Klang der Heimatglocken

Nachfolger der Glockengießer-Familie Andrásovszky besuchte Kronstadt nach 64 Jahren

Freitag, 12. August 2016

George Sárossy-Andrásovszky vor der großen Glocke der Schwarzen Kirche

Ein Blick vom Turm der Schwarzen Kirche

Die größte schwingende Glocke Rumäniens hat ein Gewicht von etwa 6 Tonnen

Der erste Tag im August ist besonders heiß. Um 12 schlägt die mittlere Glocke der Schwarzen Kirche zu Mittag. Vom Kirchturm aus gesehen schauen die Häuser Kronstadts aus wie bunte Kartonschachteln. Neben der großen Glocke steht stolz ein Mann und lässt sich fotografieren. Seit über einem halben Jahrhundert hat er die Stadt, die man vom Turm sieht, nicht mehr besucht. Jetzt ist er mit seiner Ehefrau aus England angereist. Er wollte unbedingt in den Turm der Schwarzen Kirche. Die große, sechs Tonnen schwere Glocke, die zu Ostern, Weihnachten und Neujahr geläutet wird, wurde vor mehr als 150 Jahren von einem seiner Vorfahren gegossen. Es ist die größte schwingende Glocke Rumäniens. Damals wurde sie zur Kirche auf einem von acht Paar Ochsen gezogenen Wagen gebracht und drei Tage lang bis hinauf auf den Turm gehoben. George Sárossy-Andrásovszky ist der Nachfolger des Klausenburger Glockengießers Johann Ephraim  Andrásovszky. Am 27. März 1859 wurde die Glocke, die dieser gefertigt hatte, in der Schwarzen Kirche eingeweiht.

Eine fünf Generationen alte Familientradition

George Sárossy schaut vom Kirchturm auf die Stadt. Er zeigt auf den Olympia-Tennisplatz unter der Zinne. „Hier habe ich als Kind mit Georg Bosch Tennis gespielt. Später wurde er Bundestrainer des DTB für den Nachwuchs und persönlicher Trainer von Boris Becker bei dessen erstem Wimbledon-Sieg. Wer weiss, wenn ich Kronstadt nicht damals verlassen hätte, wäre ich auch ein Tennis-Star geworden“, scherzt er. Dann zeigt er auf einen bunten Streifen in der Stadtmitte. Es ist die Purzengasse. „Dort haben wir früher gewohnt“. Seit 1952 war Sárossy nicht mehr in Kronstadt. Vieles hat sich verändert, es sind aber auch Dinge, die genau so geblieben sind: die alten Gebäude, die Straßen, die Häuser.

„Meine Mutter, mein Brunder und ich sind direkte Nachkommen der  Andrásovszky-Kirchenglocken-Gießer aus Klausenburg. Fünf Generationen unserer Familie haben die Glocken von mehreren Kirchen in Siebenbürgen seit Beginn des 18.Jahrhundertes hergestellt. Ich habe die Glocken aus der Schwarzen Kirche in Kronstadt noch nie gesehen. Ich würde das sehr gerne tun“, schrieb George Sárossy in der Mail, die er an das Personal der Schwarzen Kirche schickte, bevor er sich auf die Reise in sein Heimatland begab. Nun ging sein Wunsch in Erfüllung.

George will ein Foto mit der Inschrift auf der großen Glocke machen: „Im Jahre 1858 schufen mich durch Meister Johann Andraschofski, seine Söhne Johann und Ephraim und seinen Neffen Ephraim aus Klausenburg die Liebesgaben der Gemeine in Kronstadt.“ Die Glocke ist mit den Bibelzitaten „Wachet und betet“ und „Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit“ verziert. „Das sie noch existiert, ist einem Wunder zu verdanken.  Viele Andrásovszky-Glocken wurden nach dem Jahr 1914 eingeschmolzen, um Kanonen und Munition für den 1. Weltkrieg herzustellen“, erzählt der Nachfolger der Glockengießerfamilie. Bis zum ersten Weltkrieg gab es auf dem Kirchturm sechs Glocken, von denen drei im Jahre 1916 für Kriegszwecke entfernt wurden, weil Material für Waffen fehlte.

„Auf der Purzengasse Nr. 35 wurde ich geboren. Mein Großvater, Layos Sárossy, war Kürschner und hatte hier ein Geschäft eröffnet. Später zogen wir in die Burggasse. Von dort wurden wir im Dezember 1952 evakuiert. Es war eine Repressionsmaßnahme des kommunistischen Regimes“. Die Familie Sárossy zog nach Klausenburg, wo George an der Babes Bolyai-Universität Philologie studierte. Anschließend arbeitete er als Reiseführer bei „ONT Carpati“ und zog 1969 nach Bukarest. „Ich hatte immer die Securitate im Rücken. Da ich mich immer geweigert habe, für sie zu arbeiten, wurde ich für Verrat des Vaterlandes inhaftiert“, erzählt er auf Englisch. Dann fährt er in rumänischer Sprache fort: „In den 25 Monaten, die ich in Aiud verbracht habe, habe ich gelernt, wie man aus dem Land fliehen kann“.

