Kitsch, ein rumänisches Phänomen?

Besuch im Kitsch-Museum in Bukarest

Freitag, 11. Mai 2018

Die „Klassiker“ der Gartenzwerg und die „Socken und Sandalen“ sind ebenso Teil der Ausstellung wie der modische „Cocalar“.

Von „antiken“ Gipsstatuen bis Dracula: Über 200 Exponate veranschaulichen die ganze Bandbreite des Kitschs.

„Roma-Kultur“ oder „Zigeuner-Kitsch“ – da gehen die Meinungen auseinander.
Fotos : Michael Marks

Um die Frage im Haupttitel gleich zu beantworten: Sicher nicht, denn Kitsch ist heute allgegenwärtig. Ja, die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch werden immer undeutlicher. Sind amerikanische Comics, „graphic novels“ oder japanische Mangas eigene Kunstformen oder kitschige Gebrauchskunst? Das gleiche gilt für deren Derivate, Anime-Filme, die Grafik der Computerspiele oder Tattoos. Pop-art, Rocker-Outfits, selbst Bordelle dienen als Inspiration für Haute Couture und Wohnkultur. Dennoch, als Inbegriff des deutschen Kitsches gilt nach wie vor wohl noch immer der Gartenzwerg oder das Motiv des röhrenden Hirsches als Symbol für eine als verlogen empfundene Heimattümelei.

Und tatsächlich ist „Kitsch“ laut Wikipedia ein deutsches Wort, geprägt im 19. Jahrhundert als kunstkritischer Kommentar zur damals beliebten romantischen Genremalerei einer exotischen balkanischen Szenerie. Unübersetzbar findet es sich heute in fast allen europäischen Sprachen und darüber hinaus. Undefinierbar ist es nicht, aber da gehen die Meinungen schon weit auseinander, denn Geschmack wird durchaus kulturell unterschiedlich gesehen, aber immer spielen das Unehrliche, das billige Imitat und das protzig Übertriebene eine Rolle. Auch die Wurzeln des Wortes verlieren sich im Nebulösen, die einen wollen hier einen jiddischen Ursprung erkennen, die anderen leiten es aus der Sprache der Roma ab. Ein gewisser „Balkanbezug“ scheint also von Anfang an gegeben zu sein.

So ist es vielleicht kein Wunder, dass sich in Bukarest bereits das zweite private Rumänische Kitsch-Museum (das erste in Temeswar siehe: ADZ, Freitag, 22. Juli 2016) nun seit einem Jahr wachsender Popularität erfreut. Ein weiterer Grund, warum vor allem in den Ländern des ehemaligen „Ostblocks“ nun ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des „eisernen Vorhangs“ solche privaten Sammlungen teils mit nostalgischem, teils aber auch kritischem Blick auf die kommunistische Alltagskultur blicken, liegt in den gewaltigen Umbrüchen, die diese Länder als „Kulturschock“ erlitten.

Vielleicht liegt hier auch der eigentliche Grund, warum der Besitzer und Initiator dieser einzigartigen Sammlung, Cristian Lica, praktisch als Wiedergutmachung, ausländische Touristen zunächst mehr als Einheimische bezahlen ließ, auch wenn die eigentliche Begründung lautete, dass die Rumänen schlicht mehr unter dem täglichen Kitsch leiden. Andererseits möchte Lica seine Ausstellung nicht mit erhobenem Zeigefinger präsentieren. Im Gegenteil preist die Website ihren Kitsch als wahrhaft authentischen und kreativen Ausdruck der rumänischen Kultur- und Subkultur.

Allerdings steckt in einigen der hier präsentierten Themen auch ein Quantum Provokation. So in der Darstellung des „Zigeuner-Kitsches“, über den sich die rumänische Mehrheitsgesellschaft gerne mokiert. Die bunten Röcke, die Vorliebe für Gold, Manele-Musik, der Aberglaube oder die einzigartigen „Zigeunervillen“ mit ihren barocken Verzierungen und den kunstvollen Regenrinnen werden vorgeführt, aber auch in ihrer Bedeutung erläutert. Unter der Kategorie „Religiöser Kitsch“ finden sich bizarre Devotionalien, modernistische Praktiken bar jeder Spiritualität, der Hang zu Pomp und überhaupt der um sich greifende Materialismus, der auch vor dem Klerus nicht haltmacht. Als Seitenhieb auf die neu entstehende Riesenkathedrale „Catedrala Mântuirii Neamului“ in Bukarest wurde diese mit dem ersten Preis im eigens angeregten „Kitsch-Award“ prämiert. Begleitet werden die Objekte von Schautafeln und Erläuterungen, die dem Besucher interessante Einblicke in die moderne rumänische Alltagskultur geben.

Ceaușescu mit seiner oft kolportierten geringen Bildung und seinem daraus resultierenden protzigen Stil – als bestes Beispiel gilt da wohl noch immer der „Volkspalast“, das heutige Parlamentsgebäude – ist natürlich Zielobjekt der Ausstellung zum „kommunistischen Kitsch“. Darüber hinaus wird die „hölzerne Sprache“, die inhaltslose Phrasendrescherei der kommunistischen Ära, analysiert, oder das typische Interieur der Durchschnittsfamilie, hier samt Glasfisch und Wachsobst, beinahe liebevoll rekonstruiert.

Der „Dracula-Kult“ samt seinen touristischen Auswüchsen darf natürlich in einem rumänischen Kitsch-Museum nicht fehlen, darüber sollte allgemein Konsens herrschen.

Aber das Museum bleibt nicht in der Vergangenheit stecken, die Sammlung begreift sich auch nicht als abgeschlossen, sondern ist für Vorschläge zu ihrer Erweiterung dankbar. So lenkte der im Mai letzten Jahres durchgeführte Wettbewerb u. a. zu Architektur, Mode und Medien den Blick auf die Subkultur der „cocalari și pițipoance“ – ironisch könnte man die mit „coole Typen und heiße Mädels“ übersetzen, samt deren eher lächerlichen als glamourösen Kleidungsstil. Als kleine Anregung könnten die Veranstalter vielleicht ihren Blick auch mal nicht in die „Niederungen“ moderner Volkskultur lenken, sondern auf die nicht weniger grotesken Geschmacksverirrungen der sogenannten Eliten. Nicht nur in Rumänien, sondern weltweit in anatolischen Palästen oder New Yorker Towern, lässt sich da so manches finden, was in solch einem Museum gewürdigt werden könnte.

Wer von all dem noch nicht genug hat, kann sich auch in einer „Do-it-yourself“-Ecke vergnügen. Ganz nebenbei gibt es noch „echte“ Kunst zu bewundern, so werden im oberen Stockwerk u. a. Gemälde von Eugen Al. Pann gezeigt.
Das Museum in der Altstadt, in der Str. Covaci 6, ist täglich von 12-22 Uhr geöffnet. Website: kitschmuseum.ro

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