Kein Land kriegt allein die Energiewende hin

ADZ-Gespräch mit Dr. Andreas Lemmer von der Universität Hohenheim

Mittwoch, 09. April 2014

Dr. Andreas Lemmer von der Universität Hohenheim ist überzeugt: „Wir müssen die Vorteile der verschiedenen Länder kombinieren, um eine nachhaltige Energieversorgung zu bekommen“.
Foto: Zoltán Pázmány

Bioenergie gehört zu den erneuerbaren Energien und wird hauptsächlich aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen. In Rumänien steckt diese Branche noch weitgehend in den Kinderschuhen, obwohl erste Forschungen in diesem Bereich bereits laufen. Vor Kurzem fand in Temeswar eine Internationale Bioenergie-Konferenz statt, bei der Experten aus mehreren europäischen Ländern zusammenkamen. ADZ-Mitarbeiterin Raluca Nelepcu traf dort den deutschen Forscher Dr. Andreas Lemmer von der Universität Hohenheim, mit dem sie sich über das Thema Bioenergie unterhielt.

Herr Dr. Lemmer, Sie haben sich in Temeswar an einer Internationalen Bioenergie-Konferenz beteiligt. Welche Eindrücke konnten Sie denn in diesen drei Tagen sammeln?

Vom Grundproblem her, dass wir eine nachhaltige, kohlendioxidneutrale Energieversorgung sicherstellen müssen, dass wir Arbeitsplätze im ländlichen Raum schaffen müssen, dass wir versuchen müssen, eine Wertschöpfung im ländlichen Raum zu erzielen. Das alles sind Probleme, die wir nahezu überall in Europa haben. Und es ist wesentlich einfacher, diese gemeinsam zu lösen, als jedes einzelne Land für sich alleine. Was die Bioenergie, die Biomasse-Potenziale und die Nutzung der Biomasse für energetische Zwecke anbelangt, da haben wir natürlich in Mittel- und Osteuropa noch wesentlich größere Potenziale als wir sie in Deutschland oder Italien haben.

An der Universität Hohenheim laufen seit vielen Jahren Forschungsprojekte, bei denen neuartige Verfahren zur Biogasgewinnung oder Bioenergiegewinnung getestet werden. Welches wäre denn das aktuellste Anliegen, an dem Sie arbeiten?

Es stellt sich aber auch die Frage, was für unsere gemeinsame Zusammenarbeit interessant ist. Für die gesamte Zusammenarbeit hat sich bei der Konferenz herauskristallisiert, dass wir heute versuchen, in sogenannten Bio-Raffinerien zu denken. Das heißt, wir haben nicht nur die energetische Nutzung der Biomasse, sondern dass wir das kombinieren mit der Produktion von Chemikalien, von Stoffen also, die in der chemischen Industrie genutzt werden können. Sodass wir erst aus der Biomasse bestimmte Proteine oder Säuren extrahieren, die als Grundchemikalien für die chemische Industrie genutzt werden können, und nur die Reststoffe dann in die energetische Nutzung gehen. Oder dass wir eine Ethanol-Produktion als Kraftstoff mit einer Biogas-Produktion kombinieren, sodass wir aus der Biomasse die gesamte Wertschöpfung maximieren können. Das sind so die Ziele, die sich jetzt während der Konferenz herauskristallisiert haben und die wir gemeinsam weiterverfolgen.

Inwiefern kann Biogas auch für den Automobilverkehr genutzt werden?

Ein weiterer Punkt, den wir intensiv diskutiert haben, war die richtige Nutzungsform von Biogas. Hier haben wir sehr viele Ausgangsstoffe. Wir können nachwachsende Rohstoffe verwenden, wir können organische Rohstoffe verwenden, wir können Flüssig- und Festmist aus der Tierhaltung verwenden, um Biogas herzustellen. Nutzungsmöglichkeiten gibt es schließlich genauso viele. Wir können es direkt für die Strom- und Wärmeproduktion nutzen, es kann für industrielle Prozesse genutzt werden, wie zum Beispiel für die Dampferzeugung, und, wenn man Biogas aufbereitet, das heißt, den Kohlendioxid-Anteil aus dem Biogas heraus abtrennt, es unter Druck setzt, dann kann es wie Erdgas als Kraftstoff auch für Pkws genutzt werden, oder auch für Lkws – eine Nutzungsform, die zum Beispiel in Schweden nahezu ausschließlich betrieben wird. Schweden macht das, es reinigt das gesamte Biogas auf, setzt es unter Druck und betreibt zum Beispiel sämtliche städtische Busse und Bahnen mit Biogas.

