Klare Worte an Rumänien zum Tag der Deutschen Einheit

Konsul Hans Erich Tischler wirbt öffentlich für Verhinderung europäischer Stagnation

Samstag, 06. Oktober 2018

Konsul Hans Erich Tischler in Hermannstadt: Deutschland ist bereit, Europa viel zu schenken, erwartet von seinen Partnern aber auch rücksichtsvolle Verantwortungsübernahme. Foto: Klaus Philippi

Hermannstadt – Nationale und internationale Diskurse lassen Europa und die Europäische Union in der aktuellen Öffentlichkeit als zwei Gesprächsgegenstände erscheinen, die sich einer gegenseitigen Annäherung und Gleichsetzung teils hartnäckig widersetzen. Langfristige Hoffnung, aber auch kurz- und mittelfristige Besorgnis transzendierten am Dienstagabend, dem 2. Oktober, aus der Ansprache von Konsul Hans Erich Tischler anlässlich des Empfangs zu Ehren des Tages der Deutschen Wiedervereinigung, den das Konsulat der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt/Sibiu im Festsaal des lokalen Hilton-Hotels ausgerichtet hatte. Hunderte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Vertreter unterschiedlicher weltlicher sowie geistlicher Behörden und Einrichtungen waren der offiziellen Einladung zur Feier des Tages der Deutschen Einheit in das Nobelhotel am Jungen Wald/Pădurea Dumbrava gefolgt.

Eröffnet wurde der Empfang zunächst durch den sauberen Auftritt eines aus Mitgliedern der Hermannstädter Staatsphilharmonie und freischaffenden Musikern gebildeten Oktetts. Auf die Darbietung musikalischer Kostproben aus dem Oeuvre einiger Komponisten wie Georg Friedrich Händel oder Antonin Dvorak folgte die Intonierung der Hymnen der Bundesrepublik Deutschland, der Republik Rumänien und der Europäischen Union.

Im Fortgang der feierlichen Veranstaltung drang in die Ohren der zahlreichen Gäste auch der eindringliche Vortrag von Konsul Hans Erich Tischler, der vom Rednerpult aus sowohl ermutigende Worte als auch kritische Meinungsäußerungen aussprach. Deutschland sei nach wie vor politisch, wirtschaftlich und militärisch der mit Abstand wichtigste Partner Rumäniens. Auch bestätigen die jüngsten Teilnahmen Rumäniens an der Berlinale, einem der größten Filmfestivals weltweit, an der Tourismusmesse in Berlin und an der Leipziger Buchmesse den lebendigen Austausch zwischen Rumänien und Deutschland.

Im Zuge desselben Vortrags erinnerte Konsul Hans Erich Tischler jedoch auch daran, dass eine gut funktionierende Demokratie das Vorhandensein von aktiver Zivilgesellschaft und kritischer, liberaler Presse erfordere. Nicht zuletzt stünden Regierende in der öffentlichen Bringschuld, einen auf sämtlichen Ebenen der Gesellschaft freien Meinungsaustausch zu ermöglichen. Die Tatsache, dass Rumänien diesbezüglich erste vermeidbare Defizite verzeichnet, findet ihren traurigen Niederschlag auch in dem aktuellen Verlauf desjenigen Schreibwettbewerbs für Schülerinnen und Schüler deutschsprachiger Bildungseinrichtungen in den Landkreisen Hermannstadt, Alba, Kronstadt/Braşov, Harghita, Covasna, Klausenburg/Cluj, Muresch, Hunedoara und Bistritz/Bistriţa-Năsăud, den das Konsulat der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt vor 10 Jahren gemeinsam mit der Redaktion der Hermannstädter Zeitung erstmalig ausgeschrieben hatte.

Tischler erwähnte freundlich, aber dezidiert, dass alle heuer von Schülern der Klassen 9-12 eingesandten Essays, deren Inhalte die Fragestellung „2019 wird Rumänien von Österreich die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen. Welche Erwartungen und Wünsche habt ihr für Rumänien an diese Ratspräsidentschaft“ erörtern, die ausgesprochen pessimistische, ja gar einhellig nahezu fatalistische Sichtweise einer ganzen Generation Jugendlicher Rumäniens deutlich indizieren. Es sei bemerkenswert, dass alle Teilnehmer des Schreibwettbewerbs sich mehr Europa wünschen, gleichzeitig aber auch kritisierten, dass in Rumänien nicht etwa optimistisch nach vorne geschaut würde, sondern das Vergangene den öffentlichen Diskurs im Heimatland viel zu starr bestimme. Laut Tischler steht Rumänien vor der großen Herausforderung, gezielte Schritte globaler Tragweite anzugehen, die den heimatlichen Gesamthorizont der eigenen, jungen und in naher Zukunft berufstätigen Elitegesellschaft erweitern können und sollen. Rumänien habe die Fortschritte in den Bereichen Lehre und Forschung, Gesundheit, Energiepolitik und Umweltschutz entschieden voranzutreiben. Abschließend erklärte Konsul Hans Erich Tischler, dass die Bundesrepublik Deutschland ihrerseits Rumänien jederzeit in allen wichtigen Belangen gerne verlässlich zur Seite steht.

