Keine Stadt für Skater

In Temeswar wird der Extremsport geächtet

Montag, 10. September 2012

Seit neun Jahren ist Marius Maliţa diesem Sport leidenschaftlich verfallen.

Flip Tricks sind seine Spezialität: Dabei wird das Skateboard vom Boden hochgehoben und in der Luft vollführt der Skater unterschiedliche Drehbewegungen.

Um Flip Tricks zu meistern muss man den Ollie beherrschen.

Nur Flat, keine Rampen: Im I .C. Brătianu-Park treffen sich die meisten Skater, weil ihnen hier die Stadt nicht auf die Pelle rückt.
Fotos: Robert Tari

Wenn Marius Maliţa an seine ersten Gehversuche als Skater zurückdenkt, stellt er sich unfreiwillig die Frage, wie er bloß mit einigen Kratzern davongekommen ist. Schließlich verstieß sein erstes Skateboard gegen sämtliche Regeln der Skatekunst. Auf ein Second-Hand-Deck (Brett) hatte er zwei ausrangierte Trucks (Achsen) angebracht, die ersten Wheels (Rollen) stammten von einem alten Rollschuh, den er auf der Straße fand und statt Griptape  (Schleifpapier) klebte er auf die Trittfläche Schmirgelpapier aus dem Bauhaus. Nach der ersten Testfahrt folgte prompt die böse Überraschung: Das abgenutzte Deck war bereits vor dem Kauf gebrochen gewesen. Trotzdem ließ er sich von dem Fehlschlag nicht kleinkriegen. Stattdessen versuchte er, das Beste aus seinem ersten Skateboard rauszuholen. Aller Anfang ist schwer – und auf keinen trifft das mehr zu als auf den 26-jährigen Skater. Selbst heute ist es nicht wirklich besser.

Kein Skatepark in Temeswar

Inzwischen ist er in biblische Auseinandersetzungen mit den Behörden der Stadt verwickelt, die seinen Wahlsport ächten. Als kleiner David gegen die Goliaths von Temeswar/Timişoara musste  Marius Maliţa oft Niederlagen einstecken. Nun versucht er, den ersten Skaterverein der Stadt zu gründen, um die Sache ins Rollen zu bringen. Doch momentan würde man ihm kaum Beachtung schenken, so der Skater. Das Urteil der Stadt ist bereits vor vier Jahren gefallen, als der einzige Skatepark über Nacht abgerissen wurde. Maliţa war selbst Zeuge, wie Arbeiter die Quarterpipes, die kleine Halfpipe und die Funbox abmontierten.

Die Anordnung kam vom damaligen Vizebürgermeister Adrian Orza. „Die Stadt ist unser größter Feind“, ist sich Mali]a inzwischen sicher. Schließlich gab es in den letzten Jahren wiederholte Anlaufversuche, um einen neuen Park aufzubauen. Selbst der Energy Drink Hersteller Burn kam mit einem Vorschlag. Das Unternehmen wollte die Baukosten übernehmen.

Wofür sie nicht bezahlen wollten, war ein Angestellter, der auf die neue Anlage aufpassen sollte. Drei Parteien stritten sich um die Geldfrage. Weder die Stadtverwaltung, noch das Iulius Mall-Einkaufszentrum, wo der neue Skatepark stehen sollte, wollten für eine Aufsichtsperson zahlen. Auch der Skate Shop Uman hielt sich zurück. Schließlich versandete das Projekt. Burn zog den Vorschlag zurück und die Stadt ging leer aus. „Niemand zeigt wirklich Interesse“, behauptet Maliţa. „Obwohl die Shops, die ihr Geld mit Skate-Artikeln verdienen, in solche Projekte investieren oder den Sport fördern wollen.“

Vor einigen Jahren hatte Uman Maliţa und zwei weitere lokale Skater gesponsert. „Wir erhielten durch Uman von dem amerikanischen Hersteller Bones zwei T-Shirts, eine Mütze und Wheels“, erklärt der Skater. „Bones Wheels sind einfach der Hammer. Es sind meine Lieblingsrollen. Sie sind auf einem anderem Level.“

Das Sponsoring stellte Uman ein, weil Maliţa nicht an genügend Contests teilnahm. Doch besonders viele gibt es im Land nicht. In Temeswar wurde seit dem Abriß des Skateparks kein Wettbewerb mehr veranstaltet. „Mit der Entfernung des Skateparks ist alles den Bach runtergegangen“, ist sich Maliţa sicher. Damals wären nur noch vier Skater geblieben.

