Knastschriftstellerei ist wieder in Mode

Schreiben hinter Gittern: Ein Buch für 30 Tage Freiheit

Dienstag, 21. Juli 2015

Symbolbild: freeimages.com

Dieses Land hat ein großes Problem: Es hat schon zu viele Schriftsteller. Und es werden immer mehr. Das wegen den Schriftstellern im Gefängnis. Das geht so: Man buchtet die Leute ein, das ist normal, doch kaum sind sie drin, fangen sie schon an zu schreiben. Und das sind fast ausschließlich Leute, die draußen gar nichts schreiben, auch nicht viel vom dummen Lesen halten, weil das doch reine Zeitverschwendung wäre. Anstatt im Gefängnis fünf vor zwölf einen anständigen Beruf zu lernen, Tischler oder Installateur, schreiben diese Leute – acht Stunden täglich gewährt ihnen dafür das Reglement unserer Haftanstalten – drauflos. Für ein Buch erhalten sie 30 Tage Freiheit geschenkt. Hat man uns anderen, die wir uns in der Freiheit herumquälen, um ein Büchlein fertigzukriegen und es dann oft nur schwer oder gar nicht veröffentlichen zu können, jemals etwas dafür geschenkt? Nein, nicht mal einen freien Arbeitstag.

Der Staat unterstützt auch noch diese Knastschriftstellerei. Das vom rumänischen Parlament abgesegnete Gesetz 275/2006 und das im Eilverfahren angenommene Gesetz 254/2013 sind nach Meinung dieser über Nacht geborenen Schriftsteller schon eine gute Sache, aber etwas zu restriktiv: Verkürzungen der Haftstrafen um 30 Tage werden nur für wissenschaftliche Arbeiten, für Erfindungen oder Neuerungen gewährt. Die Poeten, die Memoiren- oder Tagebuchschreibenden kriegen gar nichts – was nicht korrekt ist, nicht wahr. Zu den Hauptschuldigen in dieser Angelegenheit gehört selbstverständlich auch die Antikorruptionsbehörde DNA, die während der Untersuchung alles prüft, aber nicht auch die Prüfung der schriftstellerischen Qualitäten vornimmt. Der Schriftstellerverband schweigt sich darüber aus. Diese Leute haben halt auch ihre Sorgen. Nur Mircea Cărtărescu, eine der Spitzen der rumänischen Gegenwartsliteratur, zeigte sich Feuer und Flamme für die Idee: „Ich will auch ins Gefängnis!“ Der Mann bräuchte in der Freiheit drei bis fünf Jahre, um ein Buch zu schreiben. Im Gefängnis wäre das was anderes. DNA-Chefin Kövesi könne schon irgendetwas Gesetzwidriges bei ihm finden, meinte er.

Es ist zu einem Problem geworden, denn es wird schon in allen 45 Haftanstalten Rumäniens, nicht nur in Rahova, Jilava oder Poarta Albă, geschrieben. Stellen Sie sich vor, man würde nun auch die einbuchten, die draußen schreiben? In den rumänischen Haftanstalten fehlen sage und schreibe 10.000 Plätze. Für die Sanierung der Gefängnisse – einige sind 100 Jahre alt – und für neue Haftanstalten, aber auch für menschenwürdige Bedingungen für alle Insassen wäre eine Milliarde Euro nötig. Ein Haufen Geld. Kürzlich versprach die Ponta-Regierung, rapide zwei neue Gefängnisse in Caracal und Berceni zu bauen. Gute Nachrichten also für die Schriftsteller.

Wer sind unsere Knastschriftsteller?

Kann jeder Gefängnisinsasse ein Buch schreiben? Die Antwort der Landesverwaltung der Haftanstalten erinnert an Radio Jerewan: Im Prinzip ja! Jeder Insasse, mit einem Erzieher als Betreuer zur Seite, kann in der Haftzeit, ungeachtet der Haftbedingungen, ein wissenschaftliches Buch schreiben. Aus den rumänischen Gefängnissen sind so in den letzten Jahren Werke aller Genres hervorgegangen: technische, juristische, soziale, historische, Bücher über Umweltschutz, Politik, Marketing, Internet, weniger jedoch Bände mit Lyrik, Prosa. Theater. Das allgemeine Profil des rumänischen Gefängnisinsassen sei das eines Halbanalphabeten, heißt es seitens der Fachleute, die Zahl der Intellektuellen hinter Gittern ist weiterhin klein, doch das hat sich in den letzten Jahren stark gebessert.

Das erste literarische Produkt eines Häftlings nach der Wende war „Das Leben und die Zeiten des Vlad Dracul. Einflüsse auf die Familie“, das der Amerikaner Kurt Treptow (wegen Kindsmissbrauch verurteilt) 2006 in englischer Sprache herausgebracht hat. An berühmte rumänische Autoren, die in den kommunistischen Gefängnissen, etwa Jilava, einsaßen und auch dort heimlich schrieben, sei mit Dinu Pillat, Constantin Noica oder Nicolae Steinhardt erinnert.
Heute heißen die Schriftsteller-Stars von Jilava Adrian Năstase und Sorin Ovidiu Vântu. Ex-Premier Năstase, unterdessen schon in Freiheit, war wohl der Glaubwürdigste unter den Gefängnisschriftstellern, auch der einzige Insasse mit Blog. Er schrieb in 265 Hafttagen zwei Bücher, „Exerciţii de libertate“ und ein Buch zum Thema Rumänien und die EU, und darauf noch das Buch „Die Welt, die Amerikaner und wir“, Litera-Verlag. Vântu verfasste eine wissenschaftliche Studie zum Thema Rumänien während drei Epochen, etliche Stimmen bezichtigten ihn öffentlich eines groben Plagiats. Auch Ionel Manţog, ehemaliger Direktor des Energetischen Komplexes Turceni und Staatssekretär, 1912 zu fünf Jahren Haft verurteilt, werkelt, laut Vertreter der Haftanstalt TârguJiu acht Stunden täglich an einem Buch.

Ein kurioses Machwerk ist 2012 aus der Haftanstalt Drobeta Turnu-Severin hervorgegangen: Die Arbeit „Selbst entwickelte Techniken und Methoden der Zerstörung“ behandelt gar die Problematik des Terrorismus. T.D., der mysteriöse Autor, hat als Mitautoren hohe Armeeoffiziere (das Buch erschien im Militärverlag), das Vorwort schrieb ein berüchtigter Fachmann, kein anderer als General Victor Atanasie Stănculescu. Noch interessanter ist jedoch die Schriftstellergruppe der inhaftierten ehemaligen Fussball-Bosse, darunter Gigi Becali, George Copos, Gigi Neţoiu, Cristian Borcea oder der Milliardär und Boss des Klubs Astra Giurgiu, Ioan Niculae. Diese über Nacht zu Knastautoren gewordenen Leute, in Freiheit skrupellose Geschäftemacher, etliche darunter ohne Hochschulstudium, verfassten 25 sogenannte wissenschaftliche Arbeiten, die von Experten fast alle des Plagiats überführt werden konnten.

Einige der Bücher sind auf unverschämte Art von Internetauftritten öffentlicher Publikationen heruntergeladen. Leider wurde die Leserschaft geprellt. Diese Bücher, ein Großteil im Verlag „Oscar Print“ erschienen, sind einfach spurlos verschwunden, da ihre Autoren die Auflage restlos ankauften. Hier einige dieser Blüten: „Becali und die Politik“ oder „Becali und Steaua“ (Der Autor kopierte einfach das Archiv der Sportzeitung „Gazeta Sporturilor“), „Der Berg Athos“, wahrscheinlich sein einziges Buch, das aus persönlichen Erfahrungen schöpft (Gigi Becali), „Das mittelalterliche Tăşnad“ (George Copos), „Die Persönlichkeit des Sportlers“ (Gică Popescu). Der inhaftierte Milliardär Ioan Niculae hatte es besonders eilig. Er schaffte schon im ersten Monat seiner Haftzeit das erste Buch über den Brennstoff der Zukunft (Verlag Aius), weitere werden bestimmt folgen.

„Don Quijote“ wurde von einem Galeerensklaven geschrieben

Die Gefängnisliteratur kann auf eine gar nicht unrühmliche Tradition von 2000 Jahren zurückschauen. Wenn man von den vielen authentischen aber subjektiven Erfahrungstexten der Laien (Geschichten, Tagebücher, Verhörprotokolle, Flugblätter) aus den Gefängnissen aller Zeiten und Regimes absieht, entstanden aus der Knasterfahrung auch einige der großen Meisterwerke der Menschheit. So der Roman „Don Quijote“. Sein Autor Miguel de Cervantes (1547-1616) landete als Hochverschuldeter mehrmals im Gefängnis. Seine Inspiration für den Roman (1605) bezog er gar als Galeerensklave (5 Jahre). Sir Walter Raleigh schrieb seine Geschichte der Welt im Tower of London und schaffte bis zu seiner Hinrichtung 1550 zum Glück den ersten Band. Einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur , der russische Romanautor Fjodor M. Dostojewski (in 170 Sprachen übersetzt) schrieb im sibirischen Arbeitslager (acht Jahre Zwangsarbeit) 1849-57 sein Werk „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“. Berühmte Gefängnisinsassen früherer Zeiten waren Sokrates (470-399) oder Thomas Morus (16. Jh.). Der weltberühmte Oscar Wilde schrieb ein Buch über seine zwei im Gefängnis verbrachten Jahre. Ein bekanntes Beispiel: Karl May, einer der meistgelesenen deutschen Autoren aller Zeit (über 200 Millionen Mal verkauft), wurde steckbrieflich als Kleinkrimineller gesucht, saß für Betrügerein, Fälschung, Diebstahl acht Jahre im Gefängnis, wo er seine späteren, so beliebten Abenteuer- und Reiseromane konzipierte, bis er letztlich selbst davon überzeugt war, seine Erzählfigur Old Shatterhand und der Erbe der Apatschen zu sein.

Weitere Gefängnisautoren: Paul Verlaine, Ernst Toller, Jean Genet. Der Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn hat seine Erfahrungen im sowjetischen Gulag in der Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ und in seinem Monumentalwerk „Der Archipel Gulag“ (1974) verwertet.  Ezra Pound, einer der größten Lyriker der Neuzeit, schrieb seine „Pisaner Cantos“ als amerikanischer Kriegsgefangener. Adolf Hitlers politische Schrift „Mein Kampf“ entstand teilweise im Knast. Nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch wurde Hitler 1924 zu fünf Jahren Festungshaft auf Bewährung verurteilt und schon im Dezember des Jahres wegen guter Führung entlassen. Nelson Mandelas Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“ entstand trotz strengen Verbots während seiner Haftzeit auf der südafrikanischen Gefängnisinsel Robben Island. Mitinsassen schmuggelten das Manuskript Zettel um Zettel aus dem Gefängnis.

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