Kindern kreative Freiräume bieten: Kinderspielstadt und Kinderuni Bekokten

ADZ-Gespräch mit Dr. Renate Klein und ifa-Kulturmanagerin Cornelia Hemmann

Mittwoch, 31. Mai 2017

Mit Herz und Hand dabei: Renate Klein, Leiterin der Kinderuni Bekokten, führt bei Zirkusfreizeiten Akrobatikübungen vor.

Cornelia Hemmann, ifa-Kulturmanagerin beim Jugendzentrum Seligstadt, setzt sich für die Kinderuni Bekokten ein, wie hier beim Waldprogramm letzten Winter.
Fotos: Jugendzentrum Seligstadt

Die Kinderuni in Bekokten/Bărcuţ bietet seit einigen Jahren immer mehr Programme und Freizeiten für Kinder und Jugendliche an. Mittlerweile gibt es durchgängig Schulangebote und auch Veranstaltungen zur Berufsorientierung. Was ursprünglich für Kinder und Jugendliche der Region gedacht war und zugleich eine sinnvolle Nutzung der leer stehenden Schulen und Kirchenburgen in Bekokten und Seligstadt/Seliştat bieten sollte, ist zu einem über die Landesgrenzen hinaus bekannten Freizeit- und Erziehungsangebot herangewachsen. Über die Entstehungsgeschichte, die Entwicklung des Konzepts und die aktuellen Herausforderungen der Einrichtung unterhielten sich die Theologin Dr. Renate Klein, Leiterin der Kinderuni Bekokten, und Cornelia Hemmann, ifa-Kulturmanagerin am Jugendzentrum Seligstadt, mit ADZ-Redakteurin Eveline Cioflec.

Frau Klein, Sie sind Leiterin der Kinderuni Bekokten. Wie hat das Ganze angefangen?

Die Kinderuni ist eine Idee. Etwa 2010 hatte ich diese Idee, einen Ort/Raum zu finden, wo wir mit Kindern ihren Fragen nachgehen können, die in der Schule nicht bearbeitet werden, Fragen, die mit Experimenten, mit der Praxis zu tun haben, mit dem „Be-greifen“. Gemeinsam mit meinem Mann, Johannes Klein, haben wir uns nach Geldern umgeschaut, um die Idee in die Praxis umzusetzen. Weil sich zunächst nichts ergab, legten wir das Projekt beiseite. Dann kam aber die nächste Idee, nämlich die einer „Kinderspielstadt“, die uns Eugen Christ von der Donau-Schwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg nahelegte. In diesem Projekt gründen die Kinder eine Stadt, nehmen an Berufsworkshops teil, wo sie lernen, in den jeweiligen Berufen von A bis Z alles zu machen, von Produktion bis Steuerabrechnung. Sie wählen sich, als Stadtgemeinde, auch einen Bürgermeister, mit Wahlkampagne und Bestechung und allem, was dazugehört und vieles mehr. Mir schien, Kinderspielstadt könnte der erste Schritt zur Kinderuni sein, letztlich ist Kinderspielstadt auch etwas, wo Kinder Diverses ausprobieren, Zusammenhänge erkennen, begreifen können, wie gesellschaftliches Miteinander funktioniert. So haben wir in Bekokten die alte Schule und Teile der Kirchenburg ausgebaut und ab 2012 die Kinderspielstadt angeboten. Inzwischen gibt es jährlich drei Serien, zwei auf Deutsch und eine auf Rumänisch, für jeweils eine Woche. Seit etwa zwei Jahren bieten wir aber nun tatsächlich auch Programme als Kinderuni an.

Wie kamen Sie auf die Bezeichnung „Uni“?

Klein: Zunächst hieß das in unserer Vorstellung „Kinderakademie“. Weil der Name in Rumänien aber schon belegt war, haben wir „Kinderuni“ gewählt. An der Universität wird Wissenschaft betrieben und genau das möchten wir mit den Kindern „praktizieren“: Wissenschaft betreiben, Wissen durch Experimentieren aneignen. Wir geben Impulse, erzählen oder zeigen den Kindern das eine und andere, lehren sie etwas. Aber letztlich dürfen sie selber die Schlüsse ziehen. Bei der ersten Kinderuni-Freizeit gab es zum Beispiel vereinfachte Experimente im Bereich der Physik und Chemie, bei der Kinder möglichst selber entdecken durften, warum ein gewisser Effekt entsteht.

Wer sind die Mitarbeiter? Wer betreut die Kinder und Jugendlichen?

