KOMMENTAR: Wasserkopf Hauptstadt

Dienstag, 09. August 2016

Jüngst erschien eine Statistik, derzufolge es in Rumänien gegenwärtig rund 4,45 Millionen Beschäftigte gibt. Rund 34.000 unter ihnen verdienen monatlich mindestens 10.000 Lei netto. Etwa 400.000 bringen es auf 3000-10.000 Lei netto im Monat, 4 Millionen kommen bis auf höchstens 3000 Lei. Davon bringen mehr als 70 Prozent (2,8 Mio) weniger als 1700 Lei nach Hause, was weit unter dem Durchschnittslohn der Volkswirtschaft (2800 Lei) liegt. Aber 44 Prozent (2 Mio) dieser 70 Prozent kommen bloss bis 1000 Lei monatlich. Rumänien hat Rentner, die mit 400 Lei monatlich auskommen...

Die höchsten Löhne gibt es im IT, den Finanzdienstleistungen  und in der Erdöl- und Erdgaswirtschaft – aber nur 222.000 Arbeitnehmer kommen insgesamt auf über 4000 Lei im Monat. Soziologen bezeichnen diese Schwelle bei den Lebenskosten Rumäniens als „dezentes Einkommen“. Der Arbeitskräftemangel, die Arbeitsmigration, das fehlende Interesse an Berufsbildung und –fortbildung können durch geringe Löhne erklärt werden. Fehlende Arbeitsproduktivität kommt hinzu. Aber wer hat zuletzt Statistiken dazu einsehen können? Die werden nicht veröffentlicht. Nicht weil die KMU staatlich kaum ermutigt und vom Fiskus eher entmutigt werden. Viele Ökonomen und Wirtschaftspolitologen sagen: die Arbeitsproduktivität wird unterm Teppich gehalten, weil da Bukarest und Ilfov grottenschlecht wegkommen.

Die höchsten Netto-Durchschnittslöhne werden nämlich in Bukarest (2882) und in Ilfov (2423) bezahlt. Abgeschlagen folgen Klausenburg (2219) und Temesch (2188) und ganz am Ende liegt Harghita (1415).  Andrerseits: 29.000 der 34.000 Löhne über 10.000 Lei netto im Monat werden in Bukarest ausgezahlt, mehr als 80 Prozent davon in produktionsfernen Bereichen. Wie wird dort, transparent, die Produktivität gemessen?

Hingegen ist fast in jeder Lebenssituation, in welcher der Bürger mit zentral geregelten Institutionen in Berührung kommt, die Reglierschranke Bukarest im Spiel. Fragt man, wieso es so lange dauert, bis das Kabelfernsehen wieder in Ordnung gebracht wird (nachdem sich der Partner am anderen Ende der Leitung redlich bemüht, dich selber zum Reparieren anzuleiten) heißt es: „Bukarest verbietet uns weitere Anstellungen!“. Wartet ein frischer Rentner, mit aufgebrauchten Rücklagen, auf die erste Rentenauszahlung und meckert, hört er beim Rentenamt: „Wir sind zu wenige, sind noch nicht dazu gekommen, die Papiere nach Bukarest zu schicken. Und mehr Leute anzustellen verbietet uns Bukarest!“

Das Verbot aus Bukarest, vom bürokratischen Wasserkopf Rumäniens, blockiert das Alltagsleben. Bukarest – auch das sagen Volkswirte (natürlich „Provinzler“) – verbraucht mehr, als es produziert. Bukarester Politik, Verwaltung und Bürokratie saugen das Land aus. Auch mit selbstzugeeigneten Höchstlöhnen.

Kommentare zu diesem Artikel

Peter, 12.08 2016, 09:56
Das Bukarest diesen Wasserkopf hat und somit auch alle Entscheidungen schwerfällig sind, liegt nur an der zentralistische Verwaltungsgliederung, alles wird aus der Hauptstadt entschieden. Dabei hätte es sich angeboten Rumänien nach 1989, ähnlich Deutschland, eine föderalistische Verwaltung aufzubauen, damit möchte ich sagen dass die Judete eine eigene Verwaltung bekommen. Die Verwaltungsgliederung hätte dann zwei staatliche Ebenen, Staat und Judete. Zurück zum Zentralismus. Die Wendekommunisten (Iliescu) haben diese zentralistische Struktur gewählt damit sie alles unter Kontrolle haben. Als Kinder von Ceausescu kennen sie nichts anderes, von ihrer Natur aus haben sie diesen Kontrollzwang.
Tourist, 12.08 2016, 07:57
Bukarest ist auch das Zentrum der Finanzindustrie, Banken, Versicherungen, dazu ausländische Konzernzentralen, Zeitungen, Fernsehen, Fluglinien, Marktforschungsinstitute, Planungsbüros, etc.. Natürlich gibt es dort viele gutbezahlte Jobs. Dort sitzen die Manager, die Abteilungsleiter, die ganze Verwaltung von hunderten privatwirtschaftlichen Unternehmen, nicht nur Beamte in den Ministerien. Ist halt so. Die Fabriken stehen irgendwo im Land, auch die Kaufhäuser im Einzelhandel, die Verwaltung ist hingegen meist in Bukarest. Genau so ist es mit Paris in Frankreich oder mit London in England. Auch Deutschland hat regionale Schwerpunkte, die Industrie im Ruhrgebiet oder Schwabenland, die Banken in Frankfurt, die Medien in Köln, die Kreativwirtschaft und Ministerien in Berlin. Deutschland hat eben mehrere Millionenstädte, Rumänien nur eine. In Suceava oder Harghita, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, wird eben kein ausländischer Konzern seine Zentrale aufbauen, außer vielleicht eine Firma in der Holzbranche.

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