Kindergarten geht auch anders

Innovative Ideen eröffnen neue Welten für den Kindergartenunterricht

Montag, 26. März 2018

Im Waldkindergarten lernen die Kleinen eine gesunde Beziehung zur Natur.

Eine gegenseitige Bereicherung: Leih-Opa und Leih-Enkel im kombinierten Altersheim mit Kindergarten

Neues Erfolgsrezept in Japan: Freiheit und viel Platz zum Toben

Umgang mit kultureller und religiöser Vielfalt lernt man am besten so früh wie möglich. Fotos: Pixabay Commons

Mit dem Beginn des Kindergartenbesuches endet für die allermeisten Eltern und Großeltern eine Ära. „Unser Kind ist groß!“ heißt es dann, und bei den allermeisten kullert eine Träne über die Wange, spätestens nachdem man den Kleinen oder die Kleine dort abgegeben hat. Man steht da und weiß für einige Sekunden nicht so recht, wohin. Ein kleiner Vorgeschmack auf das Empty-Nest-Syndrom, das einige Jahre später auf einen lauert. Bis dahin dauert es aber noch eine Weile und ebenfalls bis dahin gilt es, den kleinen Rackern im Kindergarten wertvolle Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, den Grundstein für die anschließende schulische Laufbahn zu legen und ihnen zu helfen, sich zu gesunden, neugierigen und nach Möglichkeit leistungsstarken Kindern und Jugendlichen zu entwickeln. Diesbezüglich gibt es von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent, teilweise riesige Unterschiede in der Herangehensweise an diesen meist kritischen und für die Zukunft prägenden Einstieg in das schulische Leben.

Den allermeisten sind die herkömmlichen, staatlich finanzierten und betriebenen Regelkindergärten, aber auch die Privatkindergärten bekannt, die allerorts das staatliche Angebot ergänzen, manchmal besser, manchmal leider auch schlechter. Der Vorteil letzterer: Zumindest üben sie eine relative Kontrolle über die Anzahl der verfügbaren Plätze aus, was zu einer Entlastung der Erzieher beiträgt und eine positive Wirkung auf die Lernkurve und den sozialen Austausch der Kinder ermöglicht.

Jung und Alt unter einem Dach

Wie in fast jedem Bereich ist es aber auch hier einigen eingefallen, dass Kindergartenerziehung vielleicht nicht nur besser, sondern vor allem auch ANDERS gehen kann. So beispielsweise in Moers-Meerbeck in Nordrhein-Westfalen, wo ein Kindergarten und ein Seniorenheim unter ein und demselben Dach untergebracht sind. Hier verbringen 120 Kinder und rund 40 Senioren ihren Alltag in einem halbrunden Neubau gemeinsam, sodass sich vom Plätzchen Backen, von Bastel- und Märchenstunden bis zum Kegelnachmittag vieles zusammen unternehmen lässt. Die Anlage besteht aus zwei aneinander gebauten Strukturen, jede mit eigenem Zweck, die im Innenbereich durch eine Verbindungstür kommunizieren, sodass der Kontakt mühelos vonstatten gehen kann. Im Alltag lernen die Kinder dabei nicht nur, was der Lehrplan hergibt, sondern auch das eine oder andere von den Leih-Großeltern. Darunter, unvermeidlich, dass alte Menschen öfters krank werden und irgendwann auch sterben. Damit geht die Kindergartenleitung offen um und vertuscht bewusst nichts, sondern stellt sich den Fragen der Kinder und gibt die notwendigen Erklärungen.