Vor Eröffnung des Buffets betraten eine Musikformation und eine Tanzgruppe des Hermannstädter ethnisch-rumänischen Folklore-Vereins „Cindrelul-Junii Sibiului“ die Bühne des Empfangslokals. Die Tanzgruppe inszenierte anfangs diverse bekannte siebenbürgisch-sächsische, im Weiteren aber auch rumänisch-charakteristische Volkstänze. Im Falle letzterer jedoch hätte die folkloristische Qualität eine noch höhere Stufe der Begeisterung sämtlicher Empfangsgäste erzielt, wenn die auftretenden Künstler sich mit einer dezenteren Lautstärke der Beschallung durch die Tonverstärkungsanlagen begnügt hätten. Erwartungsgemäß sollte der Wunsch der Geschäftsstelle des Konsulats der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt nach einer Senkung der Tongewalt die landläufigen und kulturell bedingten Forderungen nach grenzwertig hoher Lautstärke zukünftig und aufgrund deutscher Etikette zum Nutzen der Allgemeinheit höflich überstimmen können.

Ein übergeordnetes Merkmal der diesjährigen Auflage des Empfangs durch das Konsulat der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt zu Ehren des Tages der Deutschen Einheit besteht darin, dass die zur Tradition gewordene Einladung jeweils Mitglieder der lokalen und regionalen Elite zusammenbringt, die nicht im wahrsten Sinne des Wortes für die tatsächliche Realität Rumäniens stehen können. Doch haben offizielle Empfangsgäste der landesweit vertretenen Filialen des Auswärtigen Amtes an sämtlichen Tagen vor und nach dem 3. Oktober im Dienste gesamt Rumäniens einen jeweils persönlichen Auftrag, der zur wirtschaftlichen Effizienzsteigerung, vor allem aber zur geistigen Öffnung des nationalen Horizonts verpflichtet, solidarisch zu berücksichtigen.

Kommentare zu diesem Artikel

Na und?, 06.10 2018, 23:26
Es gibt ab und an Leser und Hörer, die es schätzen, dass Konjunktiv verwendet wird. Und wer nicht nur belanglose Information in die ihn umgebende Welt setzen, sondern tatsächliche Meinungsbildung betreiben möchte, muss dazu auch die vergleichsweise schwierigere Sprache beherrschen können.
Zu den im Text erwähnten Empfangsgästen zählen auch Literaten, die Geduld für mehr als nur einmaliges Lesen aufbringen.
Im Text ist immerhin von einigen Zusammenhängen die Rede, die unbedingt zum langfristigen Nachdenken anregen müssen. Einmal durchlesen und dann sofort vergessen - das hilft Rumänien keinesfalls. Da müssen Gedankenprozesse in Gang gesetzt werden. Belangloses Weglegen ist gegenwärtig nicht angesagt.
In der ADZ vom 4. Juli 2018 erwähnt Lisa Spalt in einem Interview ein Zitat von Ernst Jandl: "zum Haarekämmen eignen sich meine Haare nicht."
Gerhard Fleischer, 06.10 2018, 19:41
Oje, oje, das ist stellenweise ein wenig holpriges Deutsch. "Im Zuge des Vortrags drang in die Ohren der zahlreichen Gäste der eindringliche Vortrag v. Konsul H.E. Tischler." - Dies ist ein total verunglückter Satz. "In die Ohren dringen" diese Begrifflichkeit würde ich nur für physische Objekte (also: ein Insekt, ein Stein, eine Bohne oder Erbse) verwenden, nicht aber für akustische Ereignisse. Das ist absolut SCHLECHTES DEUTSCH. Dazu: das Adjektiv "eindringlich" würde ich eher zum Substantiv "Mahnung" oder "WArnung" setzen, beim "Vortrag" würde ich "eindrücklich" verwenden. . . "Betraten die Bühne".... statt dieser umständlichen Formulierung würde ich einfach sagen: sie traten auf. Im Absatz über die grenzwertig hohe Lautstärke der Beschallung während der folkloristischen Tanzdarbietungen finden sich etliche geschwollene Sätze mit geschraubter Sprache. Meine Empfehlung an die Reporter: kurze, prägnante Sätze, wenig Schachtel- oder Nebensätze, wenig Konjunktive, sondern möglichst unverschnörkeltes, mitteilsames Deutsch. Das liest sich leichter. So geschroben und geschwollen hat man vielleicht zu Zeiten Kloppstocks geschrieben - heute ist Prägnanz, Klarheit in der Aussage, Direktheit und hoher Informationsgehalt bei sparsamem Einsatz der Sprache gefragt. In diesem Sinne: Der Bericht ist nicht schlecht, er könnte aber besser sein.
mit freundlicher Gewogenheit,
Gerh. Fleischer, Winterthur (ehemals Heltau).

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