„Keine Minderheit ist allein in Europa“

Midas-Studienfahrt zu den Türken in Westthrakien

Dienstag, 08. Juli 2014

Das Stadtviertel am Rande von Komotini verfügt über keine türkische Bildungseinrichtung, auch wenn hier 400 Familien mit ungefähr 100 Kindern wohnen.

Journalisten von türkischsprachigen Zeitungen berichten über die Probleme, mit denen sie konfrontiert werden.

Besucht wurde das Bergdorf Echinos, das nur von Westthrakien-Türken bewohnt wird.

In Echinos gibt es qualifizierte Lehrkräfte, die in der Türkei ausgebildet wurden. Sie werden aber vom griechischen Staat für Schulen nicht angestellt.
Fotos: Aida Ivan

Regelmäßig veranstaltet die Vereinigung von Tageszeitungen in Minderheiten- und Regionalsprachen (Midas) für Journalisten der Mitgliedszeitungen gemeinsame Studienfahrten in ein Minderheitengebiet Europas. Auf diese Weise wird den Teilnehmern die Möglichkeit geboten, Erfahrungen aus der Wirklichkeit einer anderen Minderheit zu sammeln und sich mit Vertretern anderer Minderheiten auszutauschen. Minderheitenschutz und kulturelle Vielfalt sind Hauptschwerpunkte solcher Veranstaltungen, deren Ziel es hauptsächlich ist, Wissen weiterzugeben und problematische Aspekte zu diskutieren. Die Journalisten nehmen an Vorträgen teil und führen Interviews, erfahren mehr über die Probleme, mit denen die Ortsansässigen, die einer bestimmten Sprachminderheit angehören, konfrontiert werden. Bewusstsein über die Situation einer bestimmten Minderheit wird europaweit gebildet, indem die Presseleute darüber berichten.

Die Midas-Studienfahrt führte heuer Ende Juni in den Norden Griechenlands, nach Westthrakien. Es beteiligten sich daran sechs Journalisten als Midas-Vertreter, von slowenisch- und deutschsprachigen Zeitungen aus Italien, ungarisch- und deutschsprachigen Publikationen aus Rumänien, dänisch- und sorbischsprachigen Zeitungen aus Deutschland. Zur 16-köpfigen Delegation gehörten nicht nur Vertreter der Europäischen Vereinigung von Tageszeitungen für Minderheiten und Regionalsprachen, sondern auch solche der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) und des Südschleswigschen Vereins (SSF – kultureller Dachverband der dänischen Minderheit in Südschleswig). Das Programm wurde in Zusammenarbeit mit der Föderation der Westthrakien-Türken in Europa (ABTTF), der Vereinigung der Universitätsabsolventen der Türkischen Minderheit in Westthrakien (BTAYTD) und der Partei für Freundschaft, Gleichheit und Frieden (DEB) organisiert.

Während des Aufklärungsbesuches konnten sich die Journalisten mit der spezifischen Situation der Westthrakien-Türken bekannt machen. Erfahren haben die Teilnehmer Aspekte über das Zusammenleben zwischen Minderheit und Mehrheit in den größeren Städten der Region, in Komotini und Xanti. Besucht hat die Delegation auch ein türkisches Bergdorf, Echinos, das ausschließlich von Türken bewohnt wird. Den Traditionen der türkischen Minderheit in Griechenland kamen die Teilnehmer näher durch den Besuch eines Festivals, mehrerer Moscheen und verschiedener relevanter Organisationen. Gesammelt wurden Informationen beim Treffen mit Presse-, Kulturvertretern und Politikern.

