Klassik ist fantastisch, besonders im Athenäum

Pädagogisches Jugendkonzert der Reihe „Clasic e fantastic“ in Bukarest

Samstag, 06. Dezember 2014

Wer am Sonntagmorgen des 9. November nach einem Gang durch die feiertäglich verlassenen Bukarester Straßen pünktlich um 11 Uhr in den Großen Saal des Athenäums trat, glaubte im ersten Moment, seinen Augen und Ohren nicht zu trauen. Kein kleines Häufchen eines sonntäglichen Matineepublikums, keine Flüsteratmosphäre vor Konzertbeginn, sondern ein vollbesetzter Saal voller Lebensenergie, ein hoher Lärmpegel mit Kinderlachen und lauten Gesprächen unter den Erwachsenen. Es hatte sich im Bukarester Athenäum das Publikum des Konzertzyklus mit dem schönen Titel „Clasic e fantastic“ (Klassik ist fantastisch) versammelt, das von Cristina Sârbu, der Initiatorin, Organisatorin, Moderatorin, Kommentatorin, kurz vom Spiritus rector dieser erfolgreichen Konzertreihe, aufs herzlichste begrüßt wurde.

Die in Broos/Orăştie geborene Musikerin und promovierte Musikwissenschaftlerin, Philologin, Fernseh- und Rundfunkjournalistin, Kulturmanagerin und Autorin mehrerer musikwissenschaftlicher Bücher rief die Konzertreihe „Klassik ist fantastisch“ schon vor mehreren Jahren an der Bukarester Philharmonie „George Enescu“ ins Leben, um Kinder im Schulalter für klassische Musik zu begeistern und zugleich an der Heranbildung eines künftigen Konzertpublikums für klassische Musik in Rumänien und seiner Hauptstadt mitzuwirken. Für die Konzertreihe „Klassik ist fantastisch“ wählte Cristina Sârbu eine offene, abwechslungsreiche, kommunikative und interaktive Form, die kindgerecht die Aufmerksamkeit der jungen Zuhörer immer wieder auf das musikalische Geschehen lenkt, ohne die Geduld und Konzentrationsfähigkeit des jugendlichen Publikums überzustrapazieren.

Das Konzert am 9. November, das zweite dieses pädagogischen Konzertzyklus in der laufenden Spielzeit 2014/2015, war dem Thema „Tanz“ gewidmet. Doch bevor Cristina Sârbu das Thema des Matineekonzerts präsentierte und den jungen Zuhörern erklärte, was Tänze, vor allem aber, was sinfonische Tänze sind, wurde das Orchester auf die Bühne gebeten, das sich aus Schülern des Bukarester Nationalen Gymnasiums der Künste „Dinu Lipatti“ (Colegiul Naţional de Arte „Dinu Lipatti“) zusammensetzte. Cristina Sârbu erklärte den Kindern und Jugendlichen, warum die Musiker zunächst ihre Instrumente stimmen müssen, und der langjährige Dirigent des Schulorchesters, Nicolae Racu, durfte anschließend erläutern, was Konzertmeister sind und warum er den beiden Konzertmeisterinnen beim Begrüßungsbeifall die Hand gegeben hatte. Nicoale Racu erwähnte in diesem Zusammenhang auch noch den Namen eines der vielen berühmten Absolventen des „Dinu Lipatti“-Gymnasiums, der es später zu Ruhm und Ehre auf internationalem Parkett gebracht hat. Der 1962 in Bukarest geborene Geiger Lorenz Nasturica-Herschcowici wurde 1992 erster Konzertmeister der Münchner Philharmoniker, eines der großen Sinfonieorchester der Welt.