„Wir waren CSS-Häftlinge (Contra Securitati Statului, deutsch: Gegen die Staatssicherheit, Anmerkung der Redakteurin) und hatten alle zwei Monate das Recht auf 5 Kilo Nahrung. Die DC-Häftlinge (Drept Comun), also Diebe und Mörder, hatten dagegen das Recht auf 10 Kilo Nahrung pro Monat. Eine Etage unter uns waren die sogenannten ‘Frontierişti’, die  während ihrer Fluchtversuche gefangen worden sind. Ich habe ihren Geschichten zugehört und dabei viel gelernt. Es gab einige Grundregeln, wenn man flüchten wollte: Erstens musste man den Fluchtversuch  alleine unternehmen. Zu zweit oder zu dritt existierte ein viel höheres Risiko, erwischt zu werden. Zweitens musste man in Jugoslawien Anzug und Krawatte tragen. War man schlecht angezogen, exisiterte schon der Verdacht, dass man auf der Flucht ist. Drittens soll man auf keinen Fall rauchen. Das Licht der Zigarette oder des Feuerzeuges konnte einen verraten“.

Aus Rumänien nach Italien, Kanada und Großbritannien

Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis in Aiud flüchtete Sárossy aus Rumänien. Es half ihm ein Bekannter, der an der Grenze zu Jugoslawien arbeitete. „Sieben Tage und sechs Nächte habe ich von Temeswar nach Trieste gebraucht. Ich hatte keinen Ausweis oder Pass, nur mein Hochschuldiplom“. Er bekam politisches Asyl in Rom, wo er ein paar Jahre lang lebte. Unter anderen hat er im Jahr 1970 als Statist für den Spielfilm „Catch 22“ in der Regie von Mike Nichols gearbeitet. „Sie haben blonde Leute für eine Szene gebraucht“. Im Jahr  1972 zog  Sárossy nach Montreal, um dann wieder nach Europa zurückzukehren. 1974 zog er nach Bristol, anschließend nach Bath, wo er jetzt lebt. Seine Heimatstadt Kronstadt, die er 1952 verlassen hat, konnte er nie vergessen. Vom Turm der Schwarzen Kirche, hoch über den Dächern der Stadt, blickt er jetzt auf die Straßen und erkennt seine alte Schule, das heutige Aprily Lajos-Kollegium.

Am 27. März 1859 eingeweiht

Aus einem Artikel aus der „Kronstädter Zeitung“ Nr. 11 vom 14.Januar 1919, der vom Kronstädter Stadtarchivar Friedrich Sterner (1851 – 1924) verfasst wurde und auch vom Historiker Gernot Nussbächer in der „Karpatenrundschau“ vom 26.03.2009, anlässlich des 150. Jubiläums der großen Glocke zitiert wird, erfahren wir Folgendes: „Im Frühsommer 1858 war der zu diesem Zweck von Klausenburg berufene Meister Johann Andrásovszky mit seinen Söhnen und Neffen herübergekommen, um Hand anzulegen an das große Werk. Wie einstens beim Guß der alten Glocke im Jahre 1841 war auch diesmal vor dem Klostergässer Tor in der Nähe des Friedhofs die Gußhütte mit dem großen Ofen erbaut worden. Endlich am Abend des 21. November 1858 waren die Vorbereitungen soweit gediehen, daß unter dem Ofen Feuer gelegt werden konnte, das die ganze Nacht über unterhalten werden mußte.

Andern Tags am 22. November morgens 9 Uhr konnte Meister Andrásovszky   sein Werk beginnen. Vor dem Guß aber hielt der greise Stadtpfarrer Christoph von Greißing an die zahlreich versammelter Bürgerschaft eine ergreifende Ansprache und flehte den Segen des Himmels herab auf das beginnende Werk. Dann wurde der Zapfen ausgestoßen und binnen fünf Minuten ergoß sich in glühendem Strome die flüssige Glockenspeise in die festgemauerte Form so regelmäßig, daß alle Sachverständigen das Gelingen des Gusses für gesichert erklärten.“

Weiter wird berichtet: „Am 11. Dezember 1858 wurde die Glocke in die Kirche gebracht und nach dem 20. Dezember auf den Turm gezogen. Im Januar 1859 wurden dann die ersten Läuteproben durchgeführt und auf Grund des Beschlusses der größeren Gemeindevertretung vom 23. März 1859 die Glockenweihe am Sonntag, dem 27. März 1859 durch den Stadtpfarrer Christoph von Greißing vollzogen“. Für den Nachfolger des berühmten Glockenbauers war es eine Ehre, das Werk seines Vorfahren zu bewundern. „Ich hoffe, dass auch meine drei Kinder die Glocke eines Tages sehen. Dieses Mal konnten sie nicht dabei sein, aber vielleicht werden sie in einem Jahr oder zwei auch in den Turm steigen und die Glocke sehe, die ihr Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater gegossen hat“.

Die Glocken  der Schwarzen Kirche

Im Turm der Schwarzen Kirche gibt es drei Glocken. Die große Glocke wird zu Ostern, Weihnachten und Neujahr geläutet. Die mittlere Glocke (Werktagsglocke) stammt aus dem Jahre 1839 und wiegt rund 1000 kg. Sie wird an Werktagen am Morgen, zu Mittag und am Abend, vor Gottesdiensten und bei Begräbnissen geläutet. Die kleine Glocke (rund 250 kg) ist heute die älteste der Glocken und stammt aus dem Jahre 1791. Sie wird bei Gottesdiensten und bei Begräbnissen geläutet. Bis zum ersten Weltkrieg gab es auf dem Kirchturm sechs Glocken, von denen drei im Jahre 1916 für Kriegszwecke entfernt wurden, weil Material für Waffen fehlte.

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