Die Westthrakien-Türken kennenlernen

Die Sommernacht ist kühl, dunkel und laut. Ein Sprecher auf der Bühne präsentiert die Musiker, die demnächst spielen werden. Ipek Hassan sitzt in der ersten Reihe beim Kirchenfestival zusammen mit der Mutter und ihrer drei Jahre älteren Freundin, Hande. Im Rahmen der 14. Ausgabe des dreitägigen türkischen Festivals im Dorf Bulat, einer Ortschaft in der Nähe von Komotini, hat sie auch bei einem der Konzerte mitgespielt. „Erwartet werden auch berühmte Sänger aus der Türkei“, erklärt das blonde Mädchen mit blauen Augen, das seit drei Jahren Klavier spielt. Bei ihr steht ihre Freundin und Nachbarin Hande Chasim. Ipek heißt auf Türkisch „Seide“, Hande heißt „Lächeln“.  Beide Mädchen spielen Basketball in der Freizeit, eine Sache haben sie aber nicht gemeinsam – die Schule. Ipek geht in eine griechische Schule. Sie weiß, dass es wichtig ist, Griechisch sprechen zu können. Hande schaut sie mit sanften mandelförmigen Augen an und versucht, auf Englisch zu erklären, dass sie eine türkische Schule besucht.

Nur 5000 Kinder von 12.000 gehen in eine Minderheitenschule. „Die Eltern schicken ihre Kinder zur griechischen Schule, anders haben sie keine Chance“, erklärten Vertreter der Minderheit in der  Zentralstelle der türkischen Partei für Freundschaft, Gleichheit und Frieden (DEB) ein paar Stunden früher am gleichen Tag. Ungefähr 100.000 griechische Türken leben in Westthrakien, die Minderheit ist aber weiter nach Osten und Westen zerstreut: 30.000 Westthrakien-Türken wohnen jetzt in der Türkei und 20.000 sind nach Deutschland ausgewandert. Die türkische Minderheit ist immer noch stark in den Städten Komotini, Xanti und in deren Umgebung vertreten. Sie bildet 35 Prozent der Bevölkerung in West-Thrakien. In Griechenland gibt es keine Kindergärten für die türkische Minderheit, die Kinder müssen aber einen Kindergarten besuchen, damit sie in die erste Klasse aufgenommen werden. Die Erzieher in griechischen Kindergärten können nicht Türkisch. In der ganzen Region gibt es zwei Mittelschulen für die türkische Minderheit, im Vergleich dazu gibt es mehr als 20 Mittelschulen und mehr als 30 Berufsschulen mit griechischer Unterrichtssprache.

Die Midas-Delegation hat das Stadtviertel Harmanli in Komotini besucht, in dem 400 türkische Familien wohnen. Hier gibt es keine Schule für die Minderheit, auch wenn ein Verein gegründet wurde, um die Rechte der Bewohner zu vertreten. Die Menschen haben vor ein paar Jahren einen offiziellen Antrag an die Behörden gestellt, damit eine Schule gegründet wird. Ihre Kinder müssen in eine kilometerweit entfernte Schule gehen, in der sie in überfüllten Klassen lernen. „Als Bürger glaube ich, dass die Minderheit Bildung braucht, genauso wie die anderen. Die Stadtverwaltung ist nicht zuständig für das Bildungssystem. Das können wir nicht beeinflussen“, erklärte der Bürgermeister von Komotini, Giorgios Petridis, am selben Tag der internationalen Delegation.

Betroffen von dieser Lücke im Schulwesen ist auch das Dorf Echinos, das sich 23 Kilometer entfernt von Xantis in den Bergen befindet. In der Bibliothek des Dorfes erklären die Mütter, welche Lösung seit Jahren praktiziert wurde: Kinder werden schon ab der Grundschule in die Türkei geschickt, damit sie da ausgebildet werden. Manche gehen in Internatsschulen, andere wohnen bei Verwandten in der Türkei: Denselben Weg ist auch der heutige Bürgermeister des Dorfes gegangen. Die Frauen wünschen sich bilinguale Kindergärten und Schulen für ihre Kinder. Auch wenn es im Dorf qualifizierte Arbeitskräfte dafür gibt, die in der Türkei als Lehrer ausgebildet wurden, und bereitwillig wären, zu unterrichten, ist der Staat damit nicht einverstanden: Nur griechische Pädagogen, die von einem Institut in Thessaloniki ausgebildet wurden, werden in den Minderheitenschulen eingesetzt.

Das Problem der türkischen Minderheit ist es, dass sie nicht ihre eigenen Bildungseinrichtungen gründen und verwalten darf. Sie kann sich nur über das unbefriedigende Qualitätsniveau der Minderheitenschulen beschweren. „In den letzten Jahren haben wir Fortschritte bemerken können. Wir verlangen nicht viel vom griechischen Staat: Wir wollen hier mit unserer eigenen Religion, Identität und Kultur bleiben. Wir fühlen uns nicht wohl, wenn andere Menschen uns ihre eigene Identität auferlegen wollen. Wir möchten nichts anderes als unsere Rechte“, meinten die Lokalpolitiker in Echinos.

