Klassische Musik in Musical- und Zeichentrickfilmen

Das Radioorchester unter David Crescenzi mit Daniel Petrică Ciobanu als Solist

Freitag, 25. Mai 2018

Wer am Abend des 18. Mai zum Konzert des Radioorchesters im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks eilte, wurde mit einer ungewöhnlichen Situation konfrontiert: lange Schlangen an den Eingängen, aufgeregte Stimmung, letzte fieberhafte Versuche, kurz vor Konzertbeginn noch Karten zu erwerben. War es der Dirigent, der für den Andrang sorgte? Oder der Solist? Oder war es das Programm des Abendkonzerts?

Dieses jedenfalls bestand aus vier Kompositionen, die sämtlich ein großes Sinfonieorchester auf der Bühne verlangen. Im ersten Teil des Konzertprogramms wurden die älteste und die jüngste Komposition des Abends gegeben: die 1897 entstandene programmmusikalische Dichtung „Der Zauberlehrling“ von Paul Dukas nach der gleichnamigen Ballade von Johann Wolfgang Goethe und die „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ (op. 43) des russischen Komponisten Sergei Rachmaninow, die im Jahre 1934 in Baltimore mit dem Komponisten selbst am Flügel uraufgeführt wurde.

Der zweite Teil des Konzertprogramms war dann einem einzigen Komponisten gewidmet: dem amerikanischen Pianisten und Dirigenten George Gershwin. Zwei seiner Orchesterwerke, in denen er versuchte, Jazz und konzertante Sinfonik miteinander zu verbinden, waren an diesem Abend im Mihail-Jora-Saal des Rumänischen Rundfunks zu hören: seine Broadwaykomposition „Rhapsody in Blue“, bei deren Uraufführung im Jahre 1924 in der New Yorker Aeolian Hall der Komponist selbst am Klavier saß, und seine Tondichtung „An American in Paris“ aus dem Jahre 1928.

Was sämtliche vier an diesem Bukarester Konzertabend gespielten Werke über ihre musikalischen Affinitäten hinaus zusammenhielt, ist die Tatsache, dass sie alle, auch wenn sie keine originären Filmkompositionen darstellen, besonders häufig im Soundtrack von Filmen unterschiedlichster Genres verwendet wurden. „Der Zauberlehrling“ von Paul Dukas bildet die musikalische Grundlage des Films „Fantasia“ aus dem Jahre 1940 von Walt Disney, in dem darüber hinaus Werke anderer Komponisten klassischer Musik wie Beethoven, Schubert, Tschaikowsky, Mussorgski und Strawinski zur Untermalung des Zeichentrickfilmgeschehens herangezogen wurden. Und in der Fortsetzung dieses berühmten Disney-Films, in dem 1999 erschienenen Streifen „Fantasia 2000“, finden sich neben Paul Dukas’ „Zauberlehrling“ unter anderem auch Gershwins „Rhapsody in Blue“ im Soundtrack wieder. Der 1951 entstandene Film „Ein Amerikaner in Paris“ von Vincente Minnelli trägt sogar denselben Titel wie George Gershwins Orchesterkomposition aus dem Jahre 1928, und diese seine gleichnamige Tondichtung begleitet neben anderen Werken des Broadwaykomponisten die filmischen Ballett- und Tanzeinlagen von Gene Kelly, deren Choreografie von jenem selbst entwickelt wurde. Von Vincente Minnelli stammt auch der 1953 entstandene romantische Episodenfilm „The Story of Three Loves“ (zusammen mit Gottfried Reinhardt), in dem Sergej Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ ausgiebig verwendet wird, und dabei ist dieser Streifen nur der erste in einer langen Liste von Filmen, in denen Rachmaninows mitreißende Komposition die Handlung untermalt und begleitet.

Live ist Musik aber immer noch am schönsten! Diese Erfahrung konnten die Konzertbesucher im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks, die vielleicht wegen der genannten Filme in den Konzertsaal geeilt waren, auf jeden Fall machen. Bereits das erste Stück des Abends, Dukas’ „Zauberlehrling“, entführte sie in eine sinfonische Klangwelt, die man auch ohne programmmusikalische Vorgaben durch die Goethe-Ballade genießen konnte. Das außerordentlich heikle Werk (gemeinsame Pizzicati der Streicher, zahlreiche Generalpausen mit diffizilen Neueinsätzen etc.) verlangte den Musikern des Sinfonieorchesters des Rumänischen Rundfunks und auch dem Dirigenten des Abends, David Crescenzi, einiges ab, doch die geballte Konzen-tration, die auch im Publikum zu spüren war, führte zu einer gelungenen Interpretation der anspruchsvollen Tondichtung, die denn auch im Radiosaal durch eine musikalische Tonaufnahme verewigt wurde.
Danach betrat der Solist des Abends, der junge rumänische Pianist Daniel Petric˛ Ciobanu, im weißen Jackett und mit am Hinterkopf sitzendem Haarknoten die Bühne des Mihail-Jora-Saales. Der international bereits vielfach ausgezeichnete Pianist (Preise bei Klavierwettbewerben in Marokko, Südafrika, Brasilien und Israel) studiert derzeit an der Universität der Künste Berlin und hat auch schon mit zahlreichen internationalen Orchestern gemeinsam konzertiert. Bereits die ersten Töne des oft gespielten Werkes von Rachmaninow machten deutlich, dass es sich hier um einen Ausnahmepianisten handelte, der die 24 Variationen am Flügel gleichsam tänzerisch begleitete, fast wie Michail Fokine in seiner Ballett-Choreografie zu Rachmaninows Werk. Wunderbar auch die Registerwechsel des Pianisten: von den leichten und schwebenden Paganini-Passagen zu den düsteren Einbrüchen des Dies-irae-Themas in die lichte Klangwelt des Teufelsgeigers.

Nach der Pause wurde das Bukarester Konzertpublikum mit einem weiteren Auftritt von Daniel Petrică Ciobanu beglückt, diesmal im grau glitzernden Jackett aus der Welt des Show Business, was zu George Gershwins „Rhapsody in Blue“ durchaus passte. Bei der Aufführung dieses Werks, das mit dem berühmten Klarinettenglissando beginnt, ließ der Pianist das ganze Spektrum seines Könnens schillern und glitzern, vor allem in den wunderbar dahin perlenden Kadenzen. Das Publikum, das nicht genug davon bekommen konnte, wurde nach begeistertem Applaus noch durch eine Jazz-Zugabe des Pianisten in rasantestem Tempo belohnt und auf dessen hoffentlich baldigen nächsten Auftritt vertröstet.

Den Abschluss des ausgelassenen Bukarester Konzertabends bildete dann George Gershwins Tondichtung „Ein Amerikaner in Paris“, in der man buchstäblich bzw. tonbildlich das Hupen der Pariser Taxis vernehmen konnte. Das vom glänzend aufspielenden Radioorchester interpretierte Werk entführte die Zuhörer schwerelos in das Paris der zwanziger Jahre, fast so wie in Woody Allens Film „Midnight in Paris“, in dem Gershwinsche Jazzklänge selbstverständlich nicht fehlen.

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