Wie viel Prozent des Marktes für erneuerbare Energien nimmt Bioenergie in Deutschland ein?

Wir sind im Moment in Deutschland bei einer Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien bei 21-22 Prozent von der gesamten Stromerzeugung. Bioenergie macht ungefähr zehn Prozent des gesamten Primärenergieverbrauchs aus. Bezogen auf den Primärenergieverbrauch ist die Biomasse mit zwei Drittel bei Weitem der größte Anteil. Dadurch, dass die Biomasse auch für Heizzwecke eingesetzt wird, hat sie einen wesentlich größeren Anteil als, zum Beispiel, Wind oder Fotovoltaik.

Welche negativen Aspekte/Kritikpunkte gibt es an der Nutzung von Bioenergie?

Es gibt eine ganze Reihe von Kritikpunkten in diesem Bereich. In Deutschland haben wir die Kritik, dass wir gerade im Bereich der Bioenergie sehr viel nachwachsende Rohstoffe einsetzen. Deutschland hat zum Beispiel eine Agrarfläche von 17 Millionen Hektar, davon elf Millionen Hektar Ackerfläche und 1,2 Millionen Hektar, also ungefähr zehn Prozent, für den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen. Es kommt damit die Kritik auf, dass auf der gleichen Fläche auch Nahrungsmittel produziert werden können. Wir haben dann die klassische Diskussion: Produzieren wir nachwachsende Rohstoffe für den Teller oder für den Tank? Das zweite Problem, das wir haben, wenn wir gerade nachwachsende Rohstoffe verwerten, ist, dass die elektrische Energie daraus eine Größenordnung von Produktionskosten zwischen 18 bis 22 Cent pro Kilowattstunde hat und damit teurer als Strom ist, der aus Windkraftanlagen kommt, oder eben aus fossilen Kraftwerken. Er hat aber eben den großen Vorteil, dass es kohlendioxidneutral ist, dass wir sehr viele Treibhausgasemissionen vermeiden, wenn wir Abfallstoffe verwerten, und dass wir eine grund- und spitzenlastfähige Energiequelle haben.

Wie sehen Sie denn die zukünftige Entwicklung der Bioenergie-Branche in Deutschland, auch im Hinblick auf die Energiewende?

In Deutschland ist es so, dass unsere aktuelle Regierung im Prinzip den Ausstieg aus der Energiewende praktiziert. Dieser Weg, auf den wir uns begeben, wird im Moment nicht konsequent weiter verfolgt, aber ich denke, dass es europaweit der absolut richtige Weg ist. Wir haben eine Energiequelle, die Nutzung der Bioenergie, die weitgehend kohlendioxidneutral ist, die die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und vom Import der fossilen Energieträger deutlich reduziert. Wir haben europaweit noch ganz erhebliche Potenziale. In Deutschland sieht es anders aus, aber europaweit gesehen haben wir ganz erhebliche landwirtschaftliche Produktionspotenziale. Wir schaffen es, mit der Bioenergie eine Wertschöpfung im ländlichen Raum zu halten, das heißt, wir haben dort die Möglichkeit, Geld zu verdienen, wir schaffen dort hochqualifizierte Arbeitsplätze. Wir haben heute teilweise europäische Länder, in denen der ländliche Raum komplett nah am Aussterben ist und wir müssen dort eine Attraktivität schaffen und da kann die Bioenergie einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.

Wir haben seit ungefähr fünf Jahren etwa einen Zeitraum, bei dem der Preis der fossilen Energieträger relativ konstant geblieben ist. In der Vergangenheit hatten wir auch schon Zeiträume von acht bis zehn Jahren, in denen die Preise konstant geblieben sind. Aber auf Dauer werden diese Preise steigen. Unsere Reserven sind sehr begrenzt, Erdöl und Erdgas werden erheblich teurer werden und wir müssen uns darauf vorbereiten, indem wir Technik und Infrastruktur aufbauen, um eine Energieversorgung gewährleisten zu können, die komplett unabhängig von fossilen Energieträgern funktioniert. Nur im europäischen Verbund haben wir die Möglichkeit, das auch zu realisieren. Kein Land sollte sich die Illusion machen, dass es alleine die Energiewende hinkriegt. Das ist etwas, das wirklich nur im europäischen Verbund funktioniert und bei unseren Politikern ist der Gedanke, grenzenübergreifend zusammenzuarbeiten, noch viel zu wenig ausgeprägt. Jedes Land hat sein Potenzial und das müssen wir geschickt ausnutzen. Wenn wir die Vorteile der verschiedenen Länder kombinieren, dann kriegen wir eine zuverlässige, preiswerte, nachhaltige und kohlendioxidneutrale Energieversorgung.

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