Klein: In Fogarasch/Făgăraş haben wir einen Mitarbeiterstab: Leute, die bei der Kirche mitarbeiten, und viele ehrenamtlich Tätige, wie ich selbst auch, die bei der Kinderuni dann mitwirken. Wir haben im Prinzip allesamt keine pädagogische Ausbildung, befassen uns aber alle schon länger mit Kinder- und Jugendarbeit. Wir funktionieren nach dem Motto „Learning by doing“ (Lernen durch Handeln). Ab und zu nehmen wir an Fortbildungen, die für die Kinderuni bereichernd sein können, teil. Seit einem Jahr gehört auch Cornelia Hemmann, vermittelt durch das Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart, zu unserem Mitarbeiterteam.

Hemmann: Ich selbst bin Kulturwissenschaftlerin. Es gibt allerdings auch Betreuer und Mitarbeiter, die Lehrkräfte sind, denen aber unser Konzept des nichtautoritären Unterrichtens entspricht. Viele unserer Mitarbeiter laden wir aufgrund bestimmter Kompetenzen ein. Bei der Kinderuni-Freizeit im vergangenen Jahr haben wir für das Thema „Kommunikation mit allen Sinnen“ zwei Damen gewinnen können, die die Kinder in die Blindenschrift und Taubstummensprache eingeführt haben. Wir schauen uns um und laden dann auch entsprechend Leute ein mitzuwirken.

Wie kann die Kinderuni pädagogisch eingeordnet werden?

Klein: Unsere Kinderuni ist ein Patchwork, eine Zusammenstellung mehrerer Konzepte. Es geht aber hauptsächlich darum, die Kinder freizulassen. Was wir den Kindern bieten, ist ein geschützter Rahmen, in dem sie weitgehend ausprobieren können, was sie wollen. Sicher brauchen sie eine Orientierung, Hinweise oder Anleitungen. Wenn wir in diesem Jahr bei der Kinderuni gemeinsam einen Zeichentrickfilm machen wollen, dann ist das auch eine angeleitete Arbeit, mit klaren Vorgaben und Grenzen. Aber innerhalb dieser Grenzen gibt es die Möglichkeit, vieles auszuprobieren.
Hemmann: Es sind genau diese Freiräume, die wichtig sind. Gerade bei den Freizeiten wird dem einzelnen Kind nicht gesagt „Das ist jetzt deine Aufgabe“. Die Kinder können sich zum Beispiel für die Ausarbeitung eines Zeichentrickfilms selbst überlegen, ob sie eher mit Knetfiguren oder doch mit Playmobil oder eben ganz was anderem arbeiten wollen.

Ist die Kinderuni eine eingetragene Institution?

Hemmann: Nein. Rein rechtlich gesehen gibt es zwei Träger, die Evangelische Kirchengemeinde, der die Gebäude gehören, und das schon länger, seit etwa zwanzig Jahren bestehende Jugendzentrum Seligstadt, als Trägerin der Freizeiten, sodass etwa die Einschreibungen zu den Freizeiten über das Jugendzentrum ablaufen.
Klein: Die Kinderuni ist eine wachsende Idee, die in Form unterschiedlicher Programmangebote verwirklicht wird, an den Orten, in den Gebäuden, die wir von Fogarasch aus verwalten. Die Gemeinden Bekokten und Seligstadt gehören zur Kirchengemeinde Fogarasch und die Gebäude, die wir dort betreuen, die ehemaligen Pfarrhäuser, die ehemaligen deutschen Schulen, die Kultursäle, nutzen wir für diese Aktivitäten.

Die Freizeiten sind nicht kostenfrei. Gibt es bei Bedarf auch Preiserlass?

Klein: Wir haben viele Rückmeldungen von Eltern, die die Freizeiten für sehr günstig halten. Der Teilnahmebeitrag ist hauptsächlich für Übernachtung und Verpflegung, wir versuchen aber, die Preise erschwinglich zu halten und einen Teil der Ausgaben aus anderen Mitteln zu decken. Allerdings gibt es auch Eltern, die ihre Kinder gerne einschreiben würden, für die Kosten aber nicht aufkommen können. Auf Anfrage gewähren wir für Angehörige der deutschen Minderheit bei Bedarf Reduzierungen.
Hemmann: Für einige unserer Programme erheben wir grundsätzlich keine Gebühren, so etwa für das letzten Herbst angefangene Programm zur Berufsorientierung. Kindern und Jugendlichen aus dem umliegenden ländlichen Raum werden Einblicke in unterschiedliche Berufsbilder wie Schneidern, Bäckerei, Restauration, Tischlerei geboten, um ihre späteren Berufschancen zu bessern.

Werden alle Kinder und Jugendlichen aufgenommen, die sich bewerben?

Hemmann: Das hängt von den Plätzen ab. Wir wollen ja auch eine gute Lernatmosphäre schaffen. Zum Beispiel sind bei der Elektronikfreizeit die Plätze auf 15 begrenzt, wegen der benötigten Geräte. Dann haben wir aber auch Programmangebote, bei denen viel mehr Kinder dabeisein können und sogar sollten, wie etwa bei der Kinderspielstadt, die erst dann richtig funktioniert, wenn über 100 Kinder teilnehmen.