Natur als Erlebnisraum

Eine weitere Möglichkeit, den Kindergartenunterricht alternativ zu gestalten, ist unter anderem in Berlin anzutreffen. Auf dem Gelände des Abenteuerzentrums Grunewald wird dort ein Waldkindergarten betrieben. In einer kleinen, altersmäßig gemischten Gruppe für Kinder ab zweieinhalb Jahren erleben diese Natur aus nächster Nähe und haben Kontakt zu den Kindergarteneigenen Tieren sowie jenen, die im Wald anzutreffen sind. In einem mit Ofen ausgestatteten Bauwagen sind Schlafsofas aufgestellt, Toiletten und Waschmöglichkeiten eingerichtet. Hier wird auch das notwendige Lehr-, Spiel- und Bastelmaterial aufbewahrt. Ein Unterstand mit Tischen und Bänken im Freien dient den gemeinsamen Mahlzeiten und anderen Aktivitäten. Im anliegenden Jugendgästehaus stehen dem Kindergarten weitere Räumlichkeiten und sanitäre Einrichtungen zur Verfügung, auf welche in der kalten Jahreszeit zurückgegriffen werden kann. Montags bis freitags treffen sich die Kinder dort in den Morgenstunden und frühstücken, danach geht es in den Wald. Dort werden bestimmte Plätze aufgesucht, wo sie frei spielen können oder Beschäftigungen unter Anleitung nachgehen, wie Lieder singen, Klanggeschichten hören, Kreisspiele spielen oder tanzen, und bei deren Gestaltung sie mitmachen dürfen. Mittags essen die Kinder eine warme Mahlzeit, wonach sie entspannen oder sich dem Nachmittags-Spiel widmen können. Die Abholung durch die Eltern erfolgt anschließend zwischen 14 und 15 Uhr. Was der Kindergartenleitung zufolge diese Art von Unterricht besonders wertvoll macht, ist die Tatsache, dass die Kinder in selbsttätiger Auseinandersetzung ihre eigenen Fähigkeiten in und mit der Natur kennenlernen. Das spielerische Entdecken von Pflanzen und Tieren bietet dabei die Grundlage für ein sinnliches Erfahren der Umwelt. In diesem Sinne kommen die Erlebnisräume im Wald vor allem dem kindlichen Aktivitäts- und Erfahrungsdrang ent-gegen, und das wird bestimmt jeder bestätigen können, der mehrere Stunden mit auch nur einem hyperaktiven Kind in einem Umfeld verbracht hat, das diesem Bewegungsdrang nicht genügt.

Studien zufolge sollen Kinder aus Waldkindergärten jenen aus Regelkindergärten in den ersten Schuljahren an allgemeiner Reife voraus sein. Die Erfahrungen des Waldkindergartens prägen das Kind für sein ganzes Leben und fördern die Herausbildung einer festen und stabilen Persönlichkeit, bereichert durch die Fülle an Erlebnissen und Erfahrungen im Wald.

Experimentieren und sozialer Austausch

Am anderen Ende der Welt bietet Japan ein außergewöhnliches Modell in seiner knapp zehn Millionen Bewohner zählenden Hauptstadt: In Tokio wurde unlängst das Projekt der Architektenmannschaften Tezuka Architects und Masahiro Ikeda Co. unter der kreativen Leitung von Kashiwa Sato in Form eines ovalen, ausschließlich aus offenen, miteinander kommunizierenden Räumen gebildeten Kindergartens umgesetzt. Auf den über 1300 Quadratmetern des Kindergartens lernen, spielen, essen und schlafen 500 Kinder und leben wie in einem kleinen Dorf. Die einzelnen Gruppenräume sind lediglich mit Möbeln aus weichem Kiri-Holz abgegrenzt. Drei 25 Meter hohe Zelkoven – winterharte, dekorative Parkbäume - sind in den Bau integriert und das ovale, mit Geländern und Netzen abgesicherte Dach bietet eine großzügige Fläche für ausgelassenes Laufen und Toben. Hier wird, vielleicht weil gerade in Japan Technik allgegenwärtig ist, besonders auf das Mitei-nander, den sozialen Austausch und das Experimentieren großen Wert gelegt. Zudem sind in allen Gruppenräumen Trinkbrunnen aufgestellt, welche die Kommunikation anregen sollen. Als Spiel- und Spaßfaktor sind in den meisten Böden und Decken Luken eingebaut.

Veggie-Ernährung und Erziehung zur Interkulturalität

Was die Zukunft bringt? In diesem Bereich sind die Möglichkeiten noch bei Weitem nicht ausgeschöpft. Fakt ist aber, dass im August in Frankfurt der vegane Kindergarten MOKITA seine Tore öffnet. Das Projekt entstand aus dem Gedanken heraus, einen Kindergarten zu schaffen, in dem frisches veganes Essen angeboten wird und der allen Kindern offen steht. Die Grundlagen für das Konzept bilden die innovativen Ansätze der Reggio-Pädagogik, die Inklusion und eine interreligiöse und interkulturelle Herangehensweise fördert, und wo die Implikation der Eltern nicht nur geduldet wird, sondern explizit erwünscht ist. Träger des Kindergartens ist die Elterninitiative Veggie-Kids e.V., Informationen zum Konzept und dem Kindergarten sind unter der Adresse www.mokitakinderladen.de erhältlich.

Das Motto des Kindergartens, das den Erziehern als Leitfaden in ihrem beruflichen Alltag dienen soll, ist ein Zitat des Begründers der Reggio-Pädagogik, Loris Malaguzzi: „Ein Kind ist aus hundert gemacht. Ein Kind hat hundert Sprachen, hundert Hände, hundert Gedanken, hundert Weisen zu denken, zu spielen, zu sprechen.“

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