Klang der Schöpfung, Tanz der Kräfte

Faszinierendes Spektakel über die Bedeutung des indischen Mantras

Freitag, 13. Juni 2014

Reela Hota & Group

Yin und Yan

Tanz der Natur

Gabriel Kelemen präsentierte seinen beeindruckenden Film „Geneza“ – zwischen Mythologie und Wissenschaft
Fotos: George Dumitriu

Sonores Brummen durchtönt die Tiefe der nachtschwarzen Leere. OMMMM! Gewaltig dringt der Urton durch den undifferenzierten Äther und bringt das Nichts zum Schwingen. Wirbelnd löst sich eine Kaskade an Klängen – und augenblicklich explodiert die undurchdringliche Schwärze in tausend Farben und Formen! Wie konzentrische Kreise ins Wasser geworfener Steine, die sich wieder und wieder kreuzen. Kosmische Regenbogen tanzen zu gewaltiger Sphärenmusik durch den so entstehenden Raum, erblühen zu bebenden Rosetten und verglühen.

Wo ihre Ränder aufeinandertreffen blubbern lebhafte Blasen hervor. Schwingungsmuster werden stabil. Die Materie strukturiert sich im Klang der Töne. Immer komplexere Formen entstehen. Viele erinnern an Symbole früher Kulturen: Die spiralförmigen Keramikmotive der Cucuteni-Kultur. Die indische Svastika. Das Yin- und Yang-Zeichen. Für Momente erkennen wir ein menschliches Gesicht inmitten der brodelnden Wirbel. Dann Arme, Beine, Leib. Die tanzenden Wu-Li-Meister sind entfesselt...

Mantra, Chakra, Mandala

Mit dieser Visualisation des Urknalls nach altindischem Weltbild leitete der Film „Geneza” (Schöpfung), realisiert von Dr. Gabriel Kelemen, die Aufführung „Sanskrit, Sprache der Mantren” im Bukarester Theater Odeon am 5. Juni ein. Mit nur wenig gesprochener Information will diese das ganzheitliche Weltbild der jahrtausendealten indischen Kultur vermitteln, ausgedrückt in Klang, Silben und Tanz. So erfahren wir, dass das älteste Mantra, der primordiale Ton „OM”, sich in 50 weitere Mantren aufgespalten haben soll, die die Ursilben der heiligen Sprache, Sanskrit, bildeten.

Ihre Schwingungen entsprechen den Stadien der Schöpfung und damit den Chakren oder Energiewirbeln, die die Schichten unserer Aura miteinander verbinden, bis auf das unterste körperliche Niveau. Der sonore Klang eines Mantras stimmt den Sprecher auf diese Schwingung ein und öffnet den Kanal des dazugehörigen Chakras. So wirkt jedes Mantra als Quelle der Heilung  auf die dem Chakra zugeordnete Körperregion. Die statische Darstellung eines Chakras – die Form des durch das Mantra ausgelösten, stabilen Energiewirbels – ist das Mandala. So heißt „Mantra” auf Sanskrit tatsächlich „den Geist von Leid und Krankheit befreien”. Die Einstimmung auf das Ur-Mantra „OM” hingegen bedeutet Verschmelzung mit der höchsten Form von Geistigkeit. Das indische Mantra gehört heute zum oralen Teil des Welterbes der UNESCO.

Kosmischer Tanz

Viele alte Kulturen kannten die transformierende Kraft bestimmter gesprochener Silben. Schamanen oder Tempeltänzer verschafften sich Zugang zu Heilkraft und Spiritualität in Form von bewusstseinsveränderndem Gesang, begleitet von rhythmischem Tanz. Odissi ist einer der ältesten indischen Tempeltänze, der die Schöpfung des Universums, die Aufspaltung der Kräfte und ihr Zusammenspiel in der Natur nachvollzieht. Drei barfüßige indische Tänzer in leuchtenden Kostümen und mit Schellen an den Fesseln illustrieren auf der Bühne mit stampfenden Bewegungen, expressiven Stellungen und filigranen Fingermudras den kosmischen Aufruhr. Vor der an Himalaya-Klangschalen inspirierten Hintergrundmusik begleitet der kraftvolle Sprechgesang in Sanskrit die wilden Sprünge der Tänzer: „THAAA - dakidaki - THAAA, takataka - THAAA!” Im Hintergrund immer wieder das sonore Mantra „OMMM”. 

Eine reizvolle, wenn auch ungewöhnliche Ergänzung findet das exotische Ensemble „Reela Hota & Group“ aus Indien durch die klassische Bukarester Ballettgruppe von Gigel Ungureanu. Zwei zierliche Ballerinas in hellblauem und pastellgelbem Tüll umschwirren als Sonne und Mond den blütenweißen Tänzer in der Mitte, der das Kräftegleichgewicht der Natur zu bändigen sucht, sich einmal zu dieser, einmal zu jener hingezogen fühlt. Sonne und Mond; männlich und weiblich; Yin und Yang...

Es ist die Kombination der unterschiedlichen Sinneseindrücke, die den Reiz dieses Events ausmacht, das letztes Jahr anlässlich des jährlichen „Ancient Arts“ Festivals in New Delhi uraufgeführte wurde. Die Idee, das Spektakel nach Bukarest und Temeswar zu holen, stammt von Iuliana Nala]an, Leiterin der NGO Namaste India, die auch die Indien-Tage zur Jubiläumsfeier des Dorfmuseums organisiert hatte. Nala]an, die überzeugend als Tempeltänzerin mitwirkte, hatte auch das rumänische Ballettensemble an Reela Hota, Direktorin des „Ancient Arts“ Festivals und gleichzeitig Indiens jüngste Odissi-Tänzerin, vermittelt.

Wissenschaft und Kunst

Nach der Entstehung des Films befragt, betont Gabriel Kelemen, die Bilder seien keineswegs Computeranimationen, sondern echte Klangfiguren: von Musik angeregte stehende Wellen auf Flüssigkeitsmembranen. Seit 20 Jahren experimentiert der Lektor für visuelle Kunst an der Universität für Kunst und Design in Temeswar/Timişoara bereits mit dieser Darstellungsform. Obwohl er sich mehr als Illustrator sieht, ist ihm durchaus klar: „Hier fließen Wissenschaft und darstellende Kunst zusammen“. Sein Ziel ist es, eine Art „Formenalphabet“ auf der Basis von Schwingungen zu entwickeln und damit zu beweisen, dass man alle existierenden geometrischen Strukturen durch Klangfiguren darstellen kann. Das indische Schöpfungsdrama erhält auf diese Weise eine physikalische Dimension – zeigt doch die Simulation in eindrucksvoll Weise die Wirkung des Tons auf Materie.

Ob primordialer Schöpferton, Zauberworte, heilende Gesänge und Sprüche – auch in vielen anderen alten Kulturen stand das Wort im Zentrum des mystischen Weltbildes. Selbst im Johannesevangelium der Bibel: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott... Alles ist durch das Wort geworden.“

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