Werden die Programme hauptsächlich auf Deutsch angeboten?

Hemmann: Viele Programme, gerade die, die ausdrücklich von Förderungen für die deutsche Minderheit unterstützt werden, sind auf Deutsch und es ist uns auch ein Anliegen, die deutsche Sprache weiterhin zu fördern. Aber genauso gibt es auch Programme, die, wie die Berufsorientierung, auf Rumänisch angeboten werden, um rumänischsprachige Kinder und Jugendliche aus der Umgebung zu erreichen.
An gewissen Programmen beteiligen sich auch Kinder aus dem Ausland. Kommen auch Kinder aus Deutschland?
Hemmann: Die Kinderspielstadt sowie unsere Veranstaltungen Circus Danubii und Mediencamp sind hauptsächlich für die Donauanrainerstaaten wie Ungarn, Serbien, Kroatien. Wir kooperieren mit Institutionen für die deutsche Minderheit, die uns Teilnehmer vermitteln. Der-zeit haben wir auch drei Interessenten aus Deutschland für die Kinderspielstadt, wo auch Mitarbeiter aus Hamburg dabei sind. Zum Mediencamp kommen Studierende aus Ludwigsburg. In Zukunft ist es aber auch eines unserer Anliegen, gezielt Kindergruppen aus Deutschland einzubinden.

Gibt es auch Programme, bei denen Eltern mit einbezogen werden?

Hemmann: Ansätze, Eltern einzubeziehen, gibt es schon. Wir hatten am 1. Mai einen Familienwettbewerb in Seligstadt, da hat man gemerkt, dass es den Familien und gerade den Eltern gut tut, qualitative Zeit mit den Kindern zu verbringen, in die Perspektive der Kinder zurückversetzt zu werden und sich mit den Kindern in unterschiedlichen Bereichen gegenseitig aushelfen zu müssen.

Was ist das Besondere an der Kinderuni Bekokten im Vergleich zu anderen Kinderunis in Europa?

Klein: Wir sind an keine Universität angebunden, wie das meistens der Fall ist. Es funktioniert bei uns sehr vieles ehrenamtlich, was uns eine gewisse Flexibilität erlaubt. Vor allem aber machen der Ort und die hiesigen Gegebenheiten die Kinderuni zu etwas anderem.
Hemmann: Vorteilhaft ist, dass es in Seligstadt und Bekokten nicht so viel äußere Ablenkung gibt. Auch haben die Kinder viel Bewegungsmöglichkeit, ohne dass ihre Sicherheit gefährdet wäre. Zudem zeichnet uns aus, dass wir uns auf keine bestimmte pädagogische Schule oder Richtung festlegen. Wir sind für neue Ansätze und Projekte offen. Diese werden ausprobiert und wenn sie dann nicht klappen, lernen wir daraus. Wir sind in gewissem Sinne selbst wie die Kinder: Wir erlauben uns, auch Fehler zu machen, uns diese dann einzugestehen und Schlüsse daraus zu ziehen.

Welches sind Ihre Anliegen bezüglich der Kinderuni in nächster Zukunft?

Hemmann: Ein Anliegen wäre uns die engere Zusammenarbeit mit Schulen. Wir arbeiten zwar schon mit der Schule in Bekokten, möchten aber gerne nicht als Alternative, sondern als eine Ergänzung aufgefasst werden. Unser Wunsch ist, häufiger ins Schulsystem integriert zu werden, als praktische Ergänzung zur Theorie. Es gibt allerdings noch sehr viele administrative Schranken, auch wenn mehrere Lehrer und Lehrerinnen eine Zusammenarbeit unterstützen würden.
Klein: Dieser Wunsch, mit den Schulen enger zu kooperieren, ist für uns derzeit die größte Herausforderung. Wir würden die Kinder gerne aus der Schule herausholen, aber Fakt ist, dass das aus bürokratischer Sicht schwierig ist. Auf der anderen Seite wäre es vielleicht auch gut, wenn wir selbst in die Schulen gehen, mit unseren Experimenten, was wir bislang auch noch nicht oft angegangen haben. Da müssten die Lehrer sich auch darauf einlassen, wobei viele der Lehrer schwer die Zeit dafür einräumen können.

Frau Klein, Sie sind nicht nur Leiterin der Kinderuni Bekokten, sondern auch Lektorin an der Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt/Sibiu und Leiterin des Studiengangs für Evangelische Theologie. Wie lässt sich das vereinbaren?

Klein: Nicht. (lacht) Es lässt sich wirklich nicht vereinbaren…

Frau Klein, Frau Hemmann, herzlichen Dank für das Gespräch!

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