Kein „Türkisch“. Sondern Muslemisch

Ein anderer Aspekt, der ans Licht gebracht wurde, bezieht sich auf das Wort „türkisch“, das in Griechenland tabu zu sein scheint: Die einzige Minderheit, die Griechenland anerkennt, ist die muslimische, die durch den Lausanne-Vertrag aus dem Jahre 1923 geschützt wird. Diese besteht aus Mitgliedern von türkischer, Pomak- und Roma-Herkunft. In Griechenland wird den Westthrakien-Türken nicht das Recht gewährt, sich als „Türken“ zu definieren. „Alles, was wir wollen, ist ein menschenwürdiges Leben“, erklärte der Vorsitzende der DEP-Partei, Mustafa Ali Cavus, der weiter deutlich macht, dass keine Organisation registriert werden kann, die das Wort „türkisch“ im Titel beinhaltet. Deswegen wurde die politische Organisation der türkischen Minderheit, die er vertritt, die Partei für Freundschaft, Gleichheit und Frieden (DEB) auch so genannt.

„Wegen meiner öffentlichen Position muss ich über die muslimische Minderheit und nicht über die türkische Minderheit sprechen“, antwortete Bürgermeister Petridis auf eine der ersten Fragen der internationalen Delegation. „Es gibt Anliegen, die wir nicht erreichen können. Wir machen alles, was wir können“, präzisierte er. Auch wenn die übliche Geldstrafe für eine lokale Zeitung 8000 Euro beträgt, wenn die Behörden etwas zu beanstanden haben, wurden zwei Minderheitenpublikationen, „Gündem“ und „Millet“, mit überproportionalen Strafen von mehr als 100.000 Euro belegt, da sie über ein für die türkische Minderheit relevantes Ereignis berichtet haben. „Trotz allem lieben und respektieren wir dieses Land“, erklärten Vertretern der Minderheitenmedien in West-Thrakien im Rahmen des Treffens mit den ausländischen Journalisten von den Minderheitenzeitungen.

Besucht wurden auch zwei Moscheen: Der Vize-Mufti in Komotini und der Imam in Xantis konnten den Journalisten weitere Hintergrundinformationen liefern. Auch wenn Griechenland die religiöse Minderheit der Moslems anerkennt, wird der türkischen Glaubensgemeinschaft die Selbstständigkeit nicht erlaubt: Die Westthrakien-Türken haben nicht das Recht, ihre eigenen Muftis, die höchsten Geistlichen, zu wählen. Der Staat selbst macht das und die vom Volk gewählten Muftis werden nicht anerkannt. Gezeigt wurde der Delegation außerdem im Dorf Echinos eine orthodoxe Kirche: Das Dorf wird hundertprozentig von Moslems bewohnt und verfügt über drei Moscheen. Es war die Entscheidung des Staates, auch eine Kirche bauen zu lassen, auch wenn es im isolierten Bergdorf keine Anhänger gibt. Über viele andere Probleme aus dem politischen, wirtschaftlichen Bereich wurde von verschiedenen Vertretern der Minderheit berichtet.

Unterstützung für West-Thrakien wird auch von einer in Deutschland gegründeten Organisation, der Föderation der Westthrakien-Türken in Europa (ABTTF), gewährt, die als eine Art Außenministerium fungiert und Lobbyarbeit in Europa macht. Des Weiteren gibt es einen Kulturverein auch in der Türkei, der dieselbe Rolle im Osten spielt. Vertreter der FUEV, Hans Heinrich Hansen und Dieter Paul Küssner, betonten, dass die türkische Minderheit intensiv unterstützt wird, damit sie ihre Identität bewahren kann. „Keine Minderheit ist alleine in Europa“, erklärte Bojan Brezigar, Mitglied im Midas-Vorstand als Erwiderung zu den Problemen, die von den Vertretern der türkischen Minderheit berichtet wurden.

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