Trotz der neuen Stadtverwaltung ist er wenig zuversichtlich, dass sich etwas ändern wird. „Die wollen an der Stelle, wo der Skatepark stand, ein Aquarium hinpflanzen“, sagt er. „Ich weiß nicht einmal, was man darunter verstehen soll.“ Gemeint ist die Glaskonstruktion am Opernplatz, die aufgrund ihres unästhetischen Aussehens in die Kritik geraten ist. Der neue Bürgermeister der Stadt, Nicolae Robu, hatte während seines Wahlkampfs versprochen, die Glaskonstruktion am Opernplatz abzubauen. Aufgrund rechtlicher Streitigkeiten musste die Stadt als Kompromisslösung einen neuen Platz für die Konstruktion finden.

Skater aus Leidenschaft

Marius Maliţa war 17 Jahre alt, als er das erste Mal ein Skateboard bestieg. Eine Freundin hatte ihm ihr Brett ausgeliehen. Sie selbst fing niemals mit dem Sport an. Für den damaligen Schüler wurde es eine Leidenschaft. Fast ein halbes Jahr nachdem er mit dem Skaten angefangen hatte, nahm er an seinem ersten Contest teil.

Radio Temeswar veranstaltete im Temeswarer Skatepark einen Wettstreit für die lokalen Profis. Er schaffte es unter die ersten drei. Wochen zuvor versuchte er, den wichtigsten Trick zu erlernen, den jeder Skater beherrschen muss: den Ollie. „ Der Ollie ist das Grundgerüst“, erklärt Maliţa. „Ohne kann man Fliptricks wohl kaum landen.“ Trotzdem schaffte er zuerst einen Kickflip, bevor er dadurch den Ollie erlernte. „Bei mir war es gerade umgekehrt.”

Er könnte eine Menge Tricks. Besonders Variationen des Kickflips sind seine Spezialität. Dagegen kennt er sich mit Grabs weniger aus. Diese wären inzwischen viel zu Oldschool. Für Grinds würden die geeigneten Orte fehlen. „Ich versuche nicht, gezielt einen Heelflip zu landen. Er entsteht einfach, während man Sachen ausprobiert.“

Eine Karriere als Pro Skater schwebte ihm niemals vor. Dafür bräuchte man viel Geld und das ist immer knapp. „Decks, Achsen, Rollen, spezielle Shirts, Schuhe, Hosen“, zählt er das nötige Equipment auf. „ Diese Sachen sind nicht billig.“ Natürlich könne man auf Kleidermarken verzichten, die speziell für Skater angefertigt sind. „Aber man merkt sofort den Unterschied.“ Besonders bei den Schuhen: Die Sohlen sind dicker und belastungsfähiger. Kids heutzutage hätten dieses Problem kaum noch, so der Skater. „Seit zwei Jahren gibt es viele Teenager, die mit dem Skaten angefangen haben und das nötige Geld haben.“ Inzwischen kennt Maliţa 30 bis 40 aktive Skater.

Im Vergleich zu anderen rumänischen Großstädten ist diese Zahl jedoch nicht der Rede wert. In Klausenburg gibt es vier Skate Parks und Bukarest sogar sechs. In der Hauptstadt wird auch der wichtigste Contest von Rumänien veranstaltet. Inzwischen hat selbst die Stadt Lugosch einen Park für Skater. Allerdings einen minderwertigen, nach Maliţas persönlicher Auffassung.

Er schwärmt von einem Skate Park in Temeswar, der sich mit dem Mystic Park aus Prag messen kann. „Sollte es mit dem Verein klappen, könnten wir EU-Gelder beantragen“, hofft er. „ Ein Skate Park wie der aus Prag wäre unglaublich.“ Lokale Unternehmer hätten Interesse gezeigt, darunter auch Emil Cristescu. „Die Fructus Hallen sollten für einen Indoor Skatepark umgebaut werden“; hätte er gehört.

Skater haben viele Spots, wo sie gerne abhängen. Doch meist werden sie vom Wachpersonal vertrieben. Zu den Lieblingsorten zählen das Business Centre am 700er Platz, der I. C. Brătianu-Park sowie der frisch sanierte Hof der Theresienbastei. „Der Architekt, der die Sanierungspläne gemacht hat, ist ein großer Skatefan“, behauptet Maliţa. „Er hat den Platz so gemacht, dass er fürs Skateboarding ideal ist.“ Nur die Stadt hätte Einwände. Darum werden die meisten auch immer wieder vergrault.

Trotzdem kann Maliţa nichts  von seiner Leidenschaft abbringen. „Wenn ich skate, kann ich einfach abschalten“, erklärt er. „Es hilft mir dabei, mich zu entspannen und alle Sorgen zu vergessen.“ Die beste Medizin für den 26-jährigen Studenten, der schon viele Kämpfe ausgefochten hat und immer wieder bruchlandete. Alles nur Kratzer, findet der Skater. „Kein Grund um aufzuhören, sondern um weiterzumachen.“         

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