicht und kann sich auch sehen lassen.

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