Kirchenburgen erzählen siebenbürgische Geschichte(n)

Fotografische Flugreise „Über Siebenbürgen“ des Schiller-Verlags geht weiter mit Kirchenburgen im Hermannstädter Land

Mittwoch, 27. Januar 2016

Von Salzburg und Großau bis Talmesch, Freck und Kerz reicht der Radius des neuen Bildbandes „Über Siebenbürgen“ aus dem Hermannstädter Schiller-Verlag. Autor Anselm Roth und Luftfotograf Ovidiu Sopa haben sich bekanntlich vorgenommen, 18 Jahre nach dem Erscheinen des Klassikers „Siebenbürgen im Flug“ des Luftfotografen Georg Gerster eine aktuelle Bestandsaufnahme aller noch existenten Kirchenburgen Siebenbürgens zu offerieren. Nach dem Auftakt mit einem Band über das Harbachtal/Valea Hârtibaciului wird die Reihe nun fortgesetzt mit einem neuen wunderbaren Band, dieses Mal über die Kirchenburgen aus dem Hermannstädter Land. Der vorliegende Bildband dokumentiert die Kirchenburgen in Kerz/Cârţa, Freck/Avrig, Girelsau/Bradu, Heltau/Cisnădie, Kleinscheuern/Şura Mică, Salzburg/Ocna Sibiului, Großau/Cristian, Großscheuern/Şura Mare, Hahnbach/Hamba, Stolzenburg/Slimnic, Reußen/Ruşi, Haschagen/Haşag, Magarei/Pelişor, Hammersdorf/Guşteriţa, Schellenberg/Şelimbăr, Neppendorf/Turnişor und Talmesch/Tălmaciu.

Zu sehen sind wieder beeindruckende und auch berauschende, betörende und manchmal auch nostalgische Bilder dieser europaweit einmaligen Kirchenburgenlandschaft, deren Gebäude schon siebenbürgische Geschichte und Geschichten erzählen. Mit wenigen Worten schafft es Autor Anselm Roth, anhand der Aufnahmen geschickt und tiefgründig einen jeweils kurzen Überblick über die Geschichte dieser Kirchenburgen zu geben. Der Leser wird dank der Historie der Region und allen daran beteiligten Mongolen und Osmanen, Kuruzzen und Kumanen auch mit der Notwendigkeit des Baus der Kirchenburgen überhaupt vertraut. Die meist herbstlichen und dieses Mal häufig besonders stimmungsvollen Bilder vermitteln bleibende Impressionen von Lage, Landschaft und Leben der Kirchenburgen und bieten dabei auch bisweilen ungewohnte An- und Einsichten. Es wird eine manchmal untergegangene, oft aber auch heute noch quicklebendige Lebenswelt gezeigt zwischen Kirchenburgen, die ihre Geschichte nun definitiv hinter sich haben, und solchen, in denen Gemeinde und Gemeindeleben der Siebenbürger Sachsen bis heute quirlig und aktiv fortbestehen, wie etwa in Neppendorf oder Heltau.

Manche mehr oder weniger gelungene Neubauten im Umfeld der Kirchenburgen zeigen und dokumentieren die Entwicklung nach 1989. Dazu zählen der Bevölkerungsentwicklung und der Moderne geschuldete Wohnblocks (z. B. Hammersdorf, S. 74), aber auch manche sich nicht in das Ortsbild harmonisch einfügende architektonische Geschmacklosigkeiten. Der Zahn der Zeit nagt nicht nur an den alten Gemäuern, sondern beißt sich auch als Ergebnis des manchmal unästhetischen Zeitgeists der Moderne in manches Ortsbild. Was jedoch immer wieder besticht und auch dieser zweite Band von Anselm Roth und Ovidiu Sopa ein neuerliches Mal beweist, ist die Tatsache, dass diese Kirchenburgen der Siebenbürger Sachsen ihre Orte weiterhin wuchtig prägen, buchstäblich überragend sind im Blick auf ihr Umfeld und bis heute meist die dominante Ortsmitte bilden. Ein Trost angesichts manches Verfalls, der auch diese groß angelegte Reihe von Bildbänden mit Luftaufnahmen einmal mehr als dringend notwendige Dokumentation des Ist-Standes ausweist.

