Kirche verkauft Stadtbibliothek

Karansebescher Stadtrat beschließt, Erstkaufrecht geltend zu machen

Samstag, 03. August 2013

Erst mal haben die Popen versucht, das Geschäft an der Stadt vorbei abzuwickeln. Die Vertreter des orthodoxen Bischofsamts Karansebesch/Caransebeş haben die Verhandlungen mit der am Kauf des Gebäudes interessierten Unternehmerin stillschweigend geführt. Dann, als sich der Gedanke durchsetzte, dass man eines der repräsentativen und geschichtsträchtigen Gebäude der Stadt, das die städtische Bibliothek „Mihail Halici“ beherbergt, doch nicht einfach hinter dem Rücken der Stadtväter verschachern kann, rief Bischof Lucian den Vizebürgermeister Cornel Galescu an.

Die Stadtverwaltung war erst mal baff, als sie über die Absichten der Schwarzröcke informiert wurde, zumal es ein Vorkaufsrecht der Stadt gibt und zumal sich die Stadt – wie auch der Kreisrat Karasch-Severin und der rumänische Staat – der orthodoxen Diözese Karansebesch gegenüber in den vergangenen Jahrzehnten als äußerst kulant erwiesen und viel Steuergeld  – und oftmals ein mächtiges Augenzudrücken – hierher gelenkt hat, etwa in den Bau der Kathedrale im Stadtzentrum, die nahezu ausschließlich mit dem Geld der Steuerzahler errichtet wurde.

Schuldentilgung durch Immobilienverkauf

Es kam also seitens der Diözesanverwaltung letztlich doch noch die Anfrage, ob die Stadt am Kauf des Gebäudes ein Interesse habe. Das Vorkaufsrecht wurde nicht erwähnt. Bischof Lucian Mic erklärte Vizebürgermeister Galescu die Notwendigkeit des Verkaufs mit dem Zwang, dem die Diözese unterliege, ihre Schulden beim Fiskus zu verringern. In Karansebesch weiß man – und die Kommentare im Internet sagen es lauthals – dass die Diözese die Gehälter ihrer Popen zwar mit einiger Regelmäßigkeit ausgezahlt, aber die ebenfalls vom Staat überwiesenen Lohnkosten – Lohnsteuer, Kranken- und Rentenversicherung usw. – nicht an die entsprechenden Institutionen weiterüberwiesen hat, wodurch sich ein Schuldenberg auftürmte. Vize Galescu vermeldete, dass Bischof Lucian ihm kulant versichert habe, dass „vier Jahre lang die Immobilie weiterhin von der Bibliothek genutzt werden darf“. Galescu im Weiteren: „Meiner Meinung nach müsste dieses geschichtsbeladene Gebäude der Stadt Karansebesch gehören.“

In der Folge stand auf der Tagesordnung der ersten Stadtratstagung nach dem Anruf von Bischof Mic die Frage der Kaufoption auf die Immobilie, welche der Diözese gehört und die Stadtbibliothek beherbergt. Da Bürgermeister Ion Marcel Vela, der sich ansonsten mit Souveränität solcher wählerfesselnder Fragen annimmt, im Urlaub ist, oblag es wieder dem als Bergsteiger und Extremsportler berühmt gewordenen Galescu, die Beschlussvorlage über die Nutzung des Vorkaufsrechts durch die Stadt zu begründen. Was er gut machte. Die zur Tagung eingeladenen autorisierten Vertreter des Bischofsamts hatten allerdings der Einladung nicht Folge geleistet.

Rechnungen der Ratsherren

In erster Linie erwiesen sich die Ratsherrn der Stadt durch die Bank als extrem besorgt über die Perspektive, dass die Unternehmerin Călina Cerna – die in Karansebesch bereits mehrere Immobilien aus der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert angekauft und hervorragend renoviert und in Hotels und Restaurants umfunktioniert hat – auch dieses Gebäude kaufen und mittelfristig in ein Restaurant umwandeln möchte. Dadurch würde die Stadt eine sehr wichtige Immobilie verlieren, hieß es. Richtig wütend sprachen einige Ratsherrn vom „Versuch des Bischofsamts, die Stadt zu hintergehen“ oder zumindest „zu umgehen“: „Wir, die Stadt, müssen das Recht haben, diese Immobilie zu kaufen. Ich schlage vor“, sagte der PSD-Ratsherr Valentin Dascălu, „dass wir den Vorschlag des Bischofs aufgreifen und die Immobilie die nächsten vier Jahre als Stadtbibliothek benutzen, aber ohne dass wir in den kommenden vier Jahren dem Bischofsamt auch nur einen Leu weiter zuschießen! Die haben in den vergangenen Jahren so viel Geld seitens des Stadtrats überwiesen bekommen und haben nun zum Dank versucht, uns auszuhebeln und die Stadt ohne Bibliothek dastehen zu lassen – das geht über die Hutschnur! Wir waren viel zu gütig gegenüber der Diözesanverwaltung und haben denen Geld in den Schoß geworfen, wann und wieviel immer sie verlangt haben.“

