Klimaschutz beginnt von unten!

Vorreiter-Kommunen im deutschen Masterplan 100 Prozent Klimaschutz – ein Ansatz auch für Rumänien?

Mittwoch, 04. April 2018

Klimakonferenz: Vize-Premier und Umweltministerin Grațiela Gavrilescu verspricht, regenerierbare Energien und Aufforstungen zu fördern.
Foto: die Verfasserin

Klimawandel – für viele ist der Begriff etwas Abstraktes, etwas, das in Brüssel oder Paris diskutiert wird, auf hoher staatlicher Ebene. Mit mir und dir, meinem Dorf und deiner Stadt scheint der Klimawandel nichts zu tun zu haben. Andere glauben noch nicht einmal daran: „Extremwetter hat es immer gegeben“, „die Eiszeit kommt auch so,“ „die Wissenschaftler streiten sich“, oder gar „das ist doch alles politisch eingefädelt“, solche Sprüche hört man täglich. Dabei ist längst wissenschaftlich bewiesen, dass der Mensch für etwa 90 Prozent des Temperaturanstiegs der letzten Jahre verantwortlich ist! Eiszeiten kommen zwar auch von alleine - doch statt in Millionen Jahren könnten wir vielleicht schon in den nächsten Generationen damit konfrontiert sein.

„Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit“, warnt auch der deutsche Botschafter in Bukarest, Cord Meier-Klodt, in seiner Ansprache auf der Konferenz „Ein Klimaschutz-Masterplan für Rumänien? Deutsche und rumänische Projekte, um die CO2 Emissionen zu reduzieren“ am 22. März im Bukarester World Trade Center. Auf der von der Deutschen Botschaft in Kooperation mit der rumänischen NGO Environ organisierten Informationsveranstaltung kamen weltweit führende Klimaexperten zu Wort, aber auch Vertreter aus Lokalbehörden und NGOs, die sich mit der konkreten Umsetzung von Klimaschutz befassen. Die Palette der Themen reichte von integrierten Klimamodellen und Zukunftsprognosen über die Masterplan-Richtlinie des Bundesministeriums für Umwelt (BMU) für Kommunen, die beispielgebend bis 2050 ihre Treibhausgasemissionen um 95 Prozent und den Energieverbrauch um 50 Prozent senken wollen, bis zu konkreten Herausforderungen in Stadtplanung, Müllmanagement, Energieverbrauch und Mobilität. Vor allem aber wurde deutlich: Klimaschutz geht uns alle an, die Umsetzung muss auf lokaler Ebene erfolgen. Worin sich die Vortragenden einig waren: Die größte Hürde besteht meist darin, den Bürger zu überzeugen. Denn Klimaschutz bedeutet Einschränkung jetzt und hier, während die gefühlte Bedrohung, wenn überhaupt, in weiter Ferne liegt.

Die Forscher sind sich längst einig

Klimamodelle gibt es viele, doch das Wetter ist, mathematisch betrachtet, ein „chaotisches System“, das nicht mit hundertprozentiger Zuverlässigkeit vorausberechnet werden kann. So gibt es auch auf der Weltkarte von Dr. Matthias Lüdeke vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK), weiße und schwarze Punkte. In den schwarzen Punkten sind sich die ca. 30 in die Studie eingeflossenen Klimamodelle einig, was passieren wird, während die weißen Punkte Zonen mit unvorhersagbaren Folgen markieren.

Schon die erste Folie zeigt den dramatischen Temperatur- und CO2-Anstieg von 1990 bis heute. Unumstritten ist, dass der Temperaturzuwachs menschlich verursacht und direkte Folge des CO2-Anstiegs ist. Der Einfluss natürlicher Faktoren, etwa durch den Anstieg der Sonnenflecken-Aktivität, beträgt gerade mal 5 Prozent. Wie es in der Zukunft weitergeht, hängt daher entscheidend von der Limitierung der CO2-Emissionen ab. Wenn wir so weitermachen wie jetzt, wird sich die Erde bis 2050 um 2 Grad Celsius, bis 2100 um fast 6 Grad Celsius erwärmen - mit katastrophalen Folgen für jedes Grad (Szenarien siehe: „Später als fünf vor zwölf“, ADZ vom 31.10.2015). Das Ziel des Pariser Klimaabkommens ist daher, die Erderwärmung auf 1,5 Grad, maximal 2 Grad zu beschränken, durch drastische Einschränkung des CO2-Ausstoßes.

Globale Klimamodelle, mit Gray-Rechnern zu einer einzigen Aussage vereint, prognostizieren die Veränderungen für das nächste Jahrzehnt. Eine Karte zeigt für 571 Städte in Europa die Hotspots, in denen mit Dürre oder Überflutungen zu rechnen ist. Besonders betroffen von beidem: Südosteuropa. Auf dem Gebiet Rumäniens sind die Vorhersagen, als schwarze Punkte zu sehen, mit hoher Sicherheit zutreffend: Der Sommerniederschlag würde um 22 Prozent abnehmen, die Sommertemperatur um 5 Grad steigen, Hitzewellen wären an der Tagesordnung. Wird in den nächsten Jahren plangemäß CO2 reduziert, ist mit nur 2,5 Prozent Niederschlagsabnahme zu rechnen.

Welche Maßnahmen sind erforderlich?

„Um das gesteckte Ziel zu erreichen, müssen wir bis 2050 emissionsneutral sein“, warnt der Forscher. „Was bedeutet: drastische Veränderungen in nur einer Generation und ein völlig anderes Wirtschaftssystem. All dies muss gezielt in Gang gesetzt werden.“ Große Veränderungen müsste es im Bereich Gebäudeheizung geben, eine Verkehrswende zu elektrischem Antrieb und Verkehrsvermeidungsstrategien. Ab 2050 müssten negative Emissionen generiert werden, um CO2-Belastungen aus der Landwirtschaft auszugleichen. „Alles extrem teure Technologien“, gibt der Forscher zu bedenken. Die Last müsse gerecht verteilt werden: Wer historisch hohe Emissionen hatte, soll zu mehr Maßnahmen verpflichtet werden, von reichen Ländern könne man mehr erwarten als von armen. Derzeit sind die geplanten EU-Maßnahmen noch unzureichend, um die Ziele für 2050 zu erreichen. „Es muss zu ambitionierten Selbstverpflichtungen kommen, sonst haben wir mit extremen Folgen zu kämpfen“, meint Lüdeke.

Der Soziologe Dr. Fritz Reusswig (PIK) warnt: Der Klimawandel, in Temperaturanstieg ausgedrückt, klingt zu abstrakt. Als spürbare Folgen nennt er Hitzetote, Probleme mit der Grundwasserversorgung und Überschwemmungen in Städten, die nicht an Flüssen liegen, durch Platzregen. Neben Emissionsreduzierung müsse man auch an die Anpassung an den Klimawandel denken. In Rumänien werden die Niederschläge zwar in der Summe abnehmen, doch wenn, wird es kurzzeitig in Strömen regnen, so dass die Versiegelung der Oberflächen ein Problem für die Wasserableitung darstellt. In Deutschland wurde bereits festgestellt, dass die aktuelle Kanalisierung für die Zukunft nicht ausreicht. Ein Ausbau wäre zu teuer, man denkt an Systeme zur Ableitung an der Oberfläche, was in der Planung von Straßenbau, Grünflächen und Gebäuden berücksichtigt werden muss. Die Folgen des Klimawandels aufzufangen, stellt vor allem auf kommunaler Ebene eine Herausforderung dar. „Und ist auf jeden Fall teurer als die Strategien zur Eindämmung“, resümiert der Experte.

Networking, Transparenz, Mentalitätswandel

Dr. Sebastian Metz, Direktor der deutsch-rumänischen Industrie- und Handelskammer (AHK), erläutert, warum für die AHK Klimaschutz ein Thema ist. Die größte bilaterale Handelskammer in Rumänien hat ein Netzwerk zur Vereinigung von Firmen, Organisationen, und Instituten beider Länder gegründet, zur Förderung nachhaltiger Technologien. Econet Romania (www.econet-romania.com), 2007 gegründet, vereint heute ca. 600 GreenTech Firmen und informiert über Energieeffizienz, CO2-Minderung, Abfallmanagement, Umweltthemen und nachhaltige Stadtentwicklung, organisiert Meetings zur Ressourcenbündelung, Recycling-Aktionen und Workshops, bringt Unternehmen, Ministerien, Experten und NGOs zusammen. „Was wir in Rumänien brauchen, ist ein Mentalitätswandel“, betont auch Metz. „Die Einstellung zur Umwelt muss sich ändern.“ Doch Change-Prozesse gehören auch in Unternehmen zu den größten Herausforderungen, räumt er ein.

Kein Grund, unmöglich Scheinendes nicht in Angriff zu nehmen, findet Reusswig. Er erinnert an den Wandel im Raucherverhalten, den in den 1940er Jahren niemand für möglich gehalten hätte. „Wandel fängt nicht mit der Mehrheit an, sondern mit einer kritischen Masse.“ Lokalpolitiker sollten sich daher nicht nur an die Mehrheit richten, empfiehlt er, sondern eine solide Basis an Unterstützern ansprechen.

Wie man Bürger ins Boot holen kann, zeigt ein Beispiel aus Potsdam: Dort wurde überlegt, für bestimmte Stadtteile einen CO2-Deckel einzuführen. Autos sollten aus ganzen Zonen entfernt werden – ein Plan, der zwar einen Preis im BMU gewonnen hatte, von der Bevölkerung jedoch heftig angegriffen wurde, bis hin zu Drohungen. Erst als eine Bürgerinitiative gegründet wurde, mit der Auflage, diese solle ihr Stadtviertel selbst planen, war die Akzeptanz der Maßnahmen höher. „Transparenz und Kostenwahrheit sind essentiell in diesem Prozess“, vermittelt Reusswig. Als in Potsdam versuchsweise auf bestimmten Straßen nur eine Pkw-Spur und zwei Spuren für öffentliche Busse eingerichtet wurden, hagelte es ebenfalls Proteste. „Doch die Politik argumentierte: Entweder wir greifen in den Verkehr ein – oder wir müssen Dieselfahrzeuge in der Innenstadt ganz verbieten.“

Masterplan 100 Prozent Klimaschutz

Zur Entwicklung eines Müll-Modells für das Erreichen der Ziele des Masterplans 100 Prozent Klimaschutz – also 95 Prozent Reduzierung des CO2-Ausstoßes und 50 Prozent Energieeinsparung bis 2050 - berichtete Björn Kühnl als Master Plan Manager des Bezirks Gießen (Hessen). 425 Kilogramm Müll pro Jahr und Person fallen dort an, der dringend verringert werden muss. Erste Erfolge: Plastikmüll, bisher exportiert, wird zunehmend vor Ort recycelt, das Methangas aus den beiden Mülldeponien wird aufgefangen und der Stromerzeugung zugeführt. Auf den nutzlosen Flächen ausgelaufener Deponien sollen Solarparks entstehen. Gewerbeabfall, früher zu 80 Prozent exportiert, wird vor Ort thermisch verwertet. Biomasse wird in einer Anlage zu hochwertigem Kompost verarbeitet, geplant ist zudem der Bau einer Vergärungsanlage. Die technische Hochschule hat einen Ofen zur Verbrennung von Gras und Grünschnitt entwickelt, der das Nahwärmenetz speisen soll. Ein Unternehmen hat einen künstlichen Stein erfunden, in dessen Herstellung 40 Prozent Altbeton aus Bauschutt einfließen. Verbleibende Herausforderungen sind, Stoffkreisläufe vor Ort ganz zu schließen, Bürger davon zu überzeugen, sich ans Nahwärmenetz anzuschließen, eine Sammelstruktur für Grünabfälle zu schaffen und den Einsatz recyclingfähiger Stoffe zu erhöhen.

Rike Arff, Leiterin des Klimaschutzbüros der Stadt Hannover, ebenfalls Masterplan-Kommune, hat einen Verkehrsentwicklungsplan für die 40-prozentige Reduzierung von Treibhausgas bis 2020 entwickelt. Dieser stützt sich auf den Ausbau des Radwegnetzes: Radautobahnen, Radparkplätze, Förderung von Transportbikes für Firmen, Schneeräumdienste auf Radwegen, Verknüpfung mit dem öffentlichen Nahverkehr (Bike&Ride) auch zur Stoßzeit. 17 Prozent Radfahrer zählt Hannover schon, bald sollen es 25 sein. Dann wird jeder vierte Weg mit dem Rad zurückgelegt werden.

21 Masterplan-Kommunen gibt es derzeit in Deutschland, die als Vorreiter im Klimaschutz finanziell gefördert werden. 23 weitere Kommunen haben Abkommen unterzeichnet. Wie wichtig Klimaschutz auf Städte-Ebene ist, illustriert eine Tabelle von Fritz Reusswig: Berlin produziert mit 20,7 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr in etwa so viel wie ganz Kroatien, Moskau kann es mit 44,8 mit Bulgarien aufnehmen, Tokio macht mit 65,9 Österreich Konkurrenz. Eberswalde, mit 0,23 extrem sparsam, pustet fast so viel CO2 wie Zentralafrika in die Luft!

Die deutschen Masterplan-Kommunen gehen mit gutem Beispiel voran – ein Modell vielleicht auch für Rumänien? Hindernisse gibt es auch dort: „Geldmangel, Schulden, Zuständigkeit, soziale Probleme, Populismus und mangelnde politische Unterstützung“, zählt Reusswig auf. Andere haben es endlich begriffen: „Trump will zwar aussteigen aus dem Klimaschutzabkommen – doch viele US-Städte und Staaten haben sich trotzdem verpflichtet, weiterzumachen.“ Denn Klimaschutz beginnt von unten – in unserer Stadt, unserem Dorf, bei mir und bei dir.

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