Kinos: kommerziell statt kulturell

Gottlob als Beispiel für Großstadt

Mittwoch, 30. Juli 2014

Das einzige Temeswarer Kino-Gebäude, dass noch kulturell genutzt wird: im „Capitol“ hat die Stadtphilharmonie ihren Sitz. Foto: Zoltán Pázmány

Zu 75 Prozent sind die Sanierungsarbeiten am Kino-Gebäude in Gottlob schon fertig. Foto: privat

Es gibt in Temeswar keinen staatlich eingerichteten, permanenten Ort, an dem man sich europäische, lokale oder Independent-Filme anschauen kann. Von den etwa ein Dutzend Kinos, die die Stadt bis 1990 hatte, ist nur noch eines, das Cinema Timis, funktionell. Technisch ist es jedoch mangelhaft ausgestattet und längst nicht auf dem neuesten Stand. Deshalb kein Wunder: Filme werden nur selten projiziert und Publikum hat es kaum. Die Direktion für Filmvertrieb und -verleih, RADEF, ist die Institution, in deren Verwaltung sich die Gebäude der alten Temeswarer Kinos immer noch befinden, obwohl diese längst schon – gemäß eines Dezentralisierungs-Gesetzes von 2008 – an die Städte übertragen sein müssten. Allein das Capitol-Kino ging an die Kommunalbehörden und wird derzeit von der Temeswarer Philharmonie genutzt. Wesentlichen Anteil daran hatte damals der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Gan], der sich beim Kulturministerium für diese Angelegenheit eingesetzt hatte. Dass dieses Gesetz in der Zwischenzeit schon einmal aufgegeben und dann wieder angewandt wurde, führte zu einem „legislativen Nebel“, so wie es Lucian Mircu, Gründer des Vereins „Marele Ecran“ nennt. Manche Gebäude wurden vermietet und funktionieren jetzt als Clubs oder Arztpraxen, andere wurden einfach geschlossen und verfallen von einem Tag auf den anderen. „Wir kommen bald zurück“, steht als einzige Meldung auf der Webseite der RADEF. Wann sie aber „zurückkommen“ werden, um regelgerecht die Kinos an die Städte zu überweisen, weiß man jedoch nicht.

 

Kino mit EU-Gelder saniert

Eine Ausnahme, die die Filmbegeisterten vor kurzem beim Film-Festival „Ceau, Cinema!“ kennenlernen konnten, ist die Gemeinde Gottlob, 50 Kilometer von Temeswar entfernt, dort, wo die Lokalbehörden es geschafft haben, Finanzierungen für die Sanierung ihres alten Kinos zu sichern. 2008, als das Gebäude in die Verwaltung der Gemeinde überging, hat der Bürgermeister der Ortschaft, Gheorghe Nastor, entschieden, es nach wie vor als Kino zu behalten: „Ich habe darauf bestanden, dass es als Kino weiter läuft. Ich hätte es auch so lassen können, wie es war, oder sein Nutzungszweck ändern, aber unsere Gemeinde braucht eine Kultureinrichtung. So etwas ist besonders für die Schüler nützlich“. Das Gebäude war aber in schlechtem Zustand und brauchte eine regelrechte Sanierung, um wieder betriebsfähig zu sein. Die Behörden haben deswegen, über ein grenzüberschreitendes HU-RO-Projekt, das zusammen mit der Gemeinde Ujszetivan aus Ungarn abgewickelt wurde, EU-Gelder beantragt und 107.000 Euro erhalten. Zu 75 Prozent sind die Sanierungsarbeiten am Gebäude des alten Kinos schon fertig. Der Bürgermeister bemüht sich jetzt um die Abrechnung des Geldes, das vom Haushalt der Kommune vorgestreckt wurde: „Alles hängt davon ab, wann wir das Geld zurückbekommen“. In der Zwischenzeit arbeiten die Lokalbehörden an einem neuen Projekt, zusammen mit der Lokalen-Aktions-Gruppe („Grupul de Actiune Locala“), um weitere 100.000 Euro für das Einrichten des Kinos zu erhalten: Audiosystem, Bestuhlung, Leinwand, Videoprojektor, alles soll erneuert werden. Wegwerfen will man jedoch die beiden alten Projektionsgeräte nicht – eines davon wird als Exponat behalten und das andere aufgebessert, um von Zeit zu Zeit wieder alte Streifen und Zeichentrickfilme auf der Leinwand zu projizieren. Der Sommergarten des Kinos, als Freizeitort gedacht, wird ebenfalls neu gestaltet. „Das Kino soll nicht nur für Filmvorführungen genutzt werden, sondern auch als kultureller Treffpunkt für Jugendliche“, so Bürgermeister Nastor – Kurse und andere Kultur-Ereignisse sind dort ebenfalls geplant. Wer für das Filmprogramm und die Beschaffung der Filme verantwortlich sein wird, weiß er noch nicht, aber mit seiner Aktion, das alte Kino zu eröffnen, hat er sich schon auf jeden Fall Freunde unter den Filmliebhabern gemacht. Die Temeswarer Filmvereine „Marele Ecran“ und „Pelicula Culturala“, auf deren Initiative die letzte Filmvorführung des Festivals „Ceau, Cinema!“ in Gottlob stattfand, wollen das Unterfangen unterstützen.

 

Kulturhauptstadt ohne Filmzentrum

„Wir glauben an Film als Kunst. Wir glauben, wir müssen wählen können, was wir sehen möchten, und das können wir derzeit nicht“, heißt es u.a. im „CineManifest“ des Vereins „Marele Ecran“, der sich zusammen mit anderen Temeswarer Filmvereinen für eine Alternative zum kommerziellen Cinema City im Einkaufszentrum Iulius Mall einsetzt. „Wir möchten durch unsere Aktionen eine kritisches Zielpublikum gewinnen, um so die Behörden dazu zu bringen, unsere Forderung zu erfüllen“, so Lucian Mircu. Es soll ein Ort sein, an dem man sich europäische und lokale Filme anschauen kann, an dem Filmkurse stattfinden und sich die Filmfans mit den Cineasten treffen können. „Ich finde es traurig, dass eine Stadt wie Temeswar, mit mehr als 300.000 Einwohnern, die Kulturhauptstadt werden will, kein Arthouse-Kino hat“, sagt Lucian Mircu und erwähnt dabei Karlsruhe, Partnerstadt von Temeswar, mit ungefähr gleicher Einwohnerzahl, die nicht nur über ein, sondern sogar über sechs Filmkunstkinos verfügt.

Im Oktober 2013 haben die Filmvereine „Marele Ecran“, „Pelicula Culturala“ und „Camera 4“ ein Schreiben an das Bürgermeisteramt gerichtet, wobei Lösungen und Vorschläge für das zukünftige Arthouse-Kino festgehalten wurden. Die Antwort der Behörden ergab, dass es damals an Geld für die Sanierung eines der alten Gebäude mangelte. Außerdem schafften sie es ohnehin nicht, mit RADEF Kontakt aufzunehmen, denn diese Einrichtung hatte zu der Zeit keinen Aufsichtsrat und deshalb gab es keinen Ansprechpartner. Die anfangs erwähnten „Nebel“ schweben also weiterhin über den alten Temeswarer Kinos – daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Behörden deklarativ hinter der Initiative stehen.

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