Klaffende Wunden auf der Bühne

„Empire“ beim Doppelfestival FEST-FDR

Mittwoch, 09. Mai 2018

Die Vorstellung ist eine Koproduktion Milo Rau, International Institute of Political Murder, Zürcher Theater Spektakel, Schaubühne Lehniner Platz Berlin und Steirischer Herbst Festival Graz. Foto: Marc Stephan

Der Schauspieler öffnet seine Seele auf der Bühne. Wohl eine Floskel. Aber in „Empire“, der Produktion, die die Unterschrift des Schweizer Regisseurs Milo Rau trägt, und am Montag auf der Bühne des Nationaltheaters Temeswar im Rahmen Doppelfestivals FEST-FDR präsentiert wurde, ist dies den vier Schauspieler dann noch ausdrücklicher gelungen: Denn Maia Morgenstern, Ramo Ali, Akillas Karayissis und Rami Khalaf erzählen ihre Lebensgeschichten, nüchtern und ernüchternd, unbeschönigt, detailliert und äußerst intim. Der Zuschauer, der nun zum Vertrauten wird, kann noch einmal erkennen: Das Leben schreibt beeindruckendere Geschichten als jeder Autor.

Ein Fazit für den Zuschauer: Egal, wo sich die Familie oder auch die Schauspieler selbst aufgehalten haben sollten, im 20. Jahrhundert und am Anfang des 21. Jahrhunderts hat sich die Geschichte im selben Rhythmus und in derselben Art den Menschen gegenüber verhalten: überrumpelnd, blutrünstig, rücksichtslos. So sind die Lebensgeschichten von Kriegen, Diktaturen, Traumata geprägt, die es zu bewältigen gilt.

Die Vorstellung wurde auf Rumänisch, Griechisch, Kurdisch und Arabisch gesprochen, es ging um das russische Ghettos in Thessaloniki, in der die Großmutter von Akillas Karayissis leben musste, um die Freiheitssuche im Westen Europas, um Wiederkehr, um den Zettel, den Maia Morgenstern als zehnjährige Schülerin von einem Kollegen bekommen hatte und keine Liebeserklärung sondern Schimpfworte, die auf ihre jüdische Identität zielten, enthielt, um ihre Suche nach dem in Auschwitz umgekommenen Großvater, um den Krieg in Syrien und den kurdischen Schauspieler Ramo Ali, der die Heilige Jungfrau Maria im Traum sieht und ein Medaillon mit ihr trägt, auch dann wenn er inhaftiert wird, weil er Theater auf Kurdisch gespielt hat, abermals um den Krieg in Syrien und den arabischen Schauspieler Rami Khalaf, dem die Flucht übers Mittelmeer, dann mit einem rumänischen Ausweis nach Schweden gelingt, schließlich nach Paris kommt und im Internet nach seinem verschwundenen Bruder sucht: Als die Suche begann, hatte ein Handlanger des Bashar-al-Assad-Regimes, der die Fronten gewechselt hat, 12.000 Fotos mit unter Folter gestorbenen Inhaftierten gepostet.

Der Zuschauer bleibt aufgerüttelt und dankbar, dass er an die sehr intimen Lebensgeschichten teilhaben konnte.

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