Keinen einzigen Schritt zurück

Das Frauenhaus ist meist die letzte Rettung für die Opfer häuslicher Gewalt

Mittwoch, 29. Mai 2013

Der Generalvikar der römisch-katholischen Diözese, Johann Dirschl, hielt einen kurzen Gottesdienst im Frauenhaus. Dabei waren auch Johann Feichtinger von der Rumänienhilfe Grafenau (4.v.l.) und der Caritas-Geschäftsführer Herbert Grün (r.). Foto: Raluca Nelepcu

Ein ganz gewöhnliches Haus am  Rande der Stadt: Das ist das Frauenhaus des Caritasverbands der römisch-katholischen Diözese Temeswar/Timişoara, das Haus „Maria von den Aposteln“. Hier leben zur Zeit zwei Frauen und vier Kinder. Eine Psychologin und zwei Sozialarbeiterinnen kümmern sich um die Frauen, die drei bis sechs Monate im Frauenhaus untergebracht werden können. Ihnen bleibt also Zeit, mit ihrer Vergangenheit abzurechnen, sich scheiden zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Manche schaffen es, andere hingegen haben kaum Perspektiven und kehren zu ihrem gewalttätigen Ehemann zurück.

„Ich kam hierher wegen der Gewalt, die ich zu Hause erleiden musste. Ich fand hier einige Damen, die mir ans Herz gewachsen sind und die ich heute als einen Teil meiner Familie betrachte. Sie haben mir Kraft, Mut und Vertrauen gegeben, mich nicht mehr schuldig zu fühlen, nur, weil es mich gibt auf dieser Welt“, sagt Roxana. Sie ist eine der Frauen, die mit Hilfe der Mitarbeiterinnen des Frauenhauses den Weg aus der Misere gefunden haben. „Ich weine jetzt vor Freude, denn ich bin am Leben, aber gleichzeitig bin ich traurig, weil es einen derartigen Ort auf dieser Welt geben muss“, sagt sie weinend.

Ihre Tränen wischt sie jedoch schnell weg, denn sie weiß, dass sie stark sein muss. Sie hat ein Mädchen, dem sie beibringen möchte, die richtigen Entscheidungen im Leben zu treffen, ihre eigenen Fehler nicht zu wiederholen.

Mehr als 330 Frauen waren in den vergangenen zehn Jahren im Frauenhaus der Caritas Temeswar untergebracht und über 420 Kinder lebten zeitweilig in der Sozialeinrichtung. Anlässlich der zehnjährigen Jubiläumsfeier traten zwei der Frauen vor die Gäste und berichteten darüber, wie sie es geschafft haben, ein neues Leben zu beginnen. „Bevor ich das erste Mal hierher kam, vor fünf Jahren, hatte ich bereits einige Selbstmordversuche hinter mir. Ich fand hier Leute, die mir mit Herz und Seele beistanden. Ich wechselte meinen Arbeitsplatz und mein ganzes Leben veränderte sich, ich fand zu meiner Familie und zu meinen Freunden zurück“, sagt Tatiana mit zitternder Stimme. „Den Frauen, die sich heute in meiner damaligen Situation befinden, rate ich, keinen einzigen Schritt zurück zu machen, sondern ihren eigenen Weg gehen und nur nach vorne zu blicken“, fügt sie hinzu.

Die Einrichtung der Caritas wird seit einigen Jahren von der Psychologin Florica Carali geleitet. Gegründet wurde das Haus auf Initiative der Salvatorianerschwester Friederike, die die Situation der Frauen aus dem Nachtasyl für Obdachlose kannte. „Es kamen Frauen, die der häuslichen Gewalt zum Opfer gefallen waren, ins Nachtasyl – das war nicht der richtige Ort für sie“, sagt der Geschäftsführer der Caritas Temeswar, Herbert Grün. „In den letzten sechs-sieben Jahren ist das Frauenhaus bekannter geworden. Jährlich kommen zwischen 40 und 50 Frauen hierher“, fügt Herbert Grün hinzu. Eigentlich dürfen die Frauen nur bis zu drei Monaten im Frauenhaus bleiben. Sollten sie aber auch weiterhin Hilfe benötigen, können sie sogar bis zu einem Jahr hier leben. Das zweistöckige Haus ist mit Küche, Spielraum und sechs Zimmern mit Hochbetten ausgestattet. Eine komplett ausgestattete Küche steht den Frauen zur Verfügung. Eine warme Mahlzeit pro Tag liefert die Suppenküche der Caritas, für das Frühstück und Abendessen müssen die Frauen selbst sorgen. Das Haus wirkt freundlich und einladend, ein richtig gemütliches Zuhause. Es gibt einen großen Garten mit Schaukeln und Rutsche für die Kinder. Zwei Hunde und zwei Katzen sind die Haustiere, um die sich die Frauen und Kinder kümmern müssen.

Außer den fest angestellten Mitarbeiterinnen ist Sophie Kneißl aus München im Frauenhaus tätig. Die 18-Jährige macht in Temeswar ihr freiwilliges soziales Jahr und möchte später Gehörlosenlehrerin werden. „Natürlich ist das Frauenhaus schon ein trauriger Ort. Man nimmt die Verzweiflung der Frauen wahr, die am Küchentisch sitzen und weinen. Aber ich finde, dass man es mit der Zeit, wenn die Frauen schon länger da sind, nicht mehr so merkt. Sie sind dann fröhlicher und lachen“, erzählt Sophie Kneißl.

Aller Anfang ist schwer. Doch im Frauenhaus der Caritas Temeswar finden sich die Frauen relativ schnell zurecht. Um die Kinder kümmert sich vor allem Sophie, so dass den Frauen Zeit bleibt, ihrem Job nachzugehen oder sich zu überlegen, wie es denn für sie weitergeht. Eine gewisse Zurückhaltung, professionelle Hilfe zu verlangen, hätten Frauen in Rumänien immer noch, berichtet die Leiterin des Frauenhauses, Florica Carali. „Dass sie den Weg aus dem Elend gefunden haben, ist nicht nur uns, sondern den Frauen selbst zu verdanken, die daran geglaubt haben, dass sie es schaffen werden“, sagt die Psychologin.

Für den Aufenthalt im Frauenhaus müssen die Frauen nichts bezahlen. Sie bekommen eine warme Mahlzeit pro Tag und werden beraten, um die Scheidung einleiten zu können. Währenddessen können die Kinder die naheliegende Schule besuchen. Die Sozialeinrichtung finanziert sich heutzutage hauptsächlich über Spenden. Hauptförderer ist der Rumänienhilfe des Dekanates Grafenau e.V. aus Deutschland, deren Vertreter, Johann Feichtinger, bei der Jubiläumsfeier in Temeswar dabei war. „Wir unterstützen das Frauenhaus seit mehr als fünf Jahren mit einem monatlichen Betrag. Ich denke, dass das Frauenhaus sehr wichtig ist. In Deutschland ist es normal, dass es solche Einrichtungen gibt, in Rumänien anscheinend nicht so. Durch unseren Verein wollen wir auch Kindern helfen, und die Statistiken zeigen, dass die meisten Frauen mit ihren Kindern hierher kommen“, sagt Johann Feichtinger. 

Auch wenn sich viele Frauen in Rumänien immer noch schämen, an die Einrichtung zu appellieren, ist ihre Bedeutung unumstritten. Zwar muss die Adresse des Frauenhauses weitgehend geheim bleiben, dennoch finden Frauen in Not den Weg dorthin. Über die Hotline des Vereins zur Förderung von Frauen in Rumänien (APFR), die sogenannte blaue Rufnummer, erfahren die Frauen von der Existenz der Einrichtung. Für viele ist es die letzte Rettung nach einem langen Leidensweg.

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