Dascălu erinnerte die Ratsherren an die Geldzuschüsse, welche die Stadt allein in der Zeitspanne 2008 bis 2012 ans Bischofsamt überwiesen hatte: 1,07 Millionen Lei für den Kathedralenbau, 25.000 Lei für die Kirche in Jupa, 10.000 Lei für die Kirche im Innenhof des Krankenhauses, 98.000 Lei für die Pfarre Pipirig, 50.000 Lei fürs Kloster im Stadtteil Teiuş, außerdem ein 8100 Quadratmeter großes Grundstück für die Kirche in der Valea Cenchii, 1200 Quadratmeter für die Kirche in Bahnhofsnähe und 2500 Quadratmeter für den neuen Friedhof in Neukaransebesch. Insgesamt handele es sich, über den Daumen gepeilt, um rund 500.000 Euro, welche die Stadt Karansebesch allein in der vergangenen Legislaturperiode dem Bischofsamt über den Tisch geschoben hat. Ein Blogger beschrieb die Situation so: „Mit anderen Worten: Der Bischof wird den Bürgermeister Vela fragen: `Willst du wiedergewählt werden? Brauchst du uns dazu? Dann misch dich mal gefälligst nicht in unsere Spielchen ein, weder du noch einer deiner Ratsherren! Spende weiter großzügig Gelder der Stadt, wie wir dir dies vorschreiben! Dann helfen wir dir, wiedergewählt zu werden! Amen.`“ Fast im Wortsinn stimmt das mit einem Fragment einer Predigt überein, die ein ehemaliger Bischof der Diözese Karansebesch Ende der 1990er Jahre in der Sankt-Georgs-Kathedrale von Karansebesch in Anwesenheit eines inzwischen verstorbenen Karansebescher Bürgermeisters hielt. Der damalige Bischof ist heute Metropolit.

Kreisrat verzichtet auf Vorkaufsrechte

Die Karansebescher Ratsherren stimmten, auch angesichts der Tatsache, dass der Kreisrat Karasch-Severin „aus Geldmangel“ auf sein Vorkaufsrecht verzichtet hat, für die Inanspruchnahme des Vorkaufsrechts der Stadt beim Kauf der Immobilie, in welcher die Stadtbibliothek funktioniert. Der Kreisrat diskutierte auf seiner jüngsten Tagung ziemlich ausführlich über die Möglichkeit der Nutzung seines Vorkaufsrechts auf historische und denkmalgeschützte Immobilien. Kreisratsvize Ioniesie Ghiorghioni, der die Tagung leitete, betonte allerdings immer wieder die Tatsache, dass „dafür kein Geld vorhanden“ sei, weder für Pavillion 7 in Herkulesbad, das ehemalige Gebäude der habsburgischen Garnison an den Toren zum Orient, das zuletzt als 1-Stern-Hotel (allerdings mit eigener angeschlossener Thermalbadanlage) genutzt worden war, noch für das Gebäude der Stadtbibliothek Karansebesch. Erst recht nicht für die „Banater Semmeringsbahn“, die älteste Bahnlinie des heutigen Rumäniens.

Die Blogger in den sozialen Internet-Kommunikationsnetzwerken hingegen beschäftigen ganz andere Dinge. Etwa, wieso die nationale Antikorruptionsbehörde DNA bisher nie nachgeprüft hat, wieviel Kupferblech auf das Dach der neuen orthodoxen Kathedrale von Karansebesch passt und wieviel angekauft wurde, wie viele Quadratmeter Thermofenster dort angebracht wurden und wie viele bezahlt worden sind. „Und wenn das nicht in die Zuständigkeit von DNA fallen sollte, dann soll es das Kontrollkorps der Regierung machen, denn die Regierung hat das Geld für den Kathedralenbau überwiesen“, heißt es weiter. „Es sollte auch mal nachgeprüft werden, mit welchem Geld der von der Banater Metropolie in Temeswar zur Bauaufsicht nach Karansebesch geschickte Pfarrer sich zeitgleich in Temeswar und am Surducer Stausee je ein Haus gebaut hat und in derselben Zeit einen neuen Mercedes-Jeep kaufen konnte. Das sollte auch die Metropolie des Banats und der Patriarch mal nachprüfen!“
Oder: „Kein Pfarrer in der Stadt Karansebesch kann mehr den Luxus verbergen und die Limousinen mit Fahrer, mit denen man sich herumkutschieren lässt, während ‚den Dummen‘ Armut vorgepredigt wird und sie, die Pfarrer, höchste Löhne vom Staat kassieren, Spenden vom Stadtrat einfordern und von Privatinvestoren!“ Ein anderer Blogger: „Woher hat nur das Bischofsamt seine Steuerschulden!? Ihr Pfarrer bezahlt doch immer nur, wenn euch vom Haushalt Geld überwiesen wird, selbst die Raten für eure teuren Autos und für die teuren, wenig hochheiligen Dinge, mit denen ihr umspringt. Damit beladet ihr die Kirche mit Schulden. Eine Schande!“

Kommentare zu diesem Artikel

Gerd, 05.08 2013, 20:52
Das war doch schon immer so bei den Popen, Pfaffen, Priestern oder wie sie sich sonst noch nennen-Wasser predigen und Wein saufen.Religion ist und bleibt "Opium für das Volk".
Helmut, 05.08 2013, 15:32
Man kann nur darüber erstaunt sein.......
Helmut, 05.08 2013, 15:30
Man kann sich nur darüber erstunt sein,wie sich gottesfürchtige Männer verhalten,wenn es um Geld geht.Da vergißt man wirklich alle Gottesgesetze und versucht sich wo es nur geht zu bereichern. Für Christen ist ein solches Verhalten, von Priestern, verwerflich und eine echte Schande.Kein Wunder,dass sich immer mehr und mehr Menschen von einer solchen Kirche abwenden.

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