Es sind dieses Mal nicht ausschließlich Luftbilder wie im Auftaktband. Zu den (freilich wenigen) Ausnahmen zählen suggestive, beinahe mystische Aufnahmen aus dem Inneren von Kirchen oder von außen. Erwähnt seien die Fotos der Innenbilder aus der romanischen Kirche in der alten Burg von Michelsberg/Cisnădioara oder auch des romanischen Portals dieser beeindruckenden Kirche, bei dem die Bildauflösung auch im Druck so hervorragend ist, dass der Betrachter an dem Portal jeden Stein erkennt (S. 31-32). Diese in Foto und Druck hervorragende Bildauflösung lässt sich auch bei den Bildern aus Kerz/Cârţa feststellen (S. 8-12). Trotzdem wäre es für das besondere Alleinstellungsmerkmal der Reihe sicher empfehlenswert, wenn das strenge Prinzip der Luftbilder bei den künftigen Bänden eingehalten wird. Die Systematik der Reihenfolge wirft beim Leser Fragen auf. Hier wäre eine alphabetische Anordnung sicher nachvollziehbarer. Für die künftigen Bände – es sind noch sechs weitere angekündigt – sei außerdem angeregt, eine Karte des jeweilig erfassten Gebiets zur Orientierung für ortsunkundige Leser beizufügen. Natürlich stellen für den Kenner die hier versammelten Orte wie Neppendorf und Großau, Heltau und Michelsberg große und klingende Namen dar. Doch vor allem die kleineren Orte können nicht aus Siebenbürgen stammende Leser, an die sich die Reihe ja auch richtet, nicht so ohne Weiteres zuordnen.

Einzelne Aufnahmen haben ungünstige Schattenlage, wie die Bilder aus Hammersdorf (S. 72) und Talmesch (S. 85), oder sind recht diesig geraten, wie eines der Bilder aus Neppendorf (S. 79). Nachdem aber von jeder Kirchenburg mehrere Bilder wiedergegeben werden, kann sich der Leser mühelos sein eigenes „Lieblingsbild“ heraussuchen. Ästhetik pur bieten die Aufnahmen der Brukenthalschen Sommerresidenz aus Freck (S. 14-15), gut dass diese traumhafte Anlage hier mitberücksichtigt wird. Zweifellos ist auch dieser zweite Band aus der Reihe wieder sehr gelungen und bietet Kennern wie Liebhabern eine würdige und würdigende Präsentation der Wehrkirchen aus dem dieses Mal präsentierten Raum des Hermannstädter Landes.  

Anselm Roth/Ovidiu Sopa: „Über Siebenbürgen, Band 2: Kirchenburgen im Hermannstädter Land“, Hermannstadt, Schiller Verlag 2015, 82 S., 86 Farbfotos; Großformat 27x27 cm, Hardcover, ISBN: 978-3-944529-72-1, 79 Lei/21,90 Euro

Kommentare zu diesem Artikel

Gute Idee, mittelmäßig-schlechte Umsetzung, 27.01 2016, 13:09
Nachdem ich Band 1 gekauft hatte, fiel mir schon die schlechte Belichtung mancher Fotos auf. Band 2 werde ich nicht mehr kaufen, denn beim Durchblättern des 2. Bandes fiel mir die noch schlechtere Bildqualität, aber auch das billige Papier und die Farben auf. Ein Bildband muss liebevoll und hochwertig gestaltet werden, das hier sieht so aus, als wolle man nur das schnelle Geld machen (kostet ja 80 RON). In der Ära des digitalen Fotos kann man sich aber so nicht mehr präsentieren. Im Internet findet man viel schönere Bilder. Ich bin sehr enttäuscht über dieses 'Werk' des Schiller-Verlags.

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