Mit „Hopak“, einem sinfonischen Tanz des armenischen Komponisten Aram Chatschaturjan, wurde das Konzert dann eröffnet, und die fulminante Eingangssequenz des mitreißenden Musikstückes machte das jugendliche Publikum zunächst einmal sprachlos, ebenso wie die Erwachsenen, die die beeindruckende Qualität des Schulorchesters durchaus schätzten. Nach der sinfonischen Version dieses ukrainischen Volkstanzes, der auch als „Gopak“ ausgesprochen wird, folgten die sechs „Ländlerischen Tänze“, auch „Deutsche Tänze“ genannt, von Wolfgang Amadeus Mozart (KV 606) und danach ein Tanz aus der Ballettoper „Les Indes galantes“ des französischen Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau. Besonders bei letzterem Werk ließ sich beobachten, wie einzelne Kinder auf ihren Sitzen unwillkürlich mittanzten, indem sie ihre Arme schwangen oder ihre Oberkörper wiegten, zumindest bis ihnen das von den wachsamen Müttern wieder untersagt wurde.

Zwischen den einzelnen Stücken war dann immer viel Bewegung auf der Bühne. Einzelne Kinder wurden, ihren Platznummern gemäß, nach vorne gerufen und durften sich dann, hinter den Posaunen und den Schlagwerkern, ins Orchester setzen und das musikalische Geschehen einmal auch von der anderen Seite aus betrachten. Sogar halbe Schulklassen wie auch deren Lehrer und Betreuer durften zwischendurch einmal an die Rampe treten, und die Geburtstagskinder des 9. November erhielten zudem auf der Bühne kleine Geschenke überreicht, ebenso wie diejenigen Kinder, die am Tag zuvor, dem Tag der heiligen Erzengel Michael und Gabriel, Namenstag gehabt hatten. Gut, dass die Sponsoren vorgesorgt hatten und genug Präsente für die zu feiernden Kleinen bereitgestellt hatten!

Auch in musikalischer Hinsicht konnten die jugendlichen Zuhörer einiges mit nach Hause nehmen. So wurden oftmals, bevor die eigentlichen sinfonischen Tänze erklangen, deren musikalische Themen vorgestellt, besonders eindrucksvoll am Beispiel des provençalischen Volkstanzes „Farandole“ aus George Bizets zweiter „L’Arlésienne“-Suite, wo die beiden Hauptthemen zum vorwärts drängenden Rhythmus des Tamburins am fulminanten Schluss des Werkes einander überlagern. Vor diesem Finalstück des Konzerts erklangen noch der fünfte der „Ungarischen Tänze“ von Johannes Brahms, der zweite der „Slawischen Tänze“ von Antonín Dvorák, eine ukarinische „Dumka“, sowie der „Feuertanz“ aus dem Ballett „El amor brujo“ von Manuel de Falla, bei dem den Kindern das Knistern und Schwelen des Feuers vor seinem lichterlohen Ausbruch musikalisch sinnfällig vor Augen geführt wurde.

Am Ende bedankte sich das Publikum beim Orchester und bei den beiden Dirigenten Nicolae Racu und Andrei Ştefan Racu mit einem überwältigenden Applaus, der in demselben Maße auch der Präsentatorin Cristina Sârbu galt, die bereits auf das nächste pädagogische Jugendkonzert aufmerksam machte und dazu Kinder (ab 7 Jahre) und Jugendliche, deren Eltern und Großeltern, und selbstverständlich auch alle Musikliebhaber herzlich einlud. Das nächste Konzert der Reihe „Klassik ist fantastisch“ mit dem Thema „Traditionelle rumänische und amerikanische Weihnachtslieder“ findet am Sonntag, dem 7. Dezember 2014, statt, und zwar, wegen der großen Nachfrage, in zwei Tranchen, von 10 Uhr bis 11.30 Uhr und von 12.30 Uhr bis 14 Uhr. Wer Musik liebt und sich an einer Konzertatmosphäre, die sich als eine Mischung aus Kindergeburtstag, Unterrichtsstunde, Konzertmatinee, Familienfeier und Schulausflug beschreiben lässt, erfreut, wird diesen Sonntagvormittag doppelt genießen.

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