Kirchenburgen aus der Vogelperspektive

Schiller Verlag dokumentiert Kirchenburgen Siebenbürgens mit neuer Buchreihe

Sonntag, 24. Mai 2015

Die Kirchenburg in Jakobsdorf
Foto: Ovidiu Sopa

Mächtig und massiv, wuchtig und wehrhaft erheben sie sich auf ihren Anhöhen; sie sind der weit sichtbare Mittelpunkt der Dörfer und sogar Städte und ziehen die Blicke Reisender schon von fern auf sich, ob sie nun zwischen prächtigen Bäumen und saftigen Wiesen gen Himmel ragen wie in Thalheim oder mitten in der Stadt das Stadtbild prägen wie in Mediasch oder Agnetheln. Die Kulturlandschaft der Kirchenburgen in Siebenbürgen ist nach zahlenmäßiger Dichte und Bauweise bis heute einmalig in ganz Europa und fasziniert immer mehr Touristen aus dem In- und Ausland. Gleichzeitig zeugen diese Kirchen und ihre Wehranlagen im südosteuropäischsten Siedlungsgebiet der Deutschen vom Selbstbehauptungswillen jener Siedler, die als Katholiken im 12. Jahrhundert kamen und nach der Reformation als Protestanten Land, Region und Gesellschaft prägten und in ihren stolzen Trutzburgen manchen Stürmen der Geschichte trotzten.

Über 300 solcher Kirchenburgen gab es früher in Siebenbürgen, jener Region innerhalb des Karpatenbogens im heutigen Rumänien. Durch die Auswanderung seit 1990 hat die Kirche und Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen von über 110.000 Seelen 1988 auf derzeit nur noch etwas mehr als 12.000 Gemeindeglieder abgenommen. Viele Kirchenburgen sind seither verfallen. Dafür stellt die kleine Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen heute mit dem früheren Bürgermeister von Hermannstadt/Sibiu, Klaus Johannis, sogar den Staatspräsidenten.

Der deutsch-rumänische Schiller Verlag hat nun ein verlegerisches Großvorhaben gestartet: Im Rahmen einer achtbändigen Reihe sollen sämtliche evangelischen Kirchenburgen aus Siebenbürgen in ihrem jetzigen Zustand fotografisch dokumentiert werden, und das aus dem besonderem Blickwinkel der Vogelperspektive. Die Reihe ist sinnig überschrieben mit dem Titel „Über Siebenbürgen“. Die meisten Bilder der acht Bände dieser Reihe werden die Kirchenburgen in Luftfotografien zeigen und stammen von dem Topfotografen Ovidiu Sopa. Band und Reihe knüpfen an den Klassiker „Siebenbürgen im Flug“ von Martin Rill und Georg Gerster von 1997 an, haben aber mit der Gesamterfassung der Kirchenburgen ein wesentlich ehrgeizigeres Ziel.

Die neue Buchreihe will die Kirchenburgen im heutigen Zustand dokumentieren und damit einen ganz besonders wertvollen Beitrag auch zur deutschen und evangelischen Erinnerungskultur in Siebenbürgen und Rumänien leisten. Die Siebenbürger Sachsen identifizieren sich bis heute mit den Kirchenburgen als ihrer bedeutendsten Kulturleistung. Es handelt sich um alte Gemäuer, die aber Geschichte und Geschichten erzählen und für die deutsche Minderheit vor Ort, aber auch die Rumänen als Mehrheitsbevölkerung und Touristen längst ein Symbol darstellen für die deutsche Besiedlung Siebenbürgens, den Selbstbehauptungswillen der Siebenbürger Sachsen und die nie nachlassende Hoffnung auf das Überleben dieser Kulturlandschaft.

Die Siebenbürger Sachsen haben als Siedler im 12. Jahrhundert und danach Dörfer und Städte in der Region gegründet und dabei Kirchen und Kirchenburgen miterbaut. Es waren Bürger in den Städten und Bauern auf den Dörfern, die diese europäischen Kulturdenkmäler geschaffen haben. Faszinierende Bauten, die schon in ihrer Architektur und Bauart den wehrhaften Charakter der Frömmigkeit der Deutschen fern des Mutterlandes repräsentieren, vor wie nach der Reformation. Es ist zudem ein Spezifikum der Reformationsgeschichte Siebenbürgens, dass es dort keinen Bildersturm gab. So ist neben den beeindruckenden architektonischen Bauleistungen der Kirchenburgen auch eine nicht weniger imposante Zahl an auch kunsthistorisch bedeutenden vorreformatorischen Flügelaltären erhalten wie etwa in Mühlbach/Sebeş, Birthälm/Biertan und Tartlau/Prejmer.

Der Autor der Begleittexte und Herausgeber Anselm Roth und sein Verlag wollen nun die gesamte Landschaft dieser Kirchenburgen aus der Luft erschließen. Es wirkt charmant, dass hier gerade nicht mit den berühmten Kirchenburgen wie etwa Birthälm oder Deutsch-Weißkirch/Viscri begonnen wird, die auch zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Dies entspricht dem Anliegen dieser neuen Buchreihe, allen Kirchenburgen gerecht zu werden und nicht wie in manch anderem Band nur die ohnehin prominenten Prestigeobjekte vorzuführen.

Der vorliegende erste Band der neuen Reihe widmet sich dem Harbachtal nordöstlich von Hermannstadt. Konkret werden die Kirchenburgen zwischen Hermannstadt/Sibiu und der Region Agnetheln/Agnita gezeigt (Thalheim/Daia, Rothberg/Roşia, Neudorf/Nou, Burgberg/Vurpăr, Holzmengen/Hosman, Marpod/Marpod, Leschkirch/Nocrich, Alzen/Alţina, Agnetheln, Roseln/Ruja, Probstdorf/Stejăriş, Jacobsdorf/Jacobeni, Neithausen/Netuş, Neustadt/Noiştat, Henndorf/Brădeni und Trappold/Apold). Viele waren an der Erschaffung dieser Kulturdenkmäler beteiligt: Bürger und Bauern als Erbauer, aber auch Steinmetze, Glockengießer, Maurer, Holzschnitzer oder Maler als die ausführenden Handwerker.

Mit dieser Reihe kündigt sich ein großer Wurf an, der eine Kulturlandschaft von europäischer Bedeutung in eindrucksvollen Bildern festhalten wird. Die Luftfotografien sind zeitgeschichtliche Zeugnisse, laden aber gleichzeitig zur historischen und kulturwissenschaftlichen Beschäftigung mit den hier gezeigten Orten und Kirchenburgen ein, vor allem aber ganz konkret zum Reisen und Besuchen. Die hier gezeigten Kirchenburgen und die dazugehörigen Orte werden jeweils kurz beschrieben. Der Band überlässt die Botschaft jedoch den Bildern, die für sich sprechen.
Die EU, Deutschland und Österreich, die Evangelische Kirche und ihre Gemeinden in Rumänien, verschiedene Kirchen, Stiftungen und sogar Privatleute aus dem In- und Ausland, aber auch der Staat Rumänien selbst haben längst die kulturgeschichtliche und touristische Bedeutung der Kirchenburgen erkannt und kümmern sich mit millionenschweren Projekten um deren Erhalt und sinnvolle Nutzung.

Der vorliegende Band und die damit eröffnete Buchreihe begleiten künftig alle diese Bemühungen und Investitionen und können dazu besonders motivieren, indem sie die Schönheit dieser Kirchenburgen in fantastischen Farbbildern für Gegenwart und Nachwelt festhalten. Jeder, der sich mit Siebenbürgen und der evangelischen deutschen Minderheit dort beschäftigt, wird die neue prächtig gestaltete Buchreihe und diesen ersten Auftaktband mit größter Begeisterung zur Kenntnis nehmen.

„Über Siebenbürgen“. Bd. 1: „Kirchenburgen im Harbachtal“. Fotografien und Text: Anselm Roth, Luftfotografie: Ovidiu Sopa; Bonn: Schiller Verlag 2015, 70 S., geb., ISBN 978-3-944529-66-0, 79 Lei/19,90 Euro

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 05.06 2015, 01:07
jaja, wer eine ferngesteuerte Fotodrohne bedienen kann, ist heute schon ein Topfotograf. Mit dem selben Ding filmt er auch seine Wehrsportübungen im Wald (einfach googlen, erster Treffer). Und im Artikel stehen auch einige inhaltliche Fehler, zB das mit dem Bildersturm. Natürlich hat es den auch in Siebenbürgen gegeben, teilweise sehr intensiv. Wo sind denn die vorreformatorischen Freskenmalerein? Entweder abgeschlagen, oder übertüncht. Nur in Malmkrog sind sie noch fast ganz erhalten und an einigen wenigen anderen Orten hat man Fragmente wieder freigelegt.
dan, 29.05 2015, 09:06
Ein Staatspräsident als Ausgleich für "verfallende Kirchenburgen und alte Gemäuer - das ist weit hergeholt.
Denn diese "Gemäuer" wie Henkel sie nennt, sind ein weltweit einmaliges Ensemble und Kulturerbe.
Welches nicht nur den Sachsen, sondern auch den Rumänen, Europäern und der Welt etwas mehr Respekt abverlangen sollte.
Henkel, der als Deutscher anscheinend das "moderne" gespaltene Verhältnis eines Deutschen zu sich selbst nun auch den Kirchenburgen der Sb. Sachsen aufoktroyiert, scheint das auch nach langen Jahren in Rumänien nicht begriffen zu haben.

Doch bisher sind diese Kirchenburgen vernachlässigt und meist dem Verfall preisgegeben... darüber kann sich jeder vor Ort überzeugen.

Weder die rumänische Öffentlichkeit und Staat, noch die evangelische Kirche - kümmern sich große darum.
Der Verfall wird nur durch neue Betonziegeln und unsachgemäße Renovierungen kaschiert... obwohl durch diese Renovierungen erst einem beschleunigten Verfall noch mehr Vorschub geleistet wird.

Die Weltöffentlichkeit, die EU sollten aufwachen, was tun -- wenn dieses Weltkulturerbe nicht verschwinden soll.
Kirche und Staat sind bisher nicht fähig, das notwendige zu tun.
Deswegen ein Aufruf an die Welt: Rettet die Sb. Kirchenburgen!!!
Hilfe Spam!!, 26.05 2015, 22:26
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