„Königin der Instrumente“ feiert Jubiläum

175 Jahre seit der Einweihung der Buchholz-Orgel in der Schwarzen Kirche

Donnerstag, 17. April 2014

Die Buchholz-Orgel steht regelmäßig im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens in der Schwarzen Kirche. Hier in Begleitung des Bachchors (Dirigent: Steffen Schlandt) im Rahmen der Konzertreihe „Musica Coronensis“ 2011. Foto: Christine Chiriac

Schon im 15. Jahrhundert erklang Orgelmusik in unserer Kirche. Nach dem großen Stadtbrand von 1689 wurde eine kleinere Orgel auf die Nordseite der Chorwand aufgestellt, 1728 kam ein Positiv als Schenkung eines Kürschners hinzu.

Erst 1839 konnte sich die Gemeinde einen Neubau leisten. Der Erbauer der Orgel war Carl August Buchholz aus Preußen. Fast ein Jahrhundert lang (1788-1885) lebten und arbeiteten drei Generationen von Orgelbauern der Familie Buchholz in Berlin. Der Vater, Johann Simon Buchholz, ist als ein Vertreter der spätbarocken Orgelbaukunst anzusehen, während sein Sohn, Carl August Buchholz, den Übergang zu der frühromantischen Klangwelt schaffte. Unter ihm sollte die Firma erblühen: Über 100 Neubauten, von einmanualigen Instrumenten bis hin zu den viermanualigen 32-Fuß-Orgeln in Berlin (St. Nicolai) und Kronstadt, wurden aufgestellt.

Der dritte in dieser Reihe, Carl Friedrich Buchholz, ging unter anderem zu dem französischen Orgelbauer Cavaille Coll in die Lehre. Mit ihm erlosch die Firma Buchholz, die in weite Teile Vorpommerns, nach Schlesien, in den Berliner Raum und nach Kronstadt Instrumente höchster technischer Qualität und von meisterhafter Intonation geliefert hatte. Von diesen Zeugnissen frühromantischer Orgelkultur sind leider nur noch Bruchstücke erhalten geblieben. Einige Restaurierungen bringen diese Klänge wieder auf ihre ursprüngliche Frische zurück und die anspruchsvollen Renovierungsprojekte in Barth und Stralsund zeigen das Interesse an dem Werk dieses Orgelbauers.

Als Anerkennung seiner Leistungen erwies ihm die Berliner Akademie der Künste die Ehre, ihn 1851 in ihre Reihen aufzunehmen. Dabei blieb Buchholz stets ein sehr bescheidener Mensch. Er hinterließ kaum Spuren in den Orgeln, die auf den Erbauer hinweisen, und pries auch nicht seine Erfindungen in den Orgelzeitschriften an, wie viele seiner Kollegen es taten. Wenn man nun seine Hinterlassenschaft betrachtet, muss man unweigerlich feststellen, dass er als Orgelbauer auf höchste Genauigkeit, Liebe zum Detail und kompromisslose Qualität bedacht war. Die Sauberkeit der Lötstellen aller Metallpfeifen in Kronstadt, sowie die Qualität der Verarbeitung bis ins kleinste Detail – und das bei edelster Intonation – lassen uns diesen leider in so wenigen Werken erhaltenen Künstler in allerhöchster Bewunderung erscheinen.

Die  Kronstädter Gemeinde hatte schon in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts mehrere Orgelbauer angeschrieben, um Bewerbungen einzuholen. Die Gebrüder Serassi aus Bergamo (Italien) und der Wiener Orgelbauer Deutschmann waren unter ihnen. Mit Letzterem wurde sogar ein Vertrag abgeschlossen. Dass es nicht dazu kam, liegt an der Tatsache, dass die Kronstädter Gemeinde nicht das passende trockene Holz bereitstellen konnte, mit dem die Orgel gebaut werden sollte. So kam es, dass im Jahr 1835 eine Delegation der evangelischen Gemeinde nach Frankfurt an der Oder fuhr, um sich dort die neugebaute Buchholzorgel anzusehen. Ein paar Wochen später, am 19. September 1835, wurde der Vertrag mit Buchholz unterzeichnet und eine Bauzeit von drei Jahren ab Baubeginn 1836 vereinbart. Der Preis betrug 10.224 Taler. Carl August Buchholz kam mit zwei Gehilfen aus Berlin (Pohl und Meiwald) und wohnte in einer Wohnung neben der Obervorstädter Kirche. Mehrere Kronstädter Tischlergesellen kamen als Hilfskräfte hinzu. Einer von ihnen, Carl Schneider, wurde später ein geschickter Orgelbauer und kann sozusagen als Nachfolger von Buchholz in Siebenbürgen gelten.

Zur Einweihung der Orgel, am 17. April 1839,  wurde eine neukomponierte Kantate von Johann Lukas Hedwig neben anderen Werken von G. F. Händel, W. A. Mozart und F. Schneider aufgeführt. Diese Kantate entstand in Wien, wo Hedwig schon seit dem Jahr 1821 lebte. Nach der Fertigstellung der Orgel engagierte die Evangelische Gemeinde einen Kantor (Johann Lukas Hedwig) und einen Organisten (Carl Closs), damit das neue Instrument zur Geltung kommt und die Kirchenmusik einen Aufschwung erfährt. Closs blieb jedoch nur kurze Zeit in Kronstadt und wurde von Heinrich Mauss abgelöst, der ab 1841 mit Johann Lukas Hedwig die Kirchenmusik bereicherte. Die Kronstädter Orgel war zur Zeit ihrer Erbauung eine der fünf größten Orgeln in Europa und wurde in mehreren Musikzeitschriften jener Zeit beschrieben. 175 Jahre später liegt sie weltweit auf Platz 784 (laut www.dieorgelseite.de), was die Anzahl der Pfeifenreihen anbelangt. Die Hermannstädter Orgel rangiert auf Platz 560.

Im Jahre 1938 wurde von der Kronstädter Firma Einschenk ein neues motorgesteuertes Gebläsesystem eingebaut, sodass keine Calcanten (Balgtreter) mehr benötigt wurden. Dieser Motor ist noch immer betriebsbereit und erfüllt treu seinen Dienst. 1966 wurden einige Pfeifenreihen (Register) im Zuge der Zeit durch andere ersetzt, die älteren aber im Turm eingelagert. In den Jahren von 1998 bis 2001 fand eine größere Renovierungsarbeit statt, welche die Schweizer Firma Stemmer mit besonderer Sorgfalt und Stilsicherheit zum guten Ende führte. Dabei kamen auch diese alten Pfeifen zurück, sodass die Buchholzorgel wieder in ihrer Originaldisposition erklingt.

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Die technischen Daten

3993 Pfeifen verteilt auf 84 Pfeifenreihen
4 Manuale mit 1 Pedal
9 Blasebälge die hinter der Orgel aufgebaut sind
63 klingende Register und 76 Registerzüge
12 Windladen
die größten Pfeifen – über 9 m
die kleinsten Pfeifen 2 cm
Frequenzbereich: ca. 20 Hz – 16 kHz
verwendete Materialien: Zinn für die Metallpfeifen, Buchenholz für die Holzpfeifen, Eichenholz für die Windladen, Birkenholz für die Verzierungen, Kupfer für die Zungenplättchen und die Stechermechanik, Leder für alle Abdichtungen

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