„Kokett auf Rädern“

Fahrradfahrerin in Temeswar heute

Dienstag, 16. Juni 2015

So kokett können Fahrradfahrerinnen sein!

Romina Faur, die Projektleiterin von „Verde pentru biciclete“, präsentierte bei den hiesigen Fahrradfahrerinnen sehr beliebte Körbe, die als „Fabulous Baskets“ bekannt sind, sowie einen von Temeswarer Designern eigens für Fahrradfahrerinnen gedachten Modekatalog.
Fotos: Zoltán Pázmány

Den Namen der ersten Fahrradfahrerin in Bukarest will die Geschichte mit Genauigkeit kennen: „Miţi Biciclista“ war eine schillernde Persönlichkeit und war in Bukarest am Anfang des 20. Jahrhunderts eine mondäne Präsenz, der „love stories“ oder auch Beziehungen zu großen Namen des Moments nachgesagt wurden. Vor hundert Jahren war das Fahrrad ein noch unübliches Fahrzeug für Frauen in Rumänien, vielleicht ist es in vielen Städten Rumäniens auch so geblieben, wegen der Entfernungen und wegen des Zustandes der Straßen. Die Temeswarerinnen entdecken das Fahrrad und die Lust am fahren wieder, nachdem sich die Stadt in den letzten Jahren zusehends für die Errichtung von Fahrradwegen eingesetzt hat. Die auch hier noch ungenügend sind, aber sich mit satten 80 Kilometern schon sehen lassen können im Vergleich zu anderen Städten.

Fahrradfahren kommt hier vor allem bei Akademikerinnen gut an, das ist schon früher so gewesen: Ich erinnere mich, noch als Kind eine Uniprofessorin bewundert zu haben, die sehr gemächlich durch die Innenstadt radelte: graue Haare, blaue Augen und eine perfekt aufrechte Haltung auf dem Fahrrad – es war wohl eines der Loisir-Fahrräder und kein Sportrad. Auch heute bevorzugen viele Akademikerinnen, ob jung oder alt, dieses Fahrzeug. Nachdem sich die Fahrradfahrer jahrzehntelang durch Pfützen und Schlaglöcher, aber auch durch den Spottdschungel, den die Autofahrer veranstalteten, durchgeschlagen haben, scheint endlich auch ihr großer Augenblick gekommen zu sein. Dazu tragen Bewegungen wie etwa „Pedalaţi cu familia UVT (Radeln in der West-Uni-Familie)“ oder „Verde pentru biciclete (Grün für Fahrräder)“ bei, letztere ein Projekt der Bega-Stiftung und die größte Bewegung dieser Art in Temeswar. Kürzlich fand eine der Großaktionen von „Verde pentru biciclete“ statt, die sich an die Radfahrerinnen richtete: „Cochete pe biciclete“ („Kokett auf Fahrrädern“) fand zum fünfte Male statt.

Von 250 auf 15.500 Nummernschilder

Romina Faur, die Projektmanagerin von „Verde pentru biciclete“, bekräftigt, dass „sich immer mehr Temeswarer, ob Frauen oder Männer, für das Fahrrad entscheiden. Ich glaube, dass sie im Laufe der Zeit bemerkt haben, welche Vorteile das Fahrrad bringt. Die Anzahl der Fahrradfahrer ist in Temeswar seit 2008, als wir die Kampagne gestartet haben, exponentiell gestiegen. Unsere Statistik geht von der Anzahl der Fahrradnummernschilder, die wir verteilen und die für unsere Kampagne werben, aus: Es sind bisher 15.500 Fahrradnummern. Im ersten Jahr waren es 250. Und es sind noch viele Fahrradfahrer, die ohne unsere Schilder fahren“.

Ob man überhaupt als Radfahrerin auf den Straßen Temeswars heute kokett sein kann, wollten wir wissen: „In erster Linie sorgt dafür die Haltung, nicht die Kleidung. Die Eleganz ist etwas Angeborenes, auch Erlerntes. Elegant sein, bedeutet nicht unbedingt Stöckelschuhe und Kleid, sondern Kleider, die einem passen, Kleider, die gepflegt aussehen. Kokett kann auch eine Frau in Jeans und Sandalen und einem Blüschen sein, es gibt sehr viele Möglichkeiten. Und wir Frauen sind sehr kreativ. Wir empfehlen das Radeln auf Stadtfahrrädern. Ich habe jedoch viele Frauen getroffen, die sogar sehr elegant angezogen auf einem Sportfahrrad in die Arbeit radeln. Man kann alle möglichen Kombinationen sehen. Vergangenes Jahr habe ich sehr viele Frauen gesehen, die zur Arbeit radelten, was uns sehr erfreut, denn es bedeutet, dass sich die Mentalität verändert hat, sowohl die der Fahrradfahrer als auch die der anderen Verkehrsteilnehmer, die noch nicht aufs Fahrrad umgestiegen sind. Im Allgemeinen sind die Fahrer respektvoller, wenn sie eine schöne Frau sehen, die auch gepflegt ist“.

Gegenseitiger Respekt

Respekt ist überhaupt ein Aspekt, den die Autofahrer (wieder) erlernen mussten. Und heute sind vielleicht einige Fußgänger von der Geschwindigkeit, mit der die Fahrradfahrer an ihnen vorbeisausen, gestört. „Wir empfehlen gegenseitigen Respekt, sodass sowohl die Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer die Verkehrsregeln und die Regeln des guten Benehmens respektieren als auch die Autofahrer. Aber man kann schon behaupten, dass sich in letzter Zeit die Mentalität gegenüber den Fahrradfahrern verändert hat, die Autofahrer sind wohlwollender als früher. Diese Aussage wird auch von den Statistiken unterstützt, in den letzten Jahren ist die Anzahl der Unfälle mit Fahrradfahrern gesunken. Und wenn wir heute in Kolonnen vor den Autos fahren, die halten müssen, winken uns die Fahrer zu, vor einigen Jahren waren manche von ihnen noch pikiert“.

Was die Fahrradpisten betrifft, hat die Stadt bei der Erneuerung von Straßen in den letzten Jahren gewöhnlich auch an die Fahrradfahrer gedacht, hinkte doch nicht nur Temeswar, sondern ganz Rumänien in Statistiken anderen europäischen Städten stark nach, was diesen Aspekt der Infrastruktur anbelangt. Und trotzdem reichen wir noch nicht so richtig an andere heran. Viele Pisten wurden in Temeswar einfach durch das Markieren einer Hälfte des Gehsteigs eingerichtet, was wiederum die Fußgänger nicht glücklich stimmte. Aber wie Romina Faur erklärte: „Wir freuen uns, dass es überhaupt Pisten gibt. Diese muss man laut Gesetz unbedingt benutzen. Für Anfänger ist das sowieso sinnvoll. Es gibt schon viele Menschen, die die Meinung vertreten, dass diese Pisten auf den Fahrwegen und nicht auf den Gehsteigen eingerichtet werden sollten, aber wir appellieren an gegenseitigen Respekt und Verständnis. Und was noch wichtiger ist: Man müsste die Vernetzung der Fahrradpisten verbessern“.

Unterschriften für Pisten

„Verde pentru biciclete“ hat vor Jahren auch versucht, Lobby für die Fahrradfahrer bei der Stadtverwaltung zu machen: „2009 haben wir eine Eingabe verfasst und Unterschriften gesammelt und diese an den Stadtrat weitergeleitet. Damals gab es nur vier Pisten in Temeswar, und dann haben sie begonnen, mehrere einzurichten“. In manchen Städten im Ausland werden „autofreie Tage“ vorgeschlagen, um Umwelt, Gesundheit und eine andere Lebensweise zu fördern. Aber so weit geht die Bewegung in Temeswar nicht: „Wir wollen keine Extremisten sein. Wir verstehen, dass wir jetzt vielleicht Fußgänger sind, fünf Minuten später Fahrrad fahren oder in zwei Stunden Auto fahren können. Wichtig ist, zusammenzuleben und uns zu verstehen. Es wäre ideal, wenn es immer mehr Fahrradfahrer gäbe, denn die Stadt ist flach und übersichtlich. Man kann sie gut per Fahrrad durchqueren. Außerdem können die Autofahrer sich auch die eigentlichen Kosten errechnen, die sie im Laufe eines Jahres haben und die sie sich ersparen könnten, wenn sie auf das Fahrrad umsatteln“.

Kommentare zu diesem Artikel

Ottmar, 16.06 2015, 18:46
Ich hatte einmal ein interessantes Gespräch mit einem Deutschen Ingenieur der bei Infineon Bukarest tätig ist. Er wohnte in Aviatiei sein Arbeitsplatz war Pipera. Auf meine Frage wie er in die Arbeit kommt gab er mir 3 Antworten.
Am schnellsten in 5 Minuten mit dem Fahrrad.
Am sichersten zu Fuss in 25 Minuten.
Am langsamsten mit dem Auto in bis zu 40 Minuten.

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