„Kiebitze“

Mittwoch, 09. September 2015

Auch mir passiert´s: als Premierminister Victor Ponta vergangene Woche unseren rüpelhaften Ex-Präsidenten Traian Băsescu auf dessen Aufruf, die Grenzwacht zu verstärken und keine Flüchtlinge ins Land zu lassen sowie sich mit der „lügnerischen EU“ auf keinen Deal einzulassen, weil es „niemals“ bei dem auf zwei Jahre befristeten Asyl bleiben würde, wies ihn Ponta hart und gossenhaft zurecht. „Und als die Rumänen massenhaft den Westen überfluteten, dann war´s recht so?!“ Auch wir hätten eine Solidaritätspflicht gegenüber den Opfern von Krieg, Massenvernichtung und von Heimatverlust. Zugegeben: in jenem Augenblick war mir der Unsympathische sympathisch.

Obwohl ich, wie alle Europäer, ein „Kiebitz“ bin. Den Begriff hat Andrei Cornea eingeführt. Als Kinder durften wir den Erwachsenen beim sonntäglichen Karten- oder Rummy-Spiel zusehen, mit der Bedingung, „s`Maul“ zu halten. „Kiebitz, halt´s Maul!“ hieß es, also nix den anderen Spielern verraten von dem, was man beim Über-die-Schulter-Gucken sah. Andrei Cornea nennt alle Beobachter (dieser Begriff ist in diesem Kontext nicht nur positiv besetzt) „Kiebitze“ des Dramas der Flüchtlinge, die nach Deutschland wollen, das einzige EU-Land (unter den „Kiebitzen“), das sich offen für ihre Aufnahme zeigte.

„Kiebitze“ seien voller guter Absichten. Sie wissen immer besser, was wer wann besser getan hätte oder wer was wie ausgelöst hat, sie sind also Nervensägen. Nebenbei: es gibt unter den „Kiebitzen“ auch die Theorie, dass der gegenwärtige Weststrom der Flüchtlinge aus Asien insgeheim von den Amerikanern finanziert wird – „woher haben die das viele Geld, um die Schlepper zu bezahlen?“ – um Westeuropa in seinem Gegenentwurf zu Amerika zu untergraben... „Kiebitze“ wissen jederzeit, was wann wie von Europa gemacht werden muss, um das „Flüchtlingsproblem“ zu lösen. Wenn niemand auf den „Kiebitz“ hört, wird das Europa teuer bezahlen und das Flüchtlingselend wird nur noch größer.

Andrei Cornea erinnert auch an das Jahr 1938 und an Évian. Im Mineralwasser- und Kurstädtchen Frankreichs hatte F.D.Roosevelt, Amerikas Präsident, eine internationale Konferenz zusammengetrommelt, nachdem Hitler beschlossen hatte, die Juden aus Deutschland und dem eben „heimgeholten“ Österreich auszuweisen und in die internationale Runde fragte, wer sie aufnehmen wolle. 32 Staaten waren zur Konferenz erschienen (Rumänien fehlte...). Kaum ein Staat erklärte sich bereit, die zu „politischen Flüchtlingen“ erklärten Juden Deutschlands aufzunehmen – außer der Dominikanischen Republik. Großbritannien war sogar dagegen, dass diese Juden nach Palästina einwandern dürfen. Es wurden zwar – knapp bemessene – Einwanderungsquoten festgelegt, aber eine einvernehmliche Lösung für das „Judenproblem“ wurde nicht gefunden. Hitlers mögliche Schlussfolgerung: die sogenannte zivilisierte Welt ist am Schicksal der Juden nicht interessiert[1]. Mit allen bekannten Folgen. Deutschlands Rolle in der jetzigen Flüchtlingsfrage hat sich radikal gewandelt. Die „Kiebitze“ sind gleich geblieben.

 


[1] Chaim Weizmann, der spätere Präsident von Israel, schlussfolgerte: „Die Welt hat sich zweigeteilt – in Länder, wo die Juden nicht mehr leben können, und in Länder, wo die Juden nicht reinkönnen.“

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