Körper und Medien in der gegenwärtigen Schauspielkunst

Schauspielschule Temeswar veranstaltete Tagung zum Jubiläum

Freitag, 12. Oktober 2012

Zum ersten Mal veranstaltete die Schauspielschule Temeswar eine Tagung für ihre Studenten. Hier im Bild die Leiterin der Schule, Dr. Eleonora Ringler-Pascu (rechts), mit dem Konsul der Bundesrepublik Deutschland in Temeswar, Klaus Christian Olasz.
Foto: privat

Anlässlich des 20. Jubiläums der deutschen Abteilung für Schauspielkunst an der Musikhochschule der West-Universtität Temeswar fand am vergangenen Freitag eine Tagung zum Thema „Körper und Medien in der gegenwärtigen Schauspielkunst“ statt. Acht Theaterschaffende und -wissenschaftler referierten über bedeutende Zeitgenossen und aktuelle Theatertrends und stellten Studenten aller Jahrgänge der deutschen und rumänischen Schauspielabteilung neue Richtungen vor, in denen sich das Theater im Westen entwickelt.

Dr. Eleonora Ringler-Pascu, die Leiterin der Schauspielschule Temeswar, lud Kritiker, Spielleiter, Choreografen und Lektoren dazu ein, über die Rolle des Schauspielers und dessen Körper sowie über den Einzug von Technik in modernen Stücken zu sprechen. So stellte die Theaterkritikerin Irina Wolf drei bedeutende westliche Regisseure vor, die mit ihren Produktionen neue Wege beschreiten und sich durch einen persönlichen Stil auszeichnen. Ob Jan Lauwers „Lobster Shop“, Ariane Mnouchkines „Los Náufragos de la loca esperanza“ oder Robert Lepages „Lipsynch“ – alle drei Produktionen, die Wolf in Temeswar anhand von Youtube-Videos kurz vorstellte, rücken den Menschen und seine Entmenschlichung in den Mittelpunkt. Alle drei Künstler sind nicht nur namhafte Spielleiter, sondern auch erfolgreiche Dramatiker, die sich über das aktuelle Weltgeschehen äußern oder einfach nur dem Theater eine neue Facette abgewinnen möchten und sich darum dem Experiment hingeben. Vor allem Jan Lauwers wird durch seine Stücke politisch, manchmal persönlich, indem er eigene Schicksalsschläge zu verarbeiten versucht. Langweilig wird Lauwers nie. Und das obwohl Produktionen wie „The Lobster Shop“ mehrere Stunden dauern.

Auf der Suche nach der Identität

Doch so viel Zeit muss sein, um sich mit so komplexen und schwierigen Themen auseinanderzusetzen wie Identität. Für Lauwers gilt sie in Europa als verloren. Es wäre eine fast unüberwindliche Herausforderung, für dieses Problem eine Lösung zu finden, findet der Künstler. In „The Lobster Shop“ erzählt Lauwers von einem Paar, das durch einen dummen Unfall seinen Sohn verliert. Der Mann kommt über den Verlust nicht hinweg, die Ehe geht in die Brüche und er beschließt, sich das Leben zu nehmen. Doch davor möchte er noch ein letztes Mal Hummer essen und geht in sein Lieblingsrestaurant. Als der Kellner die Beilagensoße über sein weißes Kostüm gießt, bricht seine Welt endgültig auseinander.

Die Menschen wären in ihrer Identität zutiefst verunsichert, sagte Lauwers in Interviews. Gerade davon möchte sein Performancestück handeln. Irina Wolf ging besonders  auf die Rolle der Schauspieler in Lauwers Stücken ein. Es würde sehr viel improvisiert und aus dem Stegreif heraus angepasst. Statt auf einer strikten Abfolge und totalen Kontrolle zu bestehen, räumt Lauwers seinen Schauspielern Freiheiten ein. Gleichzeitig setzt er auf viel Bewegung und körperbetontes Schauspielern. Anders Robert Lepage, der sich eher der Technik bedient, weshalb diese immer wieder zum  Höhepunkt seiner Produktionen wird. Ob Videoprojektionen, Audioaufnahmen oder praktische Mehrzweck-Sets, der Kanadier experimentiert mit den Möglichkeiten und thematisiert wiederum das Problem der Identität des Menschen diesmal im Gegensatz mit der Technik.

Zwischen Kontrolle und Freiheit

Nicht weniger interessant war der Vortrag von Shane Kinghorn. Der Lektor von der Manchester Metropolitan University stellte das englische Theaterhaus Verbatim vor. Dieses hätte sich auf Dokumentartheater spezialisiert. Ausgehend von realen Begebenheiten stellt das Theater mithilfe von Schauspielern Vorfälle nach. Als Textvorlage dienen Interviews mit Zeugen und beteiligten Personen. Dabei lernen die Schauspieler keinen einzigen Satz auswendig, stattdessen sind sie komplett auf Kopfhörer angewiesen. Während der gesamten Vorstellung wird ihnen der Text ins Ohr diktiert.

Schauspielerische Freiheiten sind hier kaum erwünscht. Ganz anders bei Rodrigo Garcia. Der argentinische Spielleiter verlangt schon mal von seinen Schauspielern, dass sie selbst sind. Was er sucht, sind oft lebendige Alternativen zur steifen Lügerei des professionellen Schauspielers. In Temeswar, wo Garcia am Nationaltheater ein Stück stellte, konnte eine Darstellerin Garcias Vision nicht nachempfinden und hätte auch entrüstet gefragt, wieso man sie denn nicht spielen lasse? Alina Nelega von der Kunsthochschule aus Neumarkt/Târgu-Mureş stellte Garcia und seine Arbeit vor.

Ganz persönlich waren die Vorträge von Bogdan Ulmu und Ioana Ispas. Ersterer war in den 1980er Jahren Hausspielleiter am Deutschen Staatstheater Temeswar (DSTT). Ulmu fasste schnell die damaligen Umstände am DSTT zusammen: Es fehlten erfahrene Schauspieler und eine kompetente Intendanz. Die Choreografin Ioana Ispas bediente sich während ihres Vortrags des persönlichen Notizbuchs. Darin hat sie Zitate zu Themen wie Körper und Tanz niedergeschrieben, die sie den anwesenden Studenten vorlas. Zum Abschluss der Tagung stellte Daniela Magiaru eine Theatertruppe aus Budapest vor und Dr. Eleonora Ringler-Pascu sprach über Robert Wilson und dessen Figurenästhetik anhand seiner „Leonce und Lena“-Inszenierung.

20 Jahre Schauspielstudium Temeswar

1992 gründete die Schauspielerin Ida Jarcsek-Gaza eine deutschsprachige Schauspielklasse in Temeswar. Zwei Jahre später wurde auch eine rumänischsprachige Abteilung eingeführt. Das Deutsche Staatstheater Temeswar kämpfte nach der Wende mit Personalschwund. Es verlor aufgrund der Auswanderung der Schwaben nicht nur sein Publikum, sondern auch seine Schauspieler. Das Problem bestand bereits in den 1980er Jahren, wie der Spielleiter Bogdan Ulmu während seines Vortrags bestätigte. Obwohl der Schule stets Lehrkräfte fehlten und ein eigenes Gebäude, ging aus der Temeswarer Schauspielschule ein Großteil des heute bestehenden Ensembles des DSTT hervor.

Seit Dr. Eleonora Ringler-Pascu die Schauspielschule übernommen hat, bemüht sie sich, den Studiengang in Temeswar auszubauen und ihn wettbewerbsfähig zu machen. Projekte mit anderen deutschsprachigen Kultureinrichtungen aus der Stadt sowie Projekte mit Schulen aus dem westlichen Ausland sollen den Fortbestand der Einrichtung garantieren. Auch die Tagung, die in der Aula der Zentralbibliothek „Eugen Todoran“ stattfand, war eine Premiere für die Schauspielschule Temeswar. Eine erfolgreiche nach Einschätzung der Schauspielstudenten, die sich weitere solcher Veranstaltungen wünschen.  

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