„Kein Medium muss sein Erscheinen einstellen“

Journalisten deutschsprachiger Medien im östlichen Europa trafen sich zum Austausch

Sonntag, 09. Juli 2017

Journalisten von deutschsprachigen Medien aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa trafen sich auf Einladung der Deutschen Gesellschaft in Berlin.
Foto: Deutsche Gesellschaft e. V.

Rund um den Globus zählt Björn Akstinat rund 2500 deutschsprachige Medien außerhalb des deutschen Sprachraums, der sich von Flensburg bis Bozen und von Eupen bis Wien erstreckt. Akstinat ist Gründer der Internationalen Medienhilfe und hat sie alle im Überblick, egal ob Schülerzeitung oder Wirtschaftsmagazin. In seinem „Handbuch der deutschsprachigen Presse im Ausland“ hat er sie alle zusammengetragen, die deutschsprachigen Tageszeitungen „Der Nordschleswiger“ aus Apenrade in Dänemark und die „Allgemeine Zeitung“ aus Windhoek in Namibia, aber auch das nur jährlich erscheinende Magazin „Lettland-weit“ sowie das nur online erscheinende „Baltikum-Blatt“.
Fast alle Print-Medien haben mit sinkenden Auflagen zu kämpfen, doch vielen kann Björn Akstinat helfen, bei-spielsweise mit einer Neuausrichtung oder durch die Vermittlung von Praktikanten. „Kein Medium muss sein Erscheinen einstellen“, so Akstinat. Vom Ende der einzigen australischen Wochenzeitung in deutscher Sprache, „Die neue Woche in Australien“, hat die Internationale Medienhilfe zu spät erfahren. Erst vor wenigen Tagen gab Herausgeberin Nadine Halberkann das Ende der fast 60 Jahre alten Zeitung bekannt. Doch es gibt auch positive Beispiele, wie die „Budapester Zeitung“, die mit einem ausgeweiteten Angebot aus frei zugänglichen Artikeln, Abonnements, einem Magazin sowie einem Newsletter am Markt besteht, während gerade Minderheitenzeitungen häufig durch die Nationalstaaten subventioniert werden.

Akstinat appellierte zum Ende seines Vortrages, der auch den Abschluss der Medientage der Deutschen Gesellschaft (DG) darstellte, noch einmal eindringlich an die anwesenden Medienmacher, sich jederzeit an die Internationale Medienhilfe zu wenden. In den zwei Tagen zuvor tauschten sich auf Einladung der DG Printredakteure sowie Rundfunkjournalisten deutschsprachiger Medien aus Mittel-, Ost- und Südost-europa über ihre Arbeit und Herausforderungen aus. Die im Januar 1990 gegründete Deutsche Gesellschaft e. V. widmet sich der Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Europa. Es sind die bereits vierten Medientage der DG, die dieses Mal unter dem Schwerpunkt „Demokratie, Medien und Regionen im Wandel“ standen.
Zu den anwesenden Journalisten von „Hermannstädter Zeitung“, Radio Bukarest, Radio Temeswar, dem „Karpatenblatt“ aus der Slowakei, der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ aus Kasachstan, dem „Polenjournal“ sowie einem Dutzend weiterer Journalisten und Redakteure stießen auch die Osteuropa-Experten Robert C. Schwartz (Redaktionsleiter bei der Deutschen Welle), Keno Verseck (freier Journalist bei Spiegel Online), Tamina Kutscher (Chefredakteurin bei „Dekoder“), Ingo Petz (Autor, freier Journalist und Weißrussland-Experte) und Alexandra Mostýn (Auslandskorrespondentin der taz) zum Podiumsgespräch „Demokratie und Medien in Mittel-, Ost- und Südost-europa“ dazu.

Ins Blickfeld bundesdeutscher Journalisten fällt „Osteuropa“, also alles jenseits von Oder und Neiße, lediglich wenn es „kracht“. Das stellte Dr. Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“, schon am Vortag heraus. Dabei können die Journalisten deutsch-sprachiger Medien, ob in Ungarn, Rumänien oder Polen, wichtige Ansprechpartner bei Recherchen oder Hintergrundinformationen sein. Dass der Begriff „Liberalität“ in Ungarn und Deutschland eine unterschiedliche Bedeutung besitzt, dem ist man sich bei deutschsprachigen Medien in Ungarn bewusst, in der Bundesrepublik hingegen viel zu oft nicht. In Deutschland bilden der Zweite Weltkrieg und der Holocaust das Kernelement kollektiver Identität, dagegen ist es in den ostmitteleuropäischen Ländern der Erste Weltkrieg bzw. der Zerfall der Donaumonarchie. In Budapest steht der Begriff „Liberalität“ als Synonym für „Trianon“, den Vertrag, mit dem Ungarn vermeintlich ein Drittel „seines“ Staatsgebietes verlor.
Kritisiert wurde im Podiumsgespräch auch die Ignoranz vieler großer Medien gegenüber „weichen Themen“ wie Gesellschaft, Religion und Wissenschaft in Mittel-, Ost- und Südost-europa. Länder jenseits von Oder und Neiße werden von Seiten der Redaktionen mit bestimmten Begriffen assoziiert und Beiträge von Experten, die ein umfangreicheres und tiefgründigeres Bild ermöglichen, dementsprechend ignoriert, konstatierte Weißrussland-Experte Ingo Petz in Bezug auf das Bild von Weißrussland als „letzter Diktatur Europas“.

Über die Schwierigkeiten der täglichen Arbeit von Journalisten in den GUS-Staaten konnte Julia Boxler von der „Deutschen Allgemeinen Zeitung für Kasachstan und Zentralasien“, die in Almaty herausgegeben wird, berichten. „In einem staatlich geförderten Minderheiten-Medium arbeitet man schon unter speziellen Umständen und muss sich manch-mal auch auf die Belange des zuständigen kasachischen Ministeriums einstellen“, so die ifa-Redakteurin. Drastischer ist das Vorgehen staatlicher Behörden in der Russischen Föderation, „wenn die Steuerfahndung auftaucht, weiß man, dass Grenzen überschritten wurden“, stellte Tamina Kutscher heraus. Als Chefredakteurin bei „Dekoder“ übersetzt die Journalistin, Slawistin und Historikerin Artikel aus russischsprachigen Medien und „entschlüsselt“ diese. „Die aktuellen Debatten zeigen, wie problematisch es ist, ein adäquates und ausreichend differenziertes Russland-Bild zu zeichnen. Die Kategorien, in denen wir Europäer die gesellschaftlichen Zustände eines Landes verstehen, greifen in Bezug auf Russland oft dramatisch ins Leere. Dementsprechend anfällig sind wir für Ideologien, Mythen und polemische Grabenkämpfe“, heißt es in der Selbstbeschreibung des Onlineportals.

Für ein differenziertes Bild deutscher Minderheiten und deutschsprachiger Medien steht die Plattforum „Mind_ Netz“, die von Marita Grimke vorgestellt wurde. Das vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) gestartete Projekt sichtet täglich die verschiedenen Publikationen deutscher Min-derheiten und gibt einen Überblick über die Vielseitigkeit der Lebenswelten im „Osten“. Als Gemeinschaftsprojekt des ifa und der deutschsprachigen Medien in Mittelost- und Südosteuropa sowie der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten will Mind_Netz dazu beitragen, dass sich die deutschen Minderheiten gegenseitig besser kennenlernen, aber auch bundesdeutschen Journalisten einen Startpunkt für Recherchen geben. Viel zu oft, so Dr. Manfred Sattner, richtet sich ihr Blick nur auf die Hauptstädte von Tallinn bis Astana und die dortigen Ereignisse, von denen dann wiederum versucht wird, Rückschlüsse auf gesamtgesellschaftliche Tendenzen